15. Juni 2015

Wenn Kinder Kinder hüten

Babysitter werden immer jünger. Das heisst aber nicht, dass sie schlechter sind als ihre älteren Kollegen. Im Gegenteil. Zu Besuch bei zwei Jugendlichen, die bereits mit 13 Jahren Kleinkinder hüten wie die Profis.

Lena hütet Mio
Lena hütet Mio: Am Anfang war der Kleine skeptisch, nun strahlt er, wenn sie kommt.

Lena (15) hütet seit zwei Jahren den Nachbarsbuben Mio (2). Seine Familie wohnt ein paar Hauseingänge entfernt in derselben Siedlung in Mittelhäusern BE. «Er war erst drei Monate alt, als ich das erste Mal zu ihm schaute», sagt sie. Ihre Augen lachen, wenn sie von ihm erzählt.

Der Anfang war allerdings alles andere als einfach: «Mio wollte nicht aufhören mit Weinen, ich habe ihn geschaukelt und war total überfordert», erinnert sie sich. «Er war halt noch megaklein und kannte mich nicht.» Doch Lena hielt tapfer durch: «Ich dachte nur: Ich kann das Kind nicht zu seiner Mutter zurückbringen, sonst darf ich ihn nie mehr hüten!» Ihre Geduld hat sich ausgezahlt: Irgendwann beruhigte sich der Kleine dann doch.
Heute ist es ganz anders. Wenn sie heute jeweils hüten geht, rennt Mio ihr entgegen, strahlt über alle Backen und umarmt ihre Beine. «Er ist so herzig», schwärmt die junge Bernerin.

Die leichte Arbeit ist ab 13 erlaubt

Lena war erst 13, als sie mit Hüten angefangen hat. Sie hatte also gerade erst das gesetzliche Mindestalter fürs Babysitten erreicht. Ab 13 Jahren sind leichte Arbeiten wie Ferienjobs, Schnupperlehren oder kleine Erledigungen erlaubt. Ob jemand fähig ist, als Babysitter zu arbeiten, hängt jedoch nicht so sehr vom Alter als viel mehr von seiner Erfahrung im Umgang mit Kleinkindern ab.

Ein Durchschnittsalter fürs Babysitting gibt es nicht. Sicher ist nur: Immer mehr jüngere Teenager interessieren sich dafür. Es gibt Jugendliche, die schon mit 12 Jahren reif genug wären, weil sie sich den Umgang mit Kleinkindern gewohnt sind. Es gibt aber auch 16-Jährige, die bei Alltäglichem wie Wickeln hilflos sind. Grund dafür ist die gesellschaftliche Entwicklung. Heute sind Kleinstfamilien die Regel. Wer keine jüngeren Geschwister hat oder nicht in einem kinderreichen Umfeld aufwächst, lernt den Umgang mit Babys nicht automatisch.

Für Eltern, die ihre Kinder in Obhut eines Hüetimädchens oder -buben geben, ist oft weniger wichtig, ob dieser(s) von Anfang an weiss, wie man ein Bébé wickelt oder Brei zubereitet. Wichtiger ist die Freude an der Tätigkeit und die Bereitschaft, vor Ort Neues zu lernen und auf das Kind einzugehen. Die Eltern brauchen zudem vollumfängliches Vertrauen ins «Hüeti».

Mios Eltern hatten nie Bedenken, dass Lena ihrer Aufgabe nicht gewachsen sein könnte. Sie kannten das Nachbarsmädchen und merkten, wie gern und gut sich Lena um Kleinkinder kümmert. «Ich wollte schon lange hüten», erinnert sich die Bernerin. Ihre Begeisterung spürten auch Mios Eltern, deshalb war deren Vertrauen von Beginn an gross.

«Gleich von Anfang an hat Mios Mutter mir gezeigt, wie man wickelt», erzählt Lena. «Und weiss ich heute etwas nicht, dann hilft mir Mios ältere Schwester Ronja weiter.» Bis vor einem halben Jahr hütete sie ihn jeweils während zweier Stunden am Mittwochnachmittag. Nun ist sie jeden Dienstagabend ab Viertel vor acht während anderthalb Stunden bei ihrer Nachbarsfamilie und schaut zu Mio und seinen beiden älteren Geschwistern Elio (4) und Ronja (8). «Ich spiele kurz noch mit ihnen, schaue, dass sie ins Bett kommen und erzähle ihnen vor dem Einschlafen eine Geschichte.»

Natürliche Begabung im Umgang mit Kindern

Als Mio noch klein war, ging sie mit ihm jeweils «wägele» – mit dem Kinderwagen spazieren. Am Anfang weinte er oft, wenn sie losliefen. Für Lena kein Grund zum Verzweifeln. Denn er hörte spätestens dann auf, wenn sie die Wohnsiedlung hinter sich gelassen hatten und im Wald waren. «Er hat dann neugierig um sich geschaut», erinnert sich Lena. Sie gab ihm jeweils Blätter und Blümchen zum Anfassen und «Gwundern».

Lena hat offenbar eine natürliche Begabung für den Umgang mit Kindern. Das Hüten liegt ihr, sie weiss, was sie mit den Kleinen spielen oder unternehmen kann, ratlos ist sie nie. Eine Zeit lang war ihr Berufswunsch denn auch Kleinkindererzieherin. Trotz ihres vollen Freizeitprogramms (Hip-Hop-Kurs, Nachmittag auf dem Bauernhof, Fussballspielen und Pfadi) – das Hüten will Lena nicht so schnell aufgeben. Auch nicht, wenn sie dereinst in Bern die Fachmittelschule besuchen wird. Sie will Lehrerin werden.

Remo geniesst die Zeit mit Schützling Carla
Remo geniesst die Zeit mit Schützling Carla.

Remo Felder aus Zufikon AG ist einer der wenigen Buben, die hüten. Der 13-jährige Bub hat die gleichen Motive wie Lena: «Es macht mir Spass, mit Kindern zu spielen.» Zwischendurch kann er auf Amelie aufpassen, das vierjährige Mädchen seiner ehemaligen Nachbarn. Remo ist vor wenigen Monaten 13 geworden und hat gerade erst den Babysitterkurs des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) besucht. «Das war super, ich habe viel gelernt.» Er weiss nun, was zu tun ist, wenn sich ein Kind verletzen würde, wie man wickelt, einen Brei macht und abwechslungsreiches Essen zubereitet. «Und natürlich noch viel mehr.»

Absolvierter Kurs räumt Skepsis aus

Erfahrung im Umgang mit Kindern hat Remo in der Jungwacht, der Schule, bei Verwandten und in der Nachbarschaft gesammelt. Am liebsten geht er mit den Kindern auf den Spielplatz oder bastelt mit ihnen.
Remo hat sich im SRK-Kurs nicht nur Wissen und Sicherheit im Umgang mit Kleinkindern geholt, er kann sich nun auch in die Babysittervermittlungsliste des SRK eintragen. Denn er wünscht sich, regelmässig Kinder hüten zu können. Am liebsten alle zwei bis drei Wochen.

Häufig kennen Eltern die Hüetimädchen oder -buben aus ihrem privaten Umfeld. So besteht schon ein grosses Grundvertrauen in die jungen Menschen. Doch das ist nicht überall der Fall. Daher ist der Kurs des SRK ein gutes Mittel, um diese Basis zu schaffen und eine gewisse Skepsis auszuräumen. Die Eltern können sich darauf verlassen, dass die Absolventinnen und Absolventen des Babysitterkurses das nötige Fachwissen mitbringen. Denn Hüten ist keine ganz einfache Aufgabe, es bedeutet Herausforderung und Verantwortung. Man ist dabei ganz allein mit dem Kind, niemand anders ist da, der einem hilft oder bei dem man etwas abschauen kann.

Aufpassen und mitspielen: Die Anforderungen
Aufpassen und mitspielen: Die Anforderungen an Babysitter sind hoch.

Obwohl Remo noch ziemlich am Anfang seiner «Babysitterkarriere» steht, kann er schon gut mit schwierigen Situationen umgehen: «Wenn ein Kind gerade wieder erwacht, nachdem es eingeschlafen ist, muss ich Geduld haben und immer aufpassen, dass ich ganz leise aus dem Zimmer gehe.» Er hat auch schon erlebt, dass es einfach nicht klappen wollte – und dann intuitiv das Richtige getan: «Ich bin kurz aus dem Zimmer raus, habe Luft geschnappt, meinen Stressball gedrückt und bin wieder rein. Die Kleine ist danach schnell eingeschlafen.» Remo weiss aber auch, dass er immer die Eltern oder seine Schwester anrufen könnte, wenn etwas gar nicht klappt. «Doch das ist noch nie vorgekommen.»

Die SRK-Vermittlung bietet Vorteile

Beim Hüten braucht es von beiden Seiten ein gewisses Grundvertrauen. Ohne es auszuprobieren, weiss weder das Hüeti, ob es gut hüten kann, noch die Eltern, ob der Babysitter auch wirklich seine Aufgabe erfüllt. So kann es vorkommen, dass man mit dem Hüeti Pech hat. Etwa, weil es immer zu spät kommt, Freunde einlädt oder chattet, statt mit dem Kind zu spielen. Dann gibt es oft nur eins: einen motivierteren Babysitter suchen. Die Vermittlung via SRK-Babysitterliste hat einen zusätzlichen Vorteil: Bei Problemen kann man sich an die Vermittlungsstelle wenden.

Auch wenn babysittende Buben selten sind: Skeptische Eltern hat Remo bisher noch nicht angetroffen. Dass er den Kurs besucht hat, ist bestimmt hilfreich. So wissen Eltern, die ein Hüeti suchen, ihn aber nicht kennen, dass er mit dem Babysitten wirklich vertraut und auch motiviert ist: «Hüten macht Megaspass. Ich würde es auf jeden Fall weiterempfehlen.» 

BABYSITTING – Die Grundregeln

Stundenlohn: 13 bis 16 Jahre: 6–10 Franken / 16 bis 18 Jahre: 10–15 Franken (Empfehlung SRK)

Gesetzliches Mindestalter: 13 Jahre

Kurse: www.redcross-edu.ch

Bilder: Holger Salach

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