18. Februar 2019

Wer ist hier gaga?

Bänz Friedli (53) geht mit sich selbst ins Gericht. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Im Fitnessstudio

Wer den Radiosender eingeschaltet hat?Keine Ahnung. Aber im Fitnessstudio meines Vertrauens läuft seit Jahren immer derselbe. Zu hören sind Geplapper, Flachwitze und austauschbare Musik – was halt so läuft im Radio heutzutage. Doch als ich ver­gangene Woche meine Kniebeugen auf dem Balancebrett machte, erklang plötzlich «Radio Ga Ga» von Queen, und während Freddy Mercury so voller Verachtung «Alles, was wir hören, ist nur noch Radio Gaga, Radio Gugus, Radio Blabla» sang, dachte ich bei mir: Recht hat er.

Einzig neckisch, dass der Song just von einem Sender gespielt wurde, den er anprangert: einem Gaga-Radio. War dies nun ein Widerspruch oder vielmehr der Beweis, dass solcherlei Stationen derart arg- und achtlos drauflossenden, dass sie nicht mal mehr merken, wenn sie eine Kritik am eigenen Tun ausstrahlen? Schwer zu sagen. Vermutlich ist es ja schon ein Widerspruch, dass ich mich mit dem Tram ins Fitness begeben habe. Sommers, klar, fahre ich mit dem Velo hin – aber bei dieser Kälte? Immer noch besser, tröste ich mich, als die Mittfünfzigerin, die regelmässig am selben Ort trainiert und in einer Riesenkarosse mit Schwyzer Kennzeichen angebraust kommt, für die in unserer Stadt kaum ein Parkplatz gross genug ist. Mit dem Auto zig Kilometer zurücklegen, um sich körperlich zu ertüchtigen? Absurder ist nur noch, den Hund an den Waldrand zu chauffieren, wo man ihn dann kurz Gassi führt.

Aber wer wäre schon frei von Widersprüchen? Wir essen Bio-Gerste aus Übersee. Kaufen das gebleichte T-Shirt eines amerikanischen Herstellers, auf dem ein Memento des Pfadigründers Robert Baden-Powell gegen Hass und Naturzerstörung prangt: «Try to leave this world a little better than you found it», man möge die Erde besser hinterlassen, als man sie vorgefunden habe. Das Shirt trägt nicht wirklich zu einer besseren Welt bei, denn es ist made in Bangladesh unter menschenunwürdigen und umweltschädlichen Bedingungen. Und was tat ich letzthin während einer Trauerfeier? Einer meiner liebsten Sänger, der Songwriter Trummer, sang grad eines meiner liebsten Lieder – und mich juckte es, im Liveticker nachzuschauen, wie Wendy Holdener in der Kombination der Ski-WM abschneide. Keiner hätte es bemerkt, ich sass in der hintersten Kirchenbank. Schon fingerte ich im Hosensack nach meinem Handy. In einem Augenblick, da alles vermeintlich Dringende jegliche Wichtigkeit verliert, wollte ich wegen irgendeiner irdischen Aktualität das Smartphone zücken? Ich habe den Impuls gerade noch unterdrückt.

Hat Holdener gewonnen? Ehrlich gesagt, es interessiert mich gar nicht besonders.

Die Hörkolumne (mp3)

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