10. Oktober 2011

Armut in der Schweiz

Entrecôte, Klavierstunden, Kinobesuch – was für die einen selbstverständlich ist, ist für andere kaum erschwinglich. In der Schweiz leben rund 900'000 Menschen an der sogenannten Armutsgrenze, Tendenz steigend. Drei Familien erzählen.

Eine Viertelmillion Schweizer Kinder ist arm. Doch was heisst eigentlich arm? Laut Regula Heggli ( 33), Leiterinder Fachstelle Sozialpolitik bei der Caritas Schweiz, ist Armut in der Schweiz ein soziales Phänomen: «Sie bedeutet hierzulande nicht zwingend Hunger oder schlechte Kleidung. Menschen sind auch arm, wenn sie über so geringe Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in ihrem Umfeld üblich ist.» Armut kann jeden treffen. Besonders gefährdet sind alleinerziehende Eltern, Grossfamilien, Menschen mit wenig Bildung, entsprechend schlechtem Lohn, und Jobchancen sowie Ausländer und Rentner. Auch Krankheit oder der Verlust der Stelle sind Risikofaktoren. Letzterer wird sich durch die Kürzung der Anspruchstage für Erwerbslose noch verschärfen.

Den meisten Menschen in der Schweiz sieht man nicht an, wenn sie in einer finanziellen Notlage stecken. Armut ist hier weitgehend unsichtbar. Darüber geredet wird nur hinter vorgehaltener Hand. Diese Tabuisierung erstaunt umso mehr, als in der reichen Schweiz noch Ende des 19. Jahrhunderts jährlich Zehntausende auswanderten. Die meisten Schweizer zog es damals in die USA und nach Argentinien.

Gut ein Jahrhundert später gilt in der Schweiz: Wer fleissig ist und Willen hat, ist nicht arm. Der Umkehrschluss liegt auf der Hand: Wer arm ist, ist selber schuld. Diese fatale Fehlmeinung führt dazu, dass finanziell schlechter gestellte Menschen in der Schweiz auch unter gesellschaftlicher Ausgrenzung leiden.

Das wiederum kann laut Regula Heggli dazu führen, dass sich die Situation unter Umständen sogar noch verschärft: «Wenn Statussymbole wie Handy und Markenturnschuhe auf Pump gekauft werden — damit niemand einem ansieht, dass das Geld dafür eigentlich fehlt —, beginnen sich die Schulden schnell anzuhäufen. Wieder aus der Schuldenspirale herauszufinden ist schwierig und ohne Hilfe kaum möglich.»

Besonders riskant wird es, wenn noch Kreditunternehmen ins Spiel kommen, die eine schnelle Lösung versprechen. Sie verlangen immense Zinsen und heizen die Spirale weiter an. Regula Heggli rät daher dringend, sich bei Schulden Hilfe zu holen, sei es beim kostenlosen Schuldentelefon der Caritas oder bei der Beratungsstelle der Gemeinde: «Diese arbeitet seriöse Pläne zur Schuldentilgung aus, erstellt ein Budget und verhandelt mit den Gläubigern.» Solche Beratungsstellen helfen auch dabei, Schulden gar nicht erst entstehen zu lassen. Bei unvorhersehbaren Ausgaben wie Zahnarzt oder Reparaturen sind auf Anfrage oft auch Zahlungen auf Raten möglich.

Wie kann der Zunehmenden Armut in der Schweiz begegnet werden? «Auf politischer Ebene braucht es Engagement für mehr Bildung, vor allem bessere Weiterbildungsmöglichkeiten für Menschen in Niedriglohnjobs wären wichtig», sagt Regula Heggli. Auf der gesellschaftlichen Ebene plädiert sie für mehr Offenheit. Armut darf kein Tabu mehr sein. Nur so finden Menschen, die sich viel weniger leisten können als der Durchschnitt, aus Isolation und Ausgrenzung, die so belastend sind. Den ersten mutigen Schritt machen drei Familien, die von ihrem sehr kreativen Umgang mit dem kleinen Portemonnaie erzählen und darüber, wie sie den Alltag meistern.

Mal mit den Kindern ans Meer fahren

Familie Schütz aus Baden AG

Früher hat das Geld immer gut gereicht, doch dann musste Helene Schütz vor der Geburt des dritten Kindes ihre Stelle im Service aufgeben. Das eine gab das andere. Das Einkommen schrumpfte, und die Ausgaben blieben hoch. Und so rutschte die junge Familie in die Schuldenfalle. Doch sie hatte Glück im Unglück: Die Firma, bei der Ivo Schütz als Lagerist arbeitet, nahm sich der Schulden an. Nun zahlen die Schützes diese bei ihr ab. Anderthalb Jahre wird das voraussichtlich noch dauern. Bis dahin bleiben der fünfköpfigen Familie von den 5300 Franken Lohn nach allen Abzügen noch 450 Franken für Essen und die täglichen Ausgaben. Das sind gerade mal 17 Franken pro Tag. Zwei Mal pro Woche bekommen sie von gemeinnützigen Organisationen (Hope und Tischlein deck dich) gratis Lebensmittel. Die werden daheim eingefroren und sorgfältig eingeteilt. Den Tisch, an dem sie essen, hat Helene Schütz auf Ricardo.ch für einen einzigen Franken ersteigert, Markos Schaukelpferd hat sie auf der Strasse gefunden. Mit viel Glück und Beharrlichkeit haben sie vor zwei Monaten eine grosse Wohnung für nur 1200 Franken bekommen, die sie selber renovieren. Für Hobbys und Ausflüge reicht das Geld nicht. So geht die Familie viel spazieren, und abends schauen sie gemeinsam ihre TV-Serien. Freunde haben sie kaum, aber Helenes Familie hilft, wo sie kann, sei es mit Windeln oder mit abgelegten Kleidern. Der grösste Wunsch des Paars: einmal mit den Kindern ans Meer zu fliegen.

Als der Mann starb, folgten harte Jahre

Familie Neuenschwander aus Obersteckholz bei Langental BE

Als vor sieben Jahren ihr Mann starb, zwei Wochen vor Geburt des vierten Kindes, stand die hochschwangere Susanne Neuenschwander von einer Minute auf die andere allein da. Sie musste das gemeinsame Geschäft, das ihr Mann als Lebensberater aufgebaut hatte, auflösen und das Haus verkaufen. Es folgten schwere Jahre, teils in winzigen Wohnungen, und oft wusste sie nicht mehr, woher sie das Geld nehmen sollte, um ihre vier Kinder über Wasser zu halten. Der Witwen- und Waisenfonds der Pro Juventute sowie Freunde und Bekannte haben ihr in dieser schweren Zeit viel geholfen und tun es heute noch.

Familie Neuenschwander aus Obersteckholz bei Langental BE musiziert.
Trotz wenig Geld sollen die Kinder alle ein Instrument spielen: Susanne (37), Dinè (6), Marlin (8), Naomi (11) und Amy (12, von links).

Seit gut einem Jahr geht es den Neuenschwanders wieder zunehmend besser. Sie konnten mit einer Freundin gemeinsam ein günstiges Haus mieten und zahlen 1800 Franken Miete. Nun ist Susanne Neuenschwander dabei, ein eigenes Geschäft aufzubauen als Lebensberaterin und Maltherapeutin. Ihr grösster Wunsch: möglichst bald wieder finanziell auf eigenen Beinen zu stehen. Mit 6300 Franken pro Monat für ihre fünfköpfige Familie, muss sie zwar nicht mehr jeden Rappen umkehren, aber für Extras wie Ferien oder unerwartete Ausgaben reicht es noch immer kaum. Dennoch kämpft die engagierte Mutter dafür, dass ihre Kinder möglichst umsorgt aufwachsen und beispielsweise alle ein Instrument spielen. Ihr Erfolgsrezept: mit den Leuten reden, offen sein und sich umsehen. Das Auto konnte sie beispielsweise ganz günstig von Freunden kaufen, die eine Garage haben, beim Zahnarzt oder in der Musikschule darf sie die Rechnungen in kleinen Raten abzahlen. Nach sieben harten Jahren ist Susanne Neuenschwander wieder zuversichtlich, dass es im Leben immer einen Weg gibt.

Geschenke für Weihnachten werden im Januar gekauft

Familie Bregenzer aus Rapperswil SG

Eigentlich hatten sie nie vorgehabt, eine so grosse Familie zu werden, aber irgendwie hat es sich einfach ergeben aus Freude an den Kindern — und nun ist das neunte unterwegs. Im Prinzip verdient Daniel Bregenzer als Versicherungsangestellter mit fast 10'000 Franken (ohne 13. Monatslohn) inklusive Kindergeld sehr gut, doch gerechnet auf den 10-köpfigen Haushalt mit 2800 Franken Mietkosten muss sehr sorgfältig gerechnet werden.

Bregenzer so weit das Auge reicht: Daniel (48), Manuela (42), Aaron Daniel (16), Sara (18), Claire (18), Debora (12), Rebekka (11), Marvin Manuel (9), Florence (4) und Julien David (2, von links).

Manuela Bregenzer ist zu einer Meisterin der Planung geworden

Allein schon der monatliche Einkauf in Deutschland ist eine Grossübung: Ein Auto voller Waren muss eingeräumt oder eingefroren werden. Im Keller reihen sich Büchsen, Saucenbeutel, Nudelpackungen und andere Aktionen auf den Gestellen aneinander, und im Nebenraum steht der geheime Schrank: Hier bewahrt Manuela Bregenzer die Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke für die Kinder auf, die sie im Januar kauft. Denn dann sind Barbies und Legos jeweils zu Aktionspreisen zu haben. Im Dachboden liegen Kisten voller abgelegter Kleider bereit, bis das nächste Kind sie braucht. Überhaupt ist Manuela Bregenzer längst zu einer Meisterin der Planung geworden: Seien es die Raten für das Auto, Zahnarztrechnungen, Schuhkäufe oder die täglichen Mahlzeiten, alles muss sorgfältig eingeteilt sein. Und weil Ausgehen bei dieser Familiengrösse schon längst nicht mehr drinliegt, gibt’s statt Kino eben DVD-Abende. Mit all diesen Einschränkungen können die kleinen und grossen Bregenzers gut leben. Was sie jedoch plagt, ist das enge Haus — sechs Zimmer für zehn Personen sind einfach zu wenig — und das Wissen, dass sie mit ihrem Budget nur schwerlich etwas Grösseres finden werden.

Armut in der Schweiz in Zahlen:

In der Schweiz gilt jeder Zehnte als arm. Allerdings gibt es keine allgemeingültige Armutsgrenze. Die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (Skos) definiert jedoch Richtlinien, die breit akzeptiert sind: Die Armutsgrenze liegt demnach bei einem verfügbaren Einkommen pro Jahr von

  • 28'701 Franken für Alleinstehende
  • 45'922 Franken für Alleinerziehende mit zwei Kindern unter 14 Jahren
  • 43'052 für ein Paar ohne Kinder
  • 60'273 für ein Paar mit zwei Kindern unter 14 Jahren

Haushalte, die knapp darüber liegen, leben an der sogenannten Armutsgrenze. In der Schweiz gehören viele Menschen zu dieser Gruppe, die aber statistisch nicht erfasst ist. (Quelle: Bundesamt für Statistik, 2009)

Mehr Infos unter: www.armut-halbieren.ch

Fotograf: Renate Wernli

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