26. April 2018

Stalking: Wenn Nähe zum Terror wird

Nächtliche Telefonanrufe, zerstochene Autoreifen, ständiges Nachstellen bis hin zu körperlichen Übergriffen: Für Stalkingopfer wird das Leben zum Albtraum. Weil der Beziehungswunsch eines Menschen im Wahn endet. Wir haben mit drei Opfern gesprochen, darunter dem Berner Sänger und Songwriter Luca Hänni.

Stalkingopfer
Wer von einem Stalker verfolgt wird, fühlt sich oft nicht mal in seinen eigenen vier Wänden wirklich sicher.

Eigentlich hatte sie es bereits vermutet, dennoch war der Schock gross, als P.T.* schwarz auf weiss bestätigt bekam, wer der Stalker war: ihr langjähriger Freund R.* Er hatte ihr die Luft aus den Autoreifen gelassen, seltsame Botschaften auf die Windschutzscheibe geschrieben und anklagende SMS geschickt. Dabei hatte er ihr noch wenige Tage zuvor mitfühlend zugehört, als sie von ihrem Stalker berichtete, ihr sogar angeboten, vor dem Haus Wache zu stehen und ihm aufzulauern.

Zuerst stritt er alles ab

Auch sonst war er der Mittvierzigerin jahrelang ein guter Freund gewesen, hatte ihr geholfen, wenn sie in Schwierigkeiten war. Ab und zu jedoch hatte er durchblicken lassen, dass er eigentlich mehr wollte als nur eine Freundschaft, zumal sie sich ursprünglich auf einer Partnerbörse kennengelernt hatten. Doch sie betonte von Anfang an, dass sie an mehr nicht interessiert sei, brachte das zwischendurch auch immer wieder mal zu Sprache. Er schien es zu akzeptieren. Bis er eines Abends im vergangenen Jahr mitbekam, dass sie nun einen Freund hatte. «Er reagierte ganz seltsam», sagt sie rückblickend. Wenige Tage später wurden bei ihrem Freund die Autoscheiben zertrümmert, und auf ihren Autoscheiben tauchten die ersten Botschaften auf.

Als sie R. damit konfrontierte und sagte, sie wolle nichts mehr mit ihm zu tun haben, stritt er alles ab – und machte einfach weiter. Die Polizei entdeckte später sogar einen Chip in ihrem Auto, mit dem er sie offenbar getrackt hatte. P. fühlte sich konstant beobachtet. «Ich fragte mich jeden Tag und jede Nacht, was als Nächstes kommen würde.» Auch an ihrem Arbeitsort hatte sich der Stalker mit einem Brief gemeldet, zum Glück jedoch zeigte ihr Chef Verständnis. Ihre junge Beziehung hingegen überstand das Drama nicht.

Ich fragte mich jede Nacht, was als Nächstes kommen würde.

Erst als P.T. sich einen Anwalt nahm und sich von einer Fachstelle beraten liess, ging es aufwärts. Derzeit läuft ein Gerichtsverfahren gegen R.; er hat mittlerweile gegenüber der Polizei auch fast alles gestanden. Und der letzte Vorfall ist inzwischen einige Monate her.
Dennoch ist für P. die Sache nicht ausgestanden. «Ich fühle mich noch immer beobachtet und habe das Gefühl, dass jederzeit wieder etwas passieren könnte.» Zwar hat sie ihre Telefonnummern gewechselt, wohnt und arbeitet jedoch noch immer am selben Ort in der Ostschweiz. Vielleicht muss sie auch daran noch etwas ändern, um sich wieder wirklich sicher zu fühlen. Doch etwas wird auf jeden Fall bleiben: «Es wird künftig schwieriger sein, neuen Leuten zu vertrauen, mich neuen Freunden zu öffnen.»

Am besten sofort den Kontakt abbrechen

Was P.T. erlebe, sei ein recht typischer Fall von Stalking, sagt Natalie Schneiter (30), Sozialarbeiterin bei der Fachstelle Häusliche Gewalt und Stalking in Bern . Sie hat schon viele Menschen beraten, die Opfer eines Stalkers geworden sind. Von den fünf Arten des Stalkings ist die nach einer Zurückweisung die häufigste, gefolgt vom beziehungssuchenden Stalking: «Es kann überall seinen Anfang nehmen, wo sich die Wege von Menschen kreuzen. Jemand sieht zum Beispiel jeden Tag auf dem Arbeitsweg im Tram aus der Ferne eine Person und beginnt, ihr nachzustellen, weil er glaubt, dass mehr daraus werden müsste.»

80 Prozent der Stalkingopfer sind Frauen, die Mehrheit der Täter Männer. Natalie Schneiter rät Betroffenen, den Kontakt zum Stalker sofort abzubrechen. «Und zwar mit einer klaren Ansage zu Beginn: Unsere Beziehung ist zu Ende, ich möchte keinen Kontakt mehr zu dir, bitte respektiere das. Und ich werde auf weitere Nachrichten und Antworten nicht reagieren.» Dies alles ohne grosse weitere Erklärungen und möglichst emotionslos, denn erfahrungsgemäss seien zu diesem Zeitpunkt sämtliche Argumente und Motive schon x-mal ausgetauscht worden. «Und dann muss man sich natürlich konsequent daran halten. Das ist meist der schwierigste Teil.»

Per Anwalt den Verfolger wachrütteln

Laut Schneiter reiche das oft schon, damit das Stalking nach einiger Zeit aufhöre, trotzdem könne es Monate dauern. Wenn die Situation sich dennoch nicht beruhigt, rät sie zur Täteransprache: «Eine Drittperson spricht mit dem Stalker, redet ihm ins Gewissen, mahnt sein Verhalten und zeigt die Konsequenzen auf. Das kann eine Autoritätsperson aus dem persönlichen Umfeld sein, etwa ein Elternteil oder jemand aus dem Arbeitsleben, aber auch ein Anwalt oder die Polizei.» Ein offizieller Brief eines Anwaltsbüros mit der Ankündigung, rechtliche Schritte zu prüfen, wirke meist sehr gut. «Es geht darum, den Stalker wachzurütteln.»

Erst wenn auch das nichts hilft oder es zu konkreten Drohungen kommt, rät sie dazu, tatsächlich rechtliche Schritte einzuleiten. Denn um mit einer Anzeige durchzukommen, braucht man Beweise für Vorfälle, die man während des Stalkings bewusst sammeln muss. Generell gilt: «Je früher Stalkingopfer sich melden und je früher wir intervenieren können, desto grösser ist die Chance, die Sache erfolgreich zu beenden.» Wenn das Stalking schon zwei, drei Jahre gedauert habe, sei die Lage meist enorm komplex und schwerer zu lösen.

Ein Leben in ständiger Angst

Für viele Stalkingopfer gibt es ein Leben davor und ein Leben danach. S.K.* hat heute einen neuen Wohnort, einen neuen Job und kaum noch Kontakt zu seinem ehemaligen Umfeld. Der junge Mann hatte Anfang 2017 über eine Dating-App seinen Freund kennengelernt. Rasch wurden sie ein Paar, und in den ersten paar Monaten war alles wunderbar. «Aber im Rückblick gab es klare Alarmsignale», sagt S.K. heute. Sein Freund sei sehr eifersüchtig gewesen. «Er wollte überall dabei sein, selbst beim Einkaufen, und er hat mir nachspioniert, meinen Computer untersucht, wollte wissen, wer mir geschrieben hat, wenn eine SMS kam.» Wenn man verliebt sei, nehme man das ja hin, sagt der Kundenberater, aber mit der Zeit sei es ihm zu viel geworden.

Nach weniger als einem Jahr Beziehung bekam er eine SMS von seinem Bruder: «Ruf mich an, wenn du allein bist.» Als sein Freund dies sah, eskalierte die Situation. Sie stritten, und S.K. machte Schluss. «Aber er wollte das nicht akzeptieren, hat mich an den Haaren gerissen und auf den Boden gedrückt. Ich schrie, aber obwohl das Haus hellhörig war, reagierte niemand.»

Schliesslich gelang es ihm doch noch, seinen Wohnungsschlüssel zurückzubekommen und den Ex rauszuschmeissen. Doch damit fing alles erst richtig an: Morddrohungen, Sturmklingeln mitten in der Nacht, gegen die Fenster der Wohnung klopfen, Autoreifen zerstechen, den Lack zerkratzen, bei der Familie anrufen – sogar bei der Arbeitsstelle tauchte er auf, um S.K. anzuschwärzen: Er habe ihm Geld gestohlen. «Es war der Horror, ich lebte in konstanter Angst, fühlte mich auch daheim ständig beobachtet.» Selbst bei Sonnenschein sass er bei heruntergelassenen Jalousien in seiner Wohnung.

Stalkingopfer S.K.:«Es war der Horror, ich lebte in konstanter Angst, fühlte mich auch daheim ständig beobachtet.»

Schliesslich kontaktierte S.K. eine Opferhilfestelle, die ihm riet, er solle sofort alle Kontakte abbrechen und alle Nummern auswechseln, was er auch umgehend tat. «Der Berater war jederzeit für mich da, er war eine enorme emotionale Stütze, bei ihm habe ich auch zum ersten Mal geweint.»

Über einen Anwalt setzte S.K. ein Kontaktverbot durch und erstattete Anzeige. Sein Stalker allerdings tat dasselbe, die Sache geht nun entweder vor Gericht, oder beide ziehen ihre Anzeige zurück. «Was ich eigentlich nicht will», sagt S., «denn das wäre, wie wenn nie was gewesen wäre.»

Inzwischen lebt S.K. in einem anderen Landesteil, hat einen neuen Job, und abgesehen von seinem besten Freund und seiner Familie weiss niemand, wie man ihn erreichen kann. Seither ist Ruhe. «Aber ich fühle mich wie ein Geist.» Und das alles beschäftigt und belastet ihn immer noch sehr. Es wird für ihn künftig auch schwieriger, eine neue Beziehung anzufangen. «Ich werde misstrauischer sein, früher auf Alarmzeichen achten.» Auf Dating-Apps will er ganz verzichten. «Es ist besser, wenn man jemandem beim Kennenlernen in die Augen schauen kann.» Vorerst braucht er ohnehin Zeit, um das alles zu verarbeiten. «Aber ich will dann schon wieder anfangen zu daten, will mir hier etwas Neues aufbauen. Das Leben geht weiter.»

*Namen der Redaktion bekannt

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