30. August 2018

Wenn Sportwetten süchtig machen

Wenn ein Tor fällt, jubeln die einen und fluchen die anderen. Doch manche Fans sind vom Gewinnen regelrecht abhängig – denn es geht um Geld. Eine neue Kampagne macht nun auf die Spielsucht bei Sportwetten aufmerksam.

Wettender
Wenn Sportwetten den Alltag dominieren, sollte man sich Hilfe holen. (Bild: www.sos-spielsucht.ch)

Mitten in der Nacht steht André auf, um seine Wetten zu platzieren. Irgendwo auf der Welt läuft immer ein Match. Rund um die Uhr denkt er an seine Einsätze, checkt die Resultate, hofft auf eine Glückssträhne. Jahrelang. Um seine Sucht zu befriedigen, verspielt er sein ganzes Geld und plündert sogar die Konten seiner Kinder.

Heute ist André dank Therapie geheilt und erzählt seine Geschichte für eine Kampagne, die zu einem Programm zur Spielsuchtprävention gehört. Daran beteiligt sind die Stiftung «Sucht Schweiz» und die Fachstelle «Perspektive Thurgau», im Auftrag von 16 Deutschweizer Kantonen. Monique Portner von «Sucht Schweiz» erklärt: «Die Fussball-Weltmeisterschaft hat viele neue Sportwettende angezogen.» Der Übergang von der Wettlust zur Sucht verlaufe oft schleichend.

Köbi Kuhn ist Teil der Kampagne
Bei Sportwetten bestehe ein besonderer Bedarf nach Sensibilisierung, erklärt Portner. Oft würden Betroffene das eigene Spielverhalten bagatellisieren, Deshalb sei die Kampagne lanciert worden. Teil davon ist ein Videoclip mit Ex-Fussballnati-Trainer Köbi Kuhn, in dem er seine Begeisterung für den Sport beschreibt. Parallel erzählt ein Betroffener, wie seine Leidenschaft ihn in die Abwärtsspirale manövriert hat.

Sechs Super-League-Clubs unterstützen die Kampagne und lassen den Clip in ihren Stadien spielen. Am Sonntag lief er etwa beim Spiel «FC Luzern – GC Zürich» in Luzern. FCL-Mediensprecher Markus Krienbühl sagt: «Im Stadion kann das fussballinteressierte Zielpublikum erreicht werden. Es ist auch im Sinne der Clubs, dass die Leute nicht auf ungesunder Ebene wetten.»

Grosses Wissen garantiert keinen grossen Gewinn

Markus Krienbühl, Mediensprecher FC Luzern

Besonders problematisch bei Sportwetten ist laut Monique Portner, dass die Spielenden glauben, mit ihrem Fachwissen rund um Sportler, Tabellen und Co. einem Geldgewinn näher zu sein. «Das ist leider eine Illusion.» Dem stimmt Markus Krienbühl zu: «Grosses Wissen garantiert keinen grossen Gewinn. Das Schöne am Fussball ist ja, dass er uns immer wieder überrascht.» Da sich der Spielstand im Lauf eines Matchs oft verändert, erleben viele Wettende das Gefühl eines «Fast-Gewinns», wie es Portner nennt. Dabei werde das Glückshormon Dopamin ausgeschüttet – fast wie bei einem tatsächlichen Gewinn.

Wachsender Markt
Wie viele Menschen in der Schweiz von einer Spielsucht bei Sportwetten betroffen sind, ist nicht bekannt. Klar ist nur: Der Markt wächst. Oft werden die Wetten online platziert – meist auf in illegalen Plattformen. Sportwetten dürfen in der Schweiz nur von den beiden Landeslotterien Swisslos und Loterie Romande angeboten werden. Vonseiten Swisslos – dem Betreiber von Sporttip – ist man über die Sensibilisierung erfreut.

«Die Mehrheit der Spieler ist nicht süchtig. Aber es gibt sicher auch bei uns einige Personen, die das Angebot in problematischem Mass nutzen», so Pressesprecher Willy Mesmer. Er betont: Swisslos investiert viel Geld und schult etwa Mitarbeiter an der Verkaufsfront, um gegen das Suchtproblem vorzugehen.

Rund 20 Millionen Franken Bruttoertrag hat Swisslos mit Sporttip im vergangenen Jahr erwirtschaftet. Verglichen mit anderen Glücksspielen sei das wenig. Er räumt aber ein, dass ein grosser Teil der Spieler Einsätze bei illegalen Anbietern tätigt.

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