09. Januar 2018

Wenn Kinder die Zeit vergessen

Wann ist 18 Uhr? Pünktlich daheim sein klappt nicht immer. Kinder müssen erst ein Zeitgefühl entwickeln. Die Eltern können ihnen dabei Orientierungshilfen geben.

Für kleine Entdecker ist Zeit etwas Ungreifbares
Für kleine Entdecker ist Zeit etwas Ungreifbares. Ein paar Tricks helfen ihnen, ein Gefühl für Stunden und Minuten zu entwickeln. (Bild: Getty Images)
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Entnervt schaut die Mutter auf die Uhr. Zehn nach sechs. Joya (8) sollte seit zehn Minuten zu Hause sein. Fünf Minuten später kommt sie zur Tür herein, und ihre Mutter stellt sie zur Rede. «Wir haben so schön gespielt», entschuldigt sich die Zweitklässlerin. Die Mutter zögert. Soll sie Joya bestrafen, weil sie eine Abmachung zum dritten Mal innert kurzer Zeit nicht eingehalten hat? Oder soll sie einen Weg suchen, wie ihre Tochter künftig die Zeit besser im Griff hat?

Ihre Unsicherheit ist berechtigt: Kinder können die Zeit erst ab einem gewissen Entwicklungsstand kontrollieren. Markus Kübler, Leiter Abteilung Forschung und Entwicklung an der Pädagogischen Hochschule Schaffhausen, hat das Zeitverständnis von Kindern erforscht. «Zeit ist ein hochkomplexes Konstrukt», sagt er. Die Zeit im Griff zu haben, bedeute, Zeit nicht nur lesen, sondern auch planen zu können.

Entwicklungsmässig wissen Kinder durchschnittlich ab neun Jahren, was 18 Uhr bedeutet. «Einige Kinder können das schon im Kindergarten, andere haben noch mit 13 Jahren Mühe.» Doch haben sie das erst einmal verstanden, müssen sie auch noch begreifen, wie sie mit der Zeit umzugehen haben. Kübler nennt das Selbststeuerung. «Erwachsene wissen, wie viel Zeit sie einberechnen müssen, um sich bereit zu machen und zum Bus zu gehen. Kinder müssen dieses Gefühl erst entwickeln. Sie müssen lernen, dass nicht der Chauffeur schuld ist, wenn sie den Bus verpassen.»

Selbstvergessenheit fällt weg

Eltern können ihren Kindern dabei helfen, indem sie ihnen erklären, was sie alles einrechnen müssen. «So können Kinder den schwierigen Schritt lernen, wie sie ihren inneren Ablauf mit einem Messgerät, der Uhr,
abgleichen und daraus ein verlässliches Zeitgefühl aufbauen», so Pädagoge Kübler.

Letztlich heisst das zwar, dass die Kinder in ein fremdes Schema gepresst werden und ihnen damit ein Stück kindliche Selbstvergessenheit genommen wird. «Aber sie müssen sich ja an die Gesellschaft angewöhnen», sagt Kübler. Ausserdem könne man ihnen ohne weiteres erklären, dass man Angst hat, wenn sie zu spät kommen. «In der Regel wollen Kinder es den Eltern recht machen und geben sich dann mehr Mühe.»

Joyas Mutter hat eine Lösung gefunden: Ihre Tochter darf bis 18 Uhr bei der Freundin spielen. Um diese Zeit schlägt nebenan die Kirchturmuhr. So ist sie spätestens um viertel nach sechs zu Hause. Seither muss sich die Mutter nicht mehr sorgen, und Joya hat keinen Zeitstress.

TIPPS: Das können Eltern tun

Babys lassen sich an Zeitabläufe gewöhnen, indem Eltern sie mit regelmässigen Ritualen und Nachtruhezeiten vertraut machen.

Schon vor dem Kindergarten können Eltern ihren Kindern die Zeit erklären, indem sie vertraute Beispiele als Vergleich brauchen: «Eine halbe Stunde, also so lange, wie deine Kindersendung dauert.»

Ab Kindergarten- und Schulzeit können Eltern äussere Vorkommnisse als Zeitvergleich hinzuziehen. Auf dem Land etwa «wenn der Bauer die Kühe in den Stall treibt», in der Stadt «wenn alle Leute aus dem Bürohaus kommen». Oder sie können mit dem Kind gemeinsam herausfinden, welche Anhaltspunkte ihm helfen.

Muss ein Kind morgens das Haus selbständig verlassen, kann vielleicht ein Gspänli im Vorbeigehen klingeln, oder eine Nachbarin schaut rasch herein und schickt es los.

Ungefähr ab der dritten oder vierten Klasse bewährt sich bei einigen Kindern eine Armbanduhr oder ein Handy mit Weckerfunktion.

Das Ziel ist Selbständigkeit, und diese sollen Kinder mit Training erwerben und nicht mit Druck. «Eltern sollten nicht vergessen, zu entspannen», fasst Pädagoge Markus Kübler zusammen: «Wir verlangen viel von unseren Kindern in einer durchgetakteten Welt.»

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