15. September 2017

Wer sagt denn, eine Kreuzfahrt sei langweilig?

Die «MS Europa 2» läutet ein neues Zeitalter auf See ein – mit Yoga, Kochkurs und Gin-Degustationen. Eine Reportage über eine Reise auf dem Fünf-Sterne-Plus-Schiff von Hongkong nach Koh Samui.

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Das erste Vorurteil wird gleich beim Start widerlegt: Die Passagiere, die das Kreuzfahrtschiff «MS Europa 2» in Hongkong besteigen, sind jünger und fitter, als man gemeinhin erwartet, und sie wollen ein hochstehendes Programm an Bord. Und das Tagesprogramm bietet ihnen viel: Personal Trainer Patrick Kautermann lädt um acht zur Morgengymnastik und eine halbe Stunde später zum Walking ein. Von neun bis elf Uhr und am Nachmittag ist die Brücke für die Passagiere zugänglich. Am Arbeitsplatz von Kapitän Ulf Wolter, dessen Familie in vierter Generation zur See fährt, erklärt ein Offizier, wie das schnittige und moderne Schiff navigiert wird. Dazwischen erwartet das Sportteam die Gäste, um über Geräte, Kurse und Trainingsmöglichkeiten zu informieren. Parallel dazu erklärt Buchautor Martin Petrich in einem Vortrag das moderne Malaysia.

Neues Format «In2balance»

Und als ob dieser kurze Auszug aus dem Tagesprogramm noch nicht genug wäre, hat sich die Hamburger Reederei Hapag-Lloyd Cruises entschieden, dieses Jahr auf vier Reisen mit «In2balance» ein neues Trainings- und Entspannungsformat einzuführen, das im Pauschalpreis inbegriffen ist. Kommende Saison stehen sieben Daten zur Auswahl: Patrick Broome, Yogatrainer der deutschen Fussballnationalmannschaft, bittet zu seinem Kurs aufs Sonnendeck mit Blick aufs offene Meer, begleitet von einer angenehmen Brise. Starkoch Holger Stromberg kocht in der Demonstrationsküche und beantwortet Fragen zur Ernährung, die ehemalige Box-Weltmeisterin Regina Halmich, Ex-Profiboxer Sven Ottke und Personal Trainer Jonathan Hippensteel sorgen für zusätzliche Lektionen.

Yoga mit Patrick Broome, begleiter von einer frischen Brise (Bild: zVg).

Halmich erklärt: «Das Format richtet sich an Gäste, die aktiv im Beruf sind und innovative Trainingsmethoden lernen wollen. Die meisten Teilnehmer unserer Boxkurse sind Anfänger. Sie kommen ins Schwitzen, werden gefordert, aber nicht überfordert. Trotz Ausstattung mit Boxhandschuhen handelt sich niemand ein blaues Auge ein.» Richtig angewendet, sei Boxen ein effektives Ganzkörpertraining. Coach und Model Hippensteels Wunsch: «Ich möchte, dass die Gäste meine Fitnessübungen auch nach der Kreuzfahrt machen.» Andere haben dies auch schon Nachhaltigkeit genannt.

Das Gesicht von Ho-Chi-Minh-Stadt hat sich mit neuen Wolkenkratzern wie dem 68-stöckigen Bitexco-Turm mit Helikopterlandeplatz komplett verändert.

Das zweite Vorurteil: Für Kreuzfahrten muss man einen Koffer voller schicker Kleider mitnehmen. Die Herren im «Yacht Club», eines der sieben Spezialitätenrestaurants an Bord, bedienen sich in Shorts, Shirts und Flipflops am Mittagsbuffet. Ungezwungener könnte die Atmosphäre auf dem Luxus-schiff mit seinen grosszügigen Raumverhältnissen in den Kabinen und dem hellen, skandinavisch anmutenden Design nicht sein. Es scheint, als sei ein neues Zeitalter in der Kreuzfahrt angebrochen. Erst am Abend wird sportlich-elegante Kleidung erwünscht – Krawatten sind nicht nötig.

Restaurantleiterin mit 20 Jahren

Die neue Generation verkörpert Jasmine Gsell aus Wohlen AG besonders gut: Obwohl erst 20 Jahre alt, ist sie seit März Restaurantleiterin des asiatischen «Elements». Eine solche Karriere wäre an Land nie möglich gewesen. Nachdem sie als Restaurationsfachfrau im Schweizerhof in Zürich arbeitete, suchte sie eine neue Herausforderung und ist dank Google auf den Dienstleister Sea Chefs gestossen. «Ich habe mich beworben und erhielt den Job. Nun bin ich quasi einmal um die Welt gereist und lernte dabei viele interessante Menschen kennen. Die Aufgabe ist zwar streng. Aber wer kann schon in meinem Alter Sydney, Kapstadt, Tahiti, Mexiko und Grönland besuchen?»

Jasmine Gsell war Restaurantleiterin und wird im Winter in Zermatt arbeiten.

Jasmine Gsell fühlt sich an Bord zu Hause. Am meisten geniesse sie die Seetage, wenn das Schiff den ganzen Tag nur auf dem Meer unterwegs ist. Ihre Lieblingsecke auf der «MS Europa 2»: Die Bar Sansibar auf Deck 8 «ist ein super Ort, um unter freiem Himmel die entspannte Atmosphäre zu geniessen». Trotzdem wird Gsell ab Dezember wieder an Land arbeiten: im Restaurant «Chez Vrony» ob Zermatt VS.

Mit Rahel Fehr (24) arbeitet eine weitere Schweizerin auf der «MS Europa 2». Das Schiff ist laut Kreuzfahrtführer Berlitz zusammen mit der «MS Europa» das einzige Schiff der Welt, das mit der Höchstnote Fünf Sterne plus klassifiziert ist. Die gelernte Hotelfachfrau und einstige Rezeptionistin aus Winterthur startete an Bord als Kabinenstewardess und zeichnet nun als Supervisor der Etage verantwortlich. «Mir gefällt es, auf dem Schiff zu arbeiten, mit Gästen ins Gespräch zu kommen und in aller Welt der Sonne nachzureisen», schwärmt sie.

Rahel Fehr kümmert sich darum, dass die Kabinen im guten Zustand sind.

Dabei sind Rahel Fehrs Arbeitstage lang: von 7 bis 14 Uhr sowie von 18 bis 22 Uhr. An Abreisetagen dauert ihr Einsatz von 6.30 bis 23 Uhr. Ihre sieben Quadratmeter kleine Kabine muss sie mit einer Kollegin teilen, die im Service arbeitet, was den Vorteil hat, dass die beiden dank unterschiedlicher Arbeitszeiten gut aneinander vorbeikommen. Die Eltern der Schweizerin schätzen es, sich über die Live-Webcam zu informieren, wo sich das Schiff gerade befindet.

Unterwegs im aufstrebenden Vietnam

Von dem, was hinter den Kulissen passiert, bekommen die meisten Passagiere nichts mit. Sie lassen sich in ihren 35 Quadratmeter grossen Suiten mit Veranda und begehbarem Kleiderschrank verwöhnen, im über 1000 Quadratmeter grossen Spa, in einem der qualitativ hochstehenden Restaurants oder mit einem Landausflug. Die Routen der «MS Europa 2» sind ausgesprochen attraktiv. Auf dieser Reise nimmt das Schiff Kurs auf das vietnamesische Da Nang, Ausgangspunkt für einen Abstecher in die Altstadt von Hoi An.

Die gleichermasssen malerische wie auch touristische Kleinstadt zählt zum Unesco-Weltkulturerbe. Wir lernen an Bord, dass die Bevölkerungszahl in den vergangenen 20 Jahren von 30 000 auf über 100 000 explodiert ist. Auf dem Programm steht auch Ho-Chi-Minh-Stadt, deren Gesicht sich mit nagelneuen Wolkenkratzern wie dem 68-stöckigen Bitexco-Turm mit Helikopterlandeplatz komplett verändert hat. Beim Eindunkeln zeigt sich das auf einer Schnellbootfahrt auf dem Saigon River. Unvergesslich ist es auch, auf dem Rücksitz eines Motorrollerfahrers die Stadt zu entdecken: ein Muss für jeden Besucher Saigons, wo nicht weniger als zwölf Millionen Töffs unterwegs sind.

Die Kommandobrücke von Kapitän Ulf Wolter ist oft auch für die Passagiere geöffnet.

Wir fahren weiter zur thailändischen Badeinsel Samui und nach Malaysia. Im Gegensatz zu den Mega-Linern kann die Europa 2 mit einem Tiefgang von sechs Metern auch kleinere Häfen ansteuern und hat maximal 500 Passagiere an Bord.

Immer wieder wechseln sich Höhepunkte zu Land und zu Wasser ab. Sommelier Tobias Lubasch lädt zur Weindegustation und drei Tage später zum «Champagner Tasting» ein. Und in der eleganten Ambiance des Herrenzimmers wird kostenlos Gin degustiert. Denn man ist stolz darauf, mit 37 Sorten die grösste Sammlung dieses «In»-Getränks auf See zu stellen.

Wie stark sich Kreuzfahrten Ferien auf dem Land angenähert haben, zeigt sich an der häufigsten Frage, die Kapitän Wolter gestellt wird: Wie wird das Wetter?

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