03. Juni 2019

Wenn man demente Eltern pflegt

Viele Töchter und Söhne betreuen ihre Eltern so lange selbst, bis es nicht mehr geht. Sie müssen sich damit abfinden, dass Mutter oder Vater so hilfsbedürftig wird wie ein Kind. Zwei Töchter und ein Sohn erzählen.

Was soll der Schuh im Kühlschrank?
Was soll der Schuh im Kühlschrank?
Lesezeit 1 Minute

Elisabeth Handel besuchte ihre Mutter einmal pro Woche und telefonierte regelmässig mit ihr. Die verwitwete Frau lebte schon lange nur mit ihrem Dackel Nico zusammen und legte grossen Wert auf ihre Selbständigkeit. Ihr Haushalt war stets tipptopp in Ordnung, zudem koordinierte sie den Waschplan für das ganze Haus. Umso erstaunter war ihre Tochter, als die damals 77-Jährige ihre Wäsche nicht mehr in den Schrank räumte, den Waschplan zu vernachlässigen begann und unbezahlte Rechnungen herumliegen liess.

Der Hund sprang an mir hoch, weil er lange nicht mehr draussen war.

Elisabeth Handel
Elisabeth Handel

Was sie noch mehr beunruhigte, war das Verhalten des Hundes: «Wenn ich vorbeikam, sprang Nico wie verrückt an mir hoch, weil er offenbar schon lange nicht mehr draussen war.» Sprach sie die Mutter darauf an, versuchte sich diese herauszureden: «Fang nicht an, hier den Chef zu spielen. Ich weiss, was zu tun ist.» Elisabeth Handel schmunzelt: «Sie war extrem clever darin, mir vorzuspielen, dass alles rund läuft.»

Als sie ein Jahr später stürzte und sich den Oberarm brach, wurden die Verhaltensänderungen immer auffälliger. Die alte Frau war oft verwirrt und hatte grosse Mühe, sich zu orientieren.

Der Abbau schritt schnell voran
Die Abklärung im Spital führte zu einer eindeutigen Diagnose: Alzheimer. Ihre Tochter war bestürzt. Obwohl sie ausgebildete Pflegefachfrau war, konnte sie im Jahr 2000, als alles schlimmer wurde, nicht abschätzen, was auf sie zukommen würde. Damals war Alzheimer noch kein grosses Thema in den Medien, und selbst Fachleuten fehlten Wissen und Erfahrung.

Doch Elisabeth Handel merkte schneller, als ihr lieb war, was ihr bevorstand: Der körperliche und geistige Abbau ihrer Mutter schritt schnell voran. Sie konnte nicht mehr allein einkaufen und nicht mehr kochen, war ausserstande, den Hund zu versorgen und hatte zusehends Mühe mit dem Reden. Sie konnte niemanden anrufen und verlor den Kontakt zu den Nachbarn, die sich zurückzogen, weil sie nicht wussten, wie sie mit der verwirrten Frau umgehen sollten.

Von da an sah sich die Tochter gezwungen, täglich bei ihrer Mutter vorbeizugehen und die Verantwortung für sie und den Hund zu übernehmen. Sie seufzt: «Ich war damals noch erwerbstätig und führte daneben zwei Haushalte.» Abgesehen davon habe sie sich Tag und Nacht Sorgen gemacht und sich davor gefürchtet, dass es in ihrer Abwesenheit zu einer Katastrophe kommen könnte: «Ich fühlte mich extrem belastet und litt bald selber unter viel zu hohem Blutdruck.»

Es blieb nur der Weg ins Heim
Drei Jahre lang ertrug sie die Situation, die sich zusehends verschlimmerte. Dann war ihr klar: «Meine Mutter muss in ein Heim.» Im Zürcher Pflegezentrum Käferberg gab es damals bereits eine Wohngruppe für Demente, in der sogar ein Platz frei war. Doch die alte Frau wollte um keinen Preis umziehen, und so sah sich ihre Tochter genötigt, ihr vorzugaukeln, sie fahre mit ihr in die Ferien. Das sei der Moment gewesen, als sie wirklich ins Schleudern gekommen sei: «Ich fühlte mich schlecht, weil ich meine Mutter anlog.»

Doch damit nicht genug: Kurz darauf erklärte ihr die Stationsleitung, dass der geliebte Dackel Nico nicht tragbar sei, weil sich die Patientin nicht selber um ihn kümmern könne. Gott sei Dank konnte man ihn gut unterbringen. Trotzdem wurde Elisabeth Handel von Schuldgefühlen geplagt – und wusste doch, dass ihr als einziger Tochter keine Wahl blieb: «Ich war berufstätig und konnte meine Mutter nicht zu mir nach Hause nehmen.» Nach und nach habe sich die alte Frau in ihr Schicksal gefügt, und auch sie sei ruhiger geworden.

In der Schweiz leben gemäss den Schätzungen von Fachleuten rund 150000 Menschen, die an Demenz erkrankt sind, ein Grossteil davon ist über 75 Jahre alt.

150000 in der Schweiz betroffen
Die Mehrzahl wird in der eigenen Wohnung von ihren Angehörigen betreut. Töchter und Söhne kümmern sich im Durchschnitt rund 25 Stunden pro Woche um die vergessliche Mutter oder den hilfsbedürftigen Vater, und dies im Schnitt während fünf Jahren. Zwei Drittel von ihnen stehen dazu noch im Berufsleben. Erst in den letzten Jahren der Krankheit erfolgt dann meistens die Einweisung in ein Alters- und Pflegeheim.

Elisabeth Handels Schilderung entspricht also der Geschichte, die viele Menschen mit ihren Eltern ganz ähnlich erleben.

Dann rief sie bis zu zwanzigmal pro Abend an und nervte total.

Heinz Pletscher
Heinz Pletscher
Heinz Pletscher mit seiner Mutter

Der 69-jährige Heinz Pletscher war bis zu seiner frühzeitigen Pensionierung im Jahr 2008 als Travel Manager bei einer Versicherung tätig.

Er hatte immer ein enges, herzliches Verhältnis zu seiner Mutter, der er hoch anrechnete, dass sie sein Schwulsein – nicht wie sein Vater – vorbehaltlos ­akzeptiert hatte. Er besuchte sie oft; gemeinsam mit seinem Partner verbrachten sie häufig gar die Ferien zu dritt. Dazu regelte er schon lange alle administrativen Belange für die alleinstehende Frau. Abgesehen davon brauchte sie bis ins hohe Alter wenig Hilfe.

Kochen trotz Einladung
Doch mit 85 sei sie dann plötzlich vergesslich geworden. Ein Erlebnis ist Pletscher besonders stark in Erinnerung geblieben: Er hatte sie in ihr Lieblingsrestaurant zum Mittagessen eingeladen und holte sie wie immer zu Hause ab. Zu seiner Überraschung nahm er beim Eintreten Kochdüfte wahr. Er zuckt mit den Schultern: «Sie hatte schon gegessen, weil ihr meine Einladung entfallen war.» Natürlich sei das nicht tragisch gewesen, aber er begann, sich Sorgen zu machen.

Zu Recht, denn seine Mutter büsste an vielen Fähigkeiten ein: Ihr Gedächtnis litt, in Gesprächen wiederholte sie Sätze wieder und wieder, auf Einkaufslisten schrieb sie die seltsamsten Dinge und war nicht mehr fähig, den Haushalt zu führen. Ihr Sohn war irritiert, dass seine Mutter, einst eine selbstbewusste, dominante Frau, so schnell abbaute.

Er merkte, dass sie jetzt viel Unterstützung brauchte, war allerdings beruflich damals noch stark gefordert. Nach anfänglichem Widerstand willigte sie wenigstens ein, jemanden von der Spitex kommen zu lassen, der ihre Wohnung sauber hielt und bei der Körperpflege half. Heinz Pletscher lacht: «Eigensinnig, wie sie war, konnte es aber passieren, dass sie eine Betreuungsperson, die ihr nicht zusagte, wieder wegschickte.»

Der Telefonterror der Mutter
2009 zeigte sich immer klarer, dass die inzwischen 89-Jährige in einem Altersheim untergebracht werden musste. Sie willigte ein, kam aber mit der neuen Situation nicht gut zurecht. Stets klagte sie über zu viel Lärm und wollte nach Hause.
In dieser Zeit begann sie mit dem Verhalten, das ihr Sohn «Telefonterror» nennt: «Sie rief bis zu zwanzigmal pro Abend an und nervte uns total.» Mit der Zeit habe er auf ihre Anrufe nicht mehr reagiert. Die Folge seien allerdings «scheussliche Schuldgefühle» gewesen, «weil ich die arme, einsame Frau ihrem Schicksal überlasse.»

Zugleich verschlechterte sich ihr Zustand weiter, sie bekam Angstzustände und litt unter kompletter Orientierungslosigkeit. In den vier Monaten, die
sie daraufhin in Zürich in der Psychiatrischen Universitätsklinik verbrachte, wurden erstmals Untersuchungen durchgeführt, die eine klare Diagnose ergaben: Altersdemenz.

Ihr Sohn war froh, endlich Gewissheit zu haben, und machte sich auf die Suche nach einem geeigneten Pflegeplatz. 2011 zog sie nach Wetzikon ZH, in das auf Demenz spezialisierte Heim Sonnweid. Die ersten beiden Jahre wurden zur echten Prüfung: Die alte Frau jammerte oft, sie wolle zu ihrem Sohn nach Richterswil ZH.

Bei Besuchen konnte er die Mutter erst wieder verlassen, wenn eine Pflegefachfrau sie in ein Gespräch verwickelt hatte. Er stöhnt noch heute: «Dieses Abschleichen empfand ich als unwürdig. Gleichzeitig haben mir aber auch ihre Tränen und ihre ausgestreckten Arme fast das Herz gebrochen.»

Das Personal hatte die freundlichen Patienten sehr gern.

Claudia Bussinger
Claudia Bussinger

Bei Claudia Bussinger traf es die Mutter und den Vater. Die 56-jährige Psychotherapeutin stammt aus einer Familie mit sieben Kindern. Ihr Vater wurde im Alter vergesslich, was aber noch niemanden sehr stark beunruhigte. Erst als er später erblindete, verschärfte sich die Situation, und er büsste immer mehr an Selbständigkeit ein. Er fiel einige Male hin, und seine Frau, die acht Jahre jünger war als er und bis dahin den Haushalt allein geführt hatte, war zunehmend überfordert.

Als er nach einem weiteren Sturz im Spital lag, nahm der Druck auf seine Partnerin so stark zu, dass sie einen plötzlichen Demenzschub erlitt. Einer ihrer Söhne fand sie mitten im Winter völlig durchfroren und desorientiert an einer Tramhaltestelle. Damit war der Familie klar, dass nun beide Elternteile Pflege und Betreuung brauchten. Ein Glück, dass im Alters- und Pflegeheim genau zu der Zeit zwei durch ein Badezimmer verbundene Räume frei waren, in denen sich für Mutter und Vater eine kleine Wohnung mit eigenen Möbeln einrichten liess.

Claudia Bussinger wirkt entspannt, wenn sie daran zurückdenkt: «Wir alle haben unsere Eltern oft besucht, was sie gefreut hat und uns Töchter
und Söhne sehr entlastet hat.»

Sie selber hatte im Beruf zuvor schon oft mit alten, auch pflegebedürftigen Menschen zu tun gehabt und wusste, welche psychischen Prozesse in dieser Lebensphase zu erwarten sind. Bei ihren Eltern habe es zum Glück keine grossen Persönlichkeitsveränderungen gegeben. Beide seien bis zum Schluss «freundliche Patienten» gewesen, «die das Pflegepersonal sehr gern hatte». Natürlich seien sie mit den Jahren deutlich hilfloser geworden und hätten ihre Autonomie eingebüsst. Und es sei für die Geschwister schmerzlich gewesen, mitansehen zu müssen, wie aus den einstigen Respektspersonen hilflose Wesen wurden.

Intensiv miterlebt
Doch Claudia Bussinger war diese Entwicklung vertraut. Sie freute sich vor allem über die geradezu ideale Wohnform für das alte Paar und ihre weiterhin gute Einbettung ins Familiengefüge. Weil ihr auch die Situation in Heimen aus ihrem Beruf bekannt war, war sie auch nicht alarmiert, wenn das Personal im Betreuungsstress wieder einmal das tägliche Glas Wein vergessen hatte, das sich ihr Vater wünschte: «Halb so schlimm», lacht sie. Das könne passieren.

Claudia Bussinger blickt auf jeden Fall «mit guten Gefühlen» auf die letzte Lebensphase ihrer Eltern zurück. Ganz ähnlich wie die heute 72-jährige Elisabeth Handel und Heinz Pletscher, die sich glücklich schätzen, weil sie die Zeit mit ihrer demenzkranken Mutter trotz aller Belastungen so intensiv miterleben konnten.

Die Hand geben, Betreuung bei Demenz

Benutzer-Kommentare

Mehr zum Thema

Bettina Ugolini ist Leiterin der Zürcher Beratungsstelle «Leben im Alter».

Verwandte Artikel

Bänz Friedli (Bild: Vera Hartmann)

Unter der Zeitlupe

Häsli für die Ferien: Die Familie Müller aus Eigenthal LU hüten vier Zwergkaninchen aus einem Kinderheim.

Haustiere auf Zeit

Kind fotografiert Mutter beim Zwiebeln schneiden

Lächeln!

Bänz Friedli (Bild: Vera Hartmann)

Mit zunehmender Jugend