07. Mai 2018

Wenn Mann nicht kann

Heute spricht man nicht mehr von «Impotenz», sondern von «erektiler Dysfunktion». Trotzdem wird das Phänomen noch immer tabuisiert. Urologe José Saldarriaga.

Erektionsprobleme
Lesezeit 1 Minute

Erektionsstörungen sind für Männer sehr belastend, zumal die Betroffenen oft Hemmungen haben, sich einem Arzt anzuvertrauen. Das sollten sie aber, denn es kann sich manchmal um Symptome einer gravierenderen Erkrankung handeln. Man spricht heute nicht mehr von «Impotenz», sondern von «erektiler Dysfunktion». Trotzdem wird das Phänomen meist noch immer tabuisiert.
Zum Glück erleichtert das Internet den Zugang zu einer Behandlung: «Das ist das Eingangstor schlechthin», erklärt José Saldarriaga, Urologe aus Genf. «Männer genieren sich weniger, auf diesem Weg einen Termin zu vereinbaren, als in der Praxis anzurufen oder ihren Hausarzt aufzusuchen.»

Doch wie gravierend sind Erektionsstörungen eigentlich? «Sagen wir mal so: Es handelt sich um eine gutartige Störung, die sich vor allem auf die Lebensqualität der Patienten, aber auch die ihrer Partnerinnen und Partner auswirkt. Sie berührt die eigene Identität.»
Landläufig wird oft behauptet, dass sich das Problem vor allem im Kopf abspiele. Der Urologe kann dies nicht bestätigen. «Es gibt zwei Arten von Faktoren: organische und psychologische. In 90 Prozent der Fälle ist die Ursache aber organisch.» Wobei er differenziert: «Sehr häufig liegt eine Kombination von Faktoren vor. Es gibt aber auch Menschen, bei denen die Ursachen ausschliesslich psychologischer Natur sind: aus einem Trauma oder einer schlechten Erfahrung wird dann ein Angstzustand.»
Es besteht die Gefahr eines Teufelskreises, bei dem «organisch bedingte Erektionsstörungen ihrerseits Ängste auslösen.»

Auch ein Warnsignal für einen Infarkt
Bei organischen Gründen «handelt es sich zu 80 Prozent um Durchblutungsstörungen. Die Gefässe im Penis zählen zu den kleinsten im Organismus.» Bei vaskulären Störungen – wie Gefässverstopfungen oder Arteriosklerose – «nimmt zuerst der Penis Schaden. Für uns ist das ein Alarmsignal». Untersuchungen haben Fälle aufgezeigt, in denen «Männer mit Erektionsstörungen drei Jahre später einen Infarkt erlitten.» Die Behandlung darf sich also nicht auf die Einnahme von Pillen beschränken. «Man muss den Hintergrund beleuchten.»
Denn die Risikofaktoren sind dieselben, die auch bei Herz-Kreislauf-Problemen zum Tragen kommen: «Tabakkonsum, Cholesterin, Diabetes. Erektionsstörungen sind an sich nicht gravierend. Als Symptome erlauben sie es uns aber, präventiv zu handeln, den Patienten zu einem Kardiologen zu schicken.»

Vor 20 Jahren brach die Revolution der blauen Pillen aus – Viagra war das Thema. «Seitdem wurden neue, gezielter wirkende Moleküle entdeckt, die weniger Nebenwirkungen entfalten», so José Saldarriaga.
Wundermittel, die aber mit Bedacht auszuwählen sind: «Die richtige Wahl ist wichtig, wirken diese Medikamente doch sehr unterschiedlich. Manche funktionieren bei einer Person, andere nicht.» Einige Männer reagieren besser auf Viagra, andere eher auf Cialis. «Wirkt ein derartiges Medikament nicht, ist das meist darauf zurückzuführen, dass es nicht korrekt eingenommen worden ist.»

So sei bei den ersten auf den Markt gekommenen Mitteln ein leerer Magen erforderlich. «Ausserdem kommt es nicht schon Minuten nach der Einnahme automatisch zu einer Erektion. Hierfür sind eine entsprechende Stimulation und bestimmte Rahmenbedingungen notwendig. Das Medikament fördert die Erektion, löst sie aber nicht direkt aus.»
Natürlich treten Erektionsstörungen in den verschiedenen Altersgruppen unterschiedlich häufig auf: «Von den Männern unter 40 Jahren sind 9 Prozent betroffen. Von den 40- bis 50-Jährigen sind es 10 bis 15 Prozent, unter den 50- bis 60-Jährigen 20 bis 30 Prozent und bei den 60- bis 70-Jährigen 40 Prozent.» Laut dem Urologen «kann man aber nicht sagen, dass das primär mit dem Alter zusammenhängt, sondern vielmehr mit der Erkrankung. Es gibt 90-Jährige, die noch jede Woche sexuell aktiv sind. Letztlich hängt alles von der Lebensqualität der betroffenen Person ab.»

Injektionen, Vakuumpumpen, Prothesen
Häufig taucht die Frage auf, ab wann Anlass zur Beunruhigung besteht: «Es ist normal, wenn ein Mann einmal nicht kann. Gründe hierfür können beispielsweise Müdigkeit oder Stress sein.» Die meisten Patienten suchen den Urologen alleine auf. Ein Fehler, wie er meint: «Denn letztlich handelt es sich um ein Paarproblem, das in der Partnerschaft besprochen werden muss. Der Versuch, das Problem alleine zu lösen, verursacht nur noch zusätzliche Ängste und mehr Stress. Und das verschlimmert die Situation.»

Wenn die klassischen Medikamente nicht wirken, können in einem zweiten Schritt andere Arzneimittel zur Anwendung kommen. Die Rede ist von «injizierbaren Präparaten oder Gels, die direkt in die Harnröhre gelangen und eine sofortige Erektion auslösen.» Zum Einsatz kommen kann als weiteres Hilfsmittel «die in Sex-Shops erhältliche Vakuumpumpe, die in Kombination mit einem an der Peniswurzel angesetzten Ring eine Erektion verursacht. Allerdings fühlen sich die Betroffenen mit dieser Lösung nur selten wohl.»

Wenn nichts anderes mehr hilft, sind Penisprothesen eine letzte Behandlungsoption. «Diese sind zwar teuer, die Patienten sind damit aber meist sehr zufrieden.»

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Leidet an Schuppenflechten: David Egli

Zum Aus-der-Haut-Fahren

Gesundheits-Extra

Das Extra «Gesundheit»

Informationen zum Author

Nährboden für die Übertragung von Warzenviren: Schwimmbad

Bei Warzen hilft Warten

Eveline Bachmann und ihr Sohn Michel

Leben mit Autismus