01. September 2014

Wenns pressiert

Harnwegsinfekte sind schmerzhaft, lästig und eigentlich vermeidbar. Trotzdem erwischt es die Hälfte aller Frauen immer wieder.

Symbolbild Blasenentzündung Preiselbeersaft
Preiselbeersaft verhindert, dass sich Bakterien in den Schleimhäuten des Genitalbereichs ansiedeln.

Es kommt ganz plötzlich. Dringend, sehr dringend, muss das WC aufgesucht werden. Mit einem Gefühl grosser Erleichterung wird die Blase entleert. Es brennt währenddessen, heftig sogar. Und kaum hat Frau das stille Örtchen verlassen, verspürt sie das Bedürfnis, sofort wieder dorthin zurückzukehren. Sie muss schon wieder, aber es kommt nur wenig, der Schmerz ist höllisch, der Unterleib verkrampft.

Eine Vielzahl von Frauen, laut Statistik sind es 50 bis 70 Prozent, gerät ein Mal im Leben in eine Situation wie diese. Die Diagnose: Cystitis. So nennt es der Fachmann, als Harnwegsinfekt oder Blasenentzündung bezeichnet es die Allgemeinheit. Das Gewebe, das Harnwege und Blase auskleidet, ist entzündet und schmerzt.

Bis zu drei Mal im Jahr «darf» eine ansonsten gesunde Frau einen solchen Infekt haben. Wer unter den beschriebenen Symptomen leidet, sollte zum Arzt. «In der Schweiz haben 1200 von 100'000 Frauen jährlich eine symptomatische Blasenentzündung und sind weit häufiger davon betroffen als Männer, bei ihnen sind es nur 30 von 100'000», erfährt man von Marko Kozomara-Hocke, Urologe am Unispital Zürich.

Unterschiedliche Ursachen je nach Geschlecht

Dafür gibt es einleuchtende anatomische Gründe: Bei Frauen ist die Harnröhre und damit der Weg zur Blase kürzer als bei Männern, und sie liegt dicht neben Scheide und Darmausgang. Bakterien aus diesen Regionen gelangen leichter in die Harnblase. Zu 80 Prozent sind E.-coli-Bakterien (Darmbakterien) die Erreger, zu 10 bis 15 Prozent Streptokokken (Hautbakterien). Der Urologe erklärt es genauer: «Bei Frauen bis zum 40. Lebensjahr sind statistisch gesehen der Geschlechtsverkehr, der Gebrauch von Spermiziden und Diaphragmen die häufigste Ursache für eine Blasenentzündung. Bei Frauen ab dem 40. Lebensjahr beziehungsweise in der Menopause verändert sich der Hormonhaushalt, das heisst, die schützende Schleimhaut im Genitalbereich baut sich ab und die zunehmende Urininkontinenz begünstigt eine Entzündung.»

Bei Männern gibt es andere Risikofaktoren: Hier kommt es vor allem in der Gruppe der Über-65-Jährigen wegen zunehmender Prostatabeschwerden zu Restharnbildung und dadurch zu Blasenentzündungen. Bei jüngeren Männer sind sie sehr selten.

Antibiotika sind meist unumgänglich

Die Behandlung ist in der Regel bei Männern und Frauen gleich: eine Antibiotikumtherapie während drei oder fünf Tagen. Wenn bei Männern zusätzlich eine Nebenhoden- oder Prostataentzündung vorliegt, kann die Therapie auch länger dauern. Im Übrigen ist im höheren Alter die Häufigkeit für Blasenentzündungen bei Männern und Frauen annähernd gleich.

Ist die Entzündung akut, möchte der Geplagte so schnell wie möglich Hilfe, egal, wie. «Grundsätzlich kann man bei einer gewöhnlichen Blasenentzündung blind eine Antibiotikumtherapie durchführen», beruhigt Kozomara-Hocke. «Man gibt jenes Antibiotikum, das bei den häufigsten Bakterien wirksam sein dürfte. Wenn die Beschwerden nicht verschwinden, sollte ein Arzt eine Urinkultur durchführen, wo geprüft wird, ob noch Bakterien vorhanden sind und auf welches Antibiotikum sie ansprechen.»

Dennoch sieht Urologe Kozomara-Hocke den Einsatz von Antibiotika kritisch. «Der häufige und teils unüberlegte oder zu kurze Gebrauch von Antibiotika kann unter anderem zu Resistenzen führen», gibt er zu bedenken. «Das sieht man oft bei ungenügender oder unspezifischer Behandlung der Blasenentzündungen.»

Eine Möglichkeit der Therapie der akuten Schmerzen, die mit einem unkomplizierten Harnwegsinfekt einhergehen, ist, diese mit einem Schmerzmittel zu lindern, abzuwarten und auf das Immunsystem zu vertrauen, dass es die Bakterien erfolgreich abwehren kann. Dazu sollte man wirklich viel trinken, sich eine Bettflasche auf den Bauch legen und ausruhen. «Leider gibt es hier nur wenig Forschung darüber, weil die meisten symptomatischen Blasenentzündungen sofort mittels Antibiotikum behandelt werden», bedauert der Urologe.

Er hält einen Versuch mit Hausmitteln für unbedenklich, aber die Resultate seien eben nicht eindeutig. Sehr oft könne eine Antibiotikatherapie dennoch nicht umgangen werden. Wichtig ist, bei einer Verschlechterung rechtzeitig den Arzt aufzusuchen.

Annina Z.* hat es mit Hausmitteln versucht, als sich zuletzt ein Harnwegsinfekt ankündigte. Sie hat es geschafft, ihn abzuwenden. Wiederholt war die 41-jährige Architektin aus Solothurn von Blasenentzündungen regelrecht überrumpelt worden. «Die Attacken waren so schmerzhaft, dass ich einmal sogar ohnmächtig wurde», erzählt sie.

Weil ihr die gehäufte Einnahme von Antibiotika widerstrebte, begann sie, genauer auf Symptome zu achten und reagierte frühzeitig. Schon als sie ein erstes schwaches Brennen beim Wasserlassen spürte und sich schlapp fühlte, erhöhte sie ihre Flüssigkeitszufuhr erheblich, auf drei Liter täglich. «An dem Tag, als ich das Gefühl hatte, es würde wieder ein Infekt anrollen, hatte ich auch zu wenig getrunken», erinnert sie sich. Sie nahm konsequent viel Flüssigkeit, darunter täglich ein Glas Preiselbeersaft, zu sich und gab ihrem erhöhten Schlafbedürfnis nach.

«Die Wirkung von Preiselbeersaft ist im Labor bewiesen», bestätigt Kozomara-Hocke. Die Moleküle im Saft verhindern, dass E.-coli-Bakterien sich an den Schleimhäuten anhaften und deshalb auch keine Entzündung auslösen können. Annina Z. war froh: «Wenn man sensibilisert ist, kann man es tatsächlich abwenden.» Was aber, wenn bei einer Routineuntersuchung Bakterien im Urin gefunden werden? «Nur Symptome müssen behandelt werden», klärt Urologe Kozomara-Hocke auf. Man nenne das asymptomatische Bakteriurie, und das sei keine verschleppte Infektion, sondern komme je nach Alter bei 1 bis 20 Prozent aller Frauen vor.

Häufig würden auch trüber oder stark riechender Urin als falsche Infektzeichen interpretiert. Umgekehrt gäbe es selbst bei bakterienfreiem Urin manchmal Beschwerden, die Ursachen dafür sind teilweise unklar und immer noch Gegenstand der aktuellen Forschung.

Kann man einem Harnwegsinfekt überhaupt vorbeugen? Tatsächlich gibt es Massnahmen: ausreichend trinken, mindestens zwei, besser drei Liter am Tag. Vor und nach dem Geschlechtsverkehr die Blase entleeren, auf Hygiene achten und einen altmodischen Rat beherzigen: sich passend anziehen und kalte Füsse vermeiden, denn Kälte schwächt die Abwehr.

*Name der Redaktion bekannt

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