30. Oktober 2019

Wenn die Tage dunkler werden

Der Bücherherbst bringt mehr Lesestoff, als man in langen Nächten meistern kann. Immer zahlreicher vertreten: Schweizer Krimis. Zu den Entdeckungen zählt der Journalist Marcel Huwyler.

Krimiautor Marcel Huwyler
Das Böse hat Marcel Huwyler, Zuger Krimiautor, schon immer interessiert.
Lesezeit 3 Minuten

Marcel Huwyler lehnt sich leicht über den Tisch, rührt im Kaffee und sagt leise, als wollte er beichten: «In meiner Zeit als Lehrer schrieb ich die ­moralinsauren Märchen um. Anstelle des Happy Ends blühte der Hexe der Scheiterhaufen.» Dabei lacht der 51-Jährige schelmisch. Dem Krimi war er also schon immer nah. Nur sein Publikum ist jetzt ein anderes: Er schreibt nicht mehr für Schüler, sondern für Krimifans. «Das Böse hat mich schon immer interessiert», schliesst er seine Beichte ab

Erfunden und doch real

«Frau Morgenstern und das Böse» heisst denn auch sein erster Krimi, der im September im deutschen Verlag Grafit erschienen ist. Die Protagonistin, eine Lehrerin in Pension, wird von ihrem Motto «Strafe muss sein» zu ganz neuen beruflichen Ambitionen verleitet. Frau Morgenstern ist eine reine Erfindung, und ihr Fall spielt sich auch nicht vor Huwylers Haustür ab. Einen dieser angesagten Regionalkrimis, die in einem Schweizer Ort spielen, wollte er nämlich explizit nicht schreiben.

Im vergangenen Monat lief ihm Frau Morgenstern aber ausgerechnet daheim am Ägerisee im Kanton Zug zufällig über den Weg. «In der Apotheke neben der ­Migros Unterägeri arbeitet eine Frau: Wenn sie die Brille abnimmt, sieht sie genau so aus, wie ich mir Violetta beim Schreiben immer vor­gestellt habe», sagt Huwyler. Sie in Fleisch und Blut zu sehen, habe ihn fast ein bisschen «tschuderet»

Namen, Charaktere: Darauf hat Huwyler in seinem Buch viel Zeit verwendet. «Ob einer Hans Rüdisüli oder Wilhelm von Löwenschweif heisst, macht in einem Krimi einfach einen Riesenunterschied», erklärt er. Und wenn man die Figuren beim Schreiben stets weiterentwickle, würden die tatsächlich ein Eigenleben entwickeln: «Violetta streitet sich viel öfter, als ich vorhatte.» Wenn Huwyler von ihr erzählt, klingt es, als würde sie ihm sagen, wo es langgeht. 

Von Geheimdiensten und Bomben

Geschrieben hat Huwyler zu Hause am Holztisch mit Blick auf den Ägerisee und in einer Ferienwohnung auf Gozo, der Nachbarinsel von Malta. Dort fühle er sich «vögeliwohl», darum sei es für ihn der einzige Ort auf der Welt, auf dem er kein Heimweh verspüre. Die Sprache, die auf der Insel gesprochen wird, versteht er nicht, darum gibt es nicht viel mehr zu tun, als sich stundenlang in der Ferienwohnung einzuigeln und zu schreiben. «Abends feierte ich mit mir selbst und einem Gin Tonic an der Bar am Hafen eine gelungene Buchpassage.»

Auf Gozo und am Ägerisee hat er sich für Frau Morgenstern in andere Welten vertieft. Recherchiert, wie Geheimdienste arbeiten, oder nachgeforscht, welche Zutaten man für eine Bombe braucht. «Wäre ja spannend zu erfahren, wo man mich wegen meiner Internetrecherche jetzt überall ins Visier nimmt.» In vielen Welten war er aber bereits – entsprechend detailreich sind seine Schilderungen. Als Journalist mit 30-jähriger Erfahrung hat er von Krieg bis Frieden, von Liebe bis Tod schon alles beschrieben. 

Die Anspannung der Freunde

Ein Buch sei aber etwas ganz anderes als eine Reportage für ein Magazin. «Das tatsächliche Leben kann so abgründig sein – würde ich es im Buch so darstellen, würde mir das keiner glauben.» Auch die Reaktionen seien anders: Wildfremde Menschen gratulieren ihm, Freunde und Verwandte prüfen, ob sie darin irgendwie vorkommen. Wenn nicht, löse sich spürbar eine Anspannung, die sie nie zugeben würden, sagt er lachend.

Nun steht die Lesetournee an – sie führt von einer Brauerei bis in eine kleine Gemeinde im Berner Oberland; der Krimi will schliesslich beworben sein. Wird man als Krimiautor reich? Huwyler lehnt sich wieder über den Kaffeetisch und sagt mit scherzhaftem Unterton: «Gibt etwa einen Euro pro Buch.»Kaum waren die ersten Euros von seinem deutschen Verlag auf sein Konto in der Schweiz getröpfelt, schon begann für Huwyler der Krimi zum Krimi. Das Böse sei nicht etwa in Form einer Rentnerin auf­getaucht, die gerne im rechtsfreien Raum lebt, sondern per Briefpost: «Deutsche Steuerformulare! Dagegen sind unsere ein Klacks.»

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