30. April 2012

Wenn Milch Bauchweh macht

Die Schweiz, ein einig Volk von Milch-und-Käse-Essern? Bei rund einem Fünftel der Bevölkerung löst der Konsum von Milchprodukten Beschwerden aus. Sie können den Milchzucker, die sogenannte Laktose, nicht verdauen.

Stefania Reho
Stefania Reho (28) trinkt nur noch Sojamilch. Die Inhaberin eines Kosmetikgeschäfts in Bern hat ihre Ernährung wegen Laktoseintoleranz komplett umgestellt.

Milch und Milchprodukte haben in unserer Ernährung traditionell einen hohen Stellenwert. Sie sind Lieferanten wichtiger Nährstoffe wie Eiweiss, Kalzium, Kalium, Magnesium und zahlreicher Vitamine. Generationen von Menschen in der Schweiz hatten deshalb Milchprodukte guten Gewissens auf ihrem täglichen Speiseplan.

Für jeden Fünften ist der Verzehr dieser Lebensmittel allerdings eine Qual. Zwischen unangenehmem Bauchzwicken, stundenlangen Bauchkrämpfen und chronischen Durchfällen schwanken die Beschwerden, die Menschen mit Milchzuckerunverträglichkeit plagen. Grund dafür: Ein Mangel des Verdauungsenzyms Laktase im Darm verursacht nach dem Essen von Milchprodukten die beschriebenen Probleme. Wer derartige Symptome hat, sollte zu einem Magen-Darm-Spezialisten gehen, der eine verlässliche Diagnose per Atem- oder Bluttest stellen kann.

«Laktoseintoleranz ist individuell unterschiedlich», so Georg Schäppi, Geschäftsleiter der Stiftung «aha! Allergiezentrum Schweiz». «Betroffene können ganz unterschiedlich auf verschieden grosse Mengen von Milch oder Milchprodukten reagieren.» Insgesamt seien etwa 20 Prozent aller Schweizer von einer echten Laktoseintoleranz betroffen, stellt er klar. Signifikante Veränderungen oder eine Zunahme in den letzten Jahren kann Schäppi nicht feststellen: «Aber man ist aufmerksamer geworden, was Unverträglichkeiten betrifft.»

Allergien nehmen drastisch zu

Was definitiv in der Gesamthäufigkeit dramatisch zugenommen hat, sind Allergien, so der Experte. Hier gibt es über die letzten Jahrzehnte eine Steigerung von unter 1 Prozent auf rund 25 Prozent. Grund für die Zunahme ist der moderne westliche Lebensstil, ist Schäppi überzeugt. Umwelteinflüsse, die Ernährung und übertriebene Hygiene führten dazu, dass beispielsweise Pollen, aber auch verschiedene Lebensmittel wie Milch zunehmend Probleme machten. Und: Milchzuckerunverträglichkeit und Milchallergie werden gerne verwechselt. Eine Milchallergie entsteht durch eine Überreaktion des Abwehrsystems. Betroffene sind allergisch gegen das Eiweiss in der Milch. Es nützt ihnen daher aber auch nichts, laktosefreie Produkte zu konsumieren. Sie müssen auf Soja- oder Reismilch ausweichen. Dagegen sind von Milchzuckerunverträglichkeit Betroffene beschwerdefrei, wenn sie auf laktosefreie Produkte ausweichen. Selbst in Wurst, Fleischkäse oder gekochtem Schinken kann Laktose vorkommen, genauso wie in Süssigkeiten, Rahmglace und Milchschokolade. Laktose ist zwar kein Allergen, gehört aber zu den Zutaten, die verpflichtend vom Hersteller in der Zutatenliste deklariert sein müssen.

So unterschiedlich wie die Schweregrade der Laktoseintoleranz, so unterschiedlich sind auch die Einzelschicksale. Es gibt 50-Jährige, die sich seit ihrer Kindheit fragen, warum sie keine Milchprodukte vertragen, aber erst sehr spät herausfinden, woran das liegt. Andere wie die 28-jährige Stefania Reho aus Bern bemerken schon mit etwa 20, dass sich etwas verändert hat. Stefania bereitete sich ihr Müesli stets selbst zu, weil sie sich gesund ernähren wollte — und wunderte sich über die anschliessenden Bauchkrämpfe und Durchfälle. «Die Probleme begannen nicht schlagartig, sondern haben sich eingeschlichen», erinnert sie sich. Zwei Jahre brauchte die junge Frau, bis sie sich ärztlichen Rat holte und bei einem Allergologen ihre Diagnose bekam: Milchzuckerunverträglichkeit.

Auswärts zu essen, gestaltet sich schwierig

In der Folge musste Stefania Reho ihre Ernährung komplett umkrempeln. «Es hat ein bisschen gedauert, bis ich mich umgestellt habe», sagt sie. Heute kocht sie am liebsten selbst, meidet Fertigprodukte, die oft Laktose enthalten, und trinkt bevorzugt Sojamilch. Hartkäse wie Emmentaler oder Greyerzer in kleinen Mengen verträgt sie gut, da während der Käsereifung die Laktose durch Mikroorganismen abgebaut wird. Und es gibt laktosefreien Mozarella, den sie besonders mag. Auch an den Arbeitsplatz nimmt die Inhaberin eines Kosmetikgeschäfts gerne ihr selbst zubereitetes Essen mit. «Ein Sandwich aus der Bäckerei geht eben nicht», bedauert sie. Trotzdem empfindet sie im Alltag keine Einschränkungen.

Jetzt findet es Stefania Reho nur noch in den Ferien schwierig, wenn es darum geht, auswärts essen zu gehen. Wie viele andere Betroffene würde sie sich zudem mehr laktosefreie Fertigprodukte in den Supermärkten wünschen. Laktase-Tabletten aber, die vorübergehend eine Unverträglichkeit ausgleichen, lehnt sie ab. Sie wolle den Körper nicht betrügen, sagt sie. Doch prinzipiell kann sie mit ihrer Laktoseintoleranz gut leben: indem sie nur isst, was ihr guttut.

Bild: Daniel Rihs

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