08. Februar 2018

Wenn die Liebe ewig währt

Es gibt sie doch: die grosse Liebe, die vom Frühling bis in den Herbst des Lebens andauert. Drei Paare, die seit der Schulzeit zusammen und auch Jahrzehnte später noch glücklich sind, verraten ihr Geheimrezept und machen den Video-Partnertest.

Yvonne und Franz Wagner in einer Schulbank.
Yvonne und Franz Wagner: Sie ist das Sprachrohr, er der ruhende Pol.

Bis man die Liebe fürs Leben gefunden hat, braucht es in der Regel ein paar Irrungen und Wirrungen. Manche meinen, die ewige Liebe gefunden zu haben, verlieren sie dann aber doch wieder. Und manche dürsten nach ein paar Jahren dann doch nach neuen Abenteuern.

Aber es gibt auch Menschen, die sich als Teenager ineinander verlieben, als Paar erwachsen werden, eine Familie gründen und sogar den Lebensabend gemeinsam in Angriff nehmen. Die Liebe zum Schulschatz hat in der Regeleinen Vorteil: Der Altersunterschied zwischen den Partnern ist nicht allzu gross. Eine US-Studie mit Daten von 3000 Personen hat gezeigt: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Paar sich scheiden lässt, beträgt bei einem Altersunterschied von einem Jahr drei Prozent, steigt bei einer Differenz von fünf Jahren bereits auf 18 Prozent und liegt bei zehn Jahren sogar bei 39 Prozent. Forscher erklären sich diese Zahlen mit dem Generationenunterschied, der zu stärkeren Differenzen bei Interessen und Lebensstilen führt.

Junge Paare stehen allerdings vor der Herausforderung, dass ihnen noch viele Entwicklungsschritte bevorstehen. Während man in der Jugend wahrscheinlich gern Party gemacht hat, findet der eine als Erwachsener plötzlich Gefallen an Sport und Bewegung, während der andere sich mehr für Kunst und Kultur interessiert. Ist diese Hürde genommen, gründet man unter Umständen eine Familie und muss feststellen, dass die Rolle als Vater oder Mutter viele Veränderungen mit sich bringt. Und ziehen die Kinder dann aus, gilt es in der Regel, sich als Paar neu zu finden.

Was die Liebe dauerhaft macht
Was braucht es, damit eine Beziehung so lange und über derart viele Entwicklungsstufen hinweg funktioniert? «Ein Rezept gibt es nicht», sagt die emeritierte Psychologieprofessorin Pasqualina Perrig-Chiello (65), die selber mit ihrer Jugendliebe verheiratet ist. «Aber es gibt Schutzfaktoren, darunter ein positiver Kommunikationsstil, gegenseitige Wertschätzung, gemeinsame Interessen sowie eine gute Portion Humor.» Diese Eigenschaften erleichterten es dem Paar, auch dann im Austausch zu bleiben, wenn es schwierig würde.

Die Psychologin hat gemeinsam mit ihrem Team 1100 langjährig Verheiratete und 1100 spät Geschiedene während sechs Jahren dreimal zu ihren Ressourcen befragt. Aus den Antworten haben sich Schutz- und Risikofaktoren für die Dauer und Qualität der Beziehung ergeben: «Gefährlich sind generelles Kritisieren im Stil von ‹immer machst du alles falsch›, nachtragendes Verhalten oder gar Verachtung und Desinteresse gegenüber dem Denken, Fühlen und Handeln des anderen», warnt Perrig-Chiello. Streiten sei nicht per se schlecht, falls das Ganze nicht zu einem Dauerkonflikt ausarte und ständig genörgelt werde: «Orientieren Sie sich an der 1-zu-5-Regel. Wer ein Mal kritisiert, sollte fünf Mal loben beziehungsweise wertschätzen.»

Ehepaar Joss: Seit 30 Jahren zusammen

Roland und Karin Joss: Eine Krise, bei der eine Trennung auf Zeit im Raum stand, hat sie als Paar weitergebracht.

Als Karin Roland als Teenie zum ersten Mal sah, machte es «Bäng!». Sie schrieb in ihr Tagebuch: «Ich habe meinen Traummann gefunden, mit dem möchte ich alt werden!» Sie besuchten damals dieselbe Sekundarschule in Grosshöchstetten BE. Er war sich noch nicht ganz so sicher, und so hatten sie in den folgenden fünf Jahren ein «Geplänkel». Dann, im August 1987, in der Dorfdisco Studio 2000 in Enggistein BE, war es plötzlich beiden klar: «Das ist es!» Da sind sich Karin (47) und Roland Joss (48) einig.

Anfangs weckte Karin den Beschützerin Role, er fand sie einfach sehr herzig. 30 Jahre später schätzt er die Vertrautheit und dass er so viel Lebenszeit mit ihr verbringen durfte. Für Karin war Role immer schon «wie ein Teil von mir». Sein Charakter, sein Aussehen, seine Art, einfach «das ganze Päckli» stimmte und stimmt noch immer für sie. Bei aller Liebe gab es dennoch Zeiten, als sie sich als Paar hinterfragten.

IM VIDEO: Karin und Roland im PARTNERTEST

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Sie waren jung, fuhren gern Töff und hatten keinen Plan – als Karin mit 23 Jahren schwanger wurde. «Wir waren selbst noch Kinder», sagt sie rückblickend. Das Baby und ihre neuen Rollen überrumpelten sie. Karin Joss blieb mit dem kleinen Buben zu Hause und fühlte sich mit ihren Aufgaben alleingelassen. Roland arbeitete Vollzeit als Elektromonteur und drückte an vier Abenden pro Woche die Schulbank. Kam er erschöpft nach Hause, erdrückten ihn ihre Erwartungen.

An der Krise gewachsen
Seine Kollegen verbrachten ihre Ferien unbeschwert in Ischgl oder auf Segeltörns, und mit 30, als schon das zweite Kind da war, fragte er sich: «War es das?»

Als eine Trennung auf Zeit im Raum stand, wurde beiden bewusst: Das wollen sie nicht. Karin Joss erkannte, dass sie nicht länger Heimchen am Herd sein wollte und für ihr Glück selbstverantwortlich war. Sie liess sich zur Ernährungs- und Fitnessberaterin weiterbilden und nahm sich Zeit für sich. Heute sind sie sich einig: Die Krise hat sie als Paar weitergebracht. Ihre Kinder Alain und Lena sind 24 und 21 und fliegen bald aus. Karin und Roland Joss brauchen sich nicht neu zu erfinden, wie viele andere Paare an diesem Punkt im Leben. Denn das haben sie bereits gemacht. Gern verbringen sie Zeit zusammen draussen, biken, wandern oder boarden. 

Ehepaar Wagner: Seit 60 Jahren verliebt

Yvonne und Franz Wagner haben sich im Freifach Italienisch ineinander verliebt.

Zwischen Franz und Yvonne funkte es 1958 im Freifach Italienisch. Die beiden waren damals 15 Jahre alt und besuchten dieselbe Klasse an der Bezirksschule Waldenburg BL. «Franz war der einzige Bub im Italienisch. Dass sich ein Knabe – und dann noch so ein schöner – für Sprachen interessierte, fand ich toll», erinnert sich Yvonne Wagner (75) und lacht verschmitzt. Franz Wagner (75) sitzt mit einem leichten Lächeln auf den Lippen neben seiner Frau und überlässt ihr das Reden.

Während der Ausbildung zum Stationsbeamten bei den SBB wechselte Franz Wagner seinen Arbeitsort mehrmals. Als Mann in Uniform und Beamter mit sicherer Stelle galt er als gute Partie: «Er wohnte jeweils bei einer Schlummermutter, und manch eine wollte ihm ihre Tochter aufschwatzen», sagt sie. Und er ergänzt: «Die eine fütterte mich ständig mit Erdbeertörtchen. Aber ich wollte einfach nie eine andere als Yvonne.»

IM VIDEO: Yvonne und Franz im PARTNERTEST

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1964, im Alter von 21 Jahren, heirateten die beiden: «Wir mussten», sagt Yvonne Wagner. Wobei das Müssen nicht mit einem Zwang verbunden war. Yvonnes Mutter dachte für ihre Zeit sehr fortschrittlich und meinte, eine Schwangerschaft sei noch lange kein Grund zum Heiraten.

Sich gegenseitig Freiräume gönnen
Nach den Flitterwochen in Italien zog das junge Paar in den Aargau, weil Franz in Suhr eine Stelle gefunden hatte. «Streit gab es natürlich hin und wieder schon, aber eine wirklich grosse Krise nie», so Yvonne Wagner. Dabei sei sicher auch Glück im Spiel gewesen: «Wir mussten nie grosse Schicksalsschläge wegstecken.»

Erwachsenwerden, Familiengründung, Rentenalter: Wie ist es den Wagners gelungen, all diese Lebensabschnitte zusammen zu bewältigen? «Wir hatten stets gemeinsame Interessen.» Beide wandern und reisen gern und sind generell sehr neugierig auf die Welt. «Aber wenn ich Strandferien machen möchte, muss ich das mit meinen Frauen tun», sagt sie, und er fügt an: «Ich gehe dann lieber auf eine Bergtour.» Auch wenn gemeinsame Aktivitäten schön und wichtig seien, müsse man sich gegenseitig auch Freiraum gönnen.

Ehepaar Bertaggia: Seit 37 Jahren ein Paar

Daniela und Sandro Bertaggia: Er wurde zur Hockeylegende, sie organisierte das Privatleben.

Das erste Armband, das Sandro für seine Daniela kaufte, versenkte er im Zugersee. Er hatte genug davon, dass sie ihn zap- peln liess. Daniela war Kunstturnerin und hatte mit 15 einfach keine Zeit für einen Freund. Als er dann eine andere Freundin hatte, wurmte das Daniela doch – und sie schlug ein Treffen vor. Bei einem Kafi am Freitag 20. 11. 1981 stellte ihr der «stolze Tschingg» ein Ultimatum. Bis am darauffolgenden Sonntag musste sie sich entscheiden. Seither sind die beiden ein Paar.

Sandro und Daniela Bertaggia (beide 53) kannten sich von der Sekundarschule Loreto in Zug. Er war einen Monat älter als sie und hatte bereits ein Töffli, als sie sich noch auf dem Velo abstrampeln musste. Ging es den Hang hinauf, zog er sie mit seinem Sachs hoch. Sie schaute sich seine Hockeyspiele an, er ging an ihre Kunstturnwettkämpfe.

Sie waren 20 Jahre alt, als er das KV abschloss und sie die Handelsschule. Dann begleitete sie ihn nach Freiburg. Dort spielte er 1984 seine erste A-Saison als Profi beim HC Fribourg-Gottéron. Seit 1985 lebt das Paar in Lugano TI, wo Sandro Bertaggia 18 Saisons beim HC Lugano spielte und zur Hockeylegende wurde. «Wir hatten das Glück, zusammen erwachsen zu werden», sagt Sandro Bertaggia. Die Angst, etwas zu verpassen, hatten sie nie.

Wer sich liebt, der neckt sich
Immer kam etwas Neues, sie blieben in Bewegung: Sie zügelten einige Male, heirateten, wurden Eltern von Vanessa (28) und Alessio (24). Daniela Bertaggia empfand es als Privileg, 17 Jahre für ihre Kinder zu Hause zu bleiben. Heute arbeitet sie wieder 50 Prozent. Ihr Mann erreichte im Sport seine Ziele. Das Privatleben managte sie. Das änderte sich auch nicht, als er sich 2003 aus dem Aktivsport zurückzog. Heute arbeitet er bei der 4sports & Entertainment AG in Zug als Spieleragent und betreut Hockeynachwuchstalente.

Ist er zu Hause in Lugano, machen sie vieles gemeinsam. Sie kochen und backen zusammen, machen Sport, gehen shoppen oder pilzlen. Manchmal nervt es sie, dass er ständig am Handy hängt, manchmal findet er, sie sei etwas zu durchstrukturiert. Aber grosse Krisen hatten sie keine, nur Alltagskonflikte. Sind sie zusammen, plaudern und lachen sie viel. So zieht sie ihren Liebsten gern auf, aktuell etwa wegen seines Barts. «Damit lassen sie dich nicht in die USA einreisen», sagt sie und lächelt verschmitzt.

Buch-Tipp: Pasqualina Perrig-Chiello: «Wenn die Liebe nicht mehr jung ist», Hogrefe 2017, auf Exlibris.ch

TV-Tipp: «Seitentriebe» , SRF2, 26. Februar, 20 Uhr

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