11. Juni 2012

Wenn die Hand ausrutscht

Kinder testen ihre Grenzen aus. Ist es in Ordnung, sie mit einem kleinen Klaps zur Räson zu bringen? Das Migros-Magazin hat bei Experten und auf der Strasse nachgefragt – und ganz unterschiedliche Antworten bekommen.

Viele Eltern geraten im Alltag an ihre Grenzen
Viele Eltern geraten im Alltag an ihre Grenzen. Ob dann körperliche Strafen erlaubt sind, darüber streiten sich die Experten. (Bild: Getty Images)

Sie sind trotzig, wild, ungestüm, laut, rücksichtslos — und sie bringen die Eltern an ihre Grenzen. Immer und immer wieder. Die einen mehr, die anderen weniger. Aber wie sollen Mütter und Väter auf die Provokationen ihrer Kinder reagieren? Schimpfen, schreien, hauen, ruhig bleiben?

Dass Prügel keine geeignete Erziehungsmassnahme sind, bestreitet seit den 60er-Jahren niemand mehr. Wie sieht es aber mit den leichten körperlichen Strafen aus, wie einer Ohrfeige oder dem berühmten Klaps auf den Po? Schaut man sich zu diesem Thema die Einträge in Erziehungsforen im Internet an, wird schnell klar: Die Meinungen gehen weit auseinander. «Jede körperliche Strafe gehört verboten», sagen die einen. «Ein Klaps auf den Po hat noch niemandem geschadet», die anderen.

Körperliche Strafen sind nach dem Gesetz nicht verboten

Tatsächlich werden 40 Prozent aller ein- bis vierjährigen Kinder in der Schweiz auf irgendeine Weise körperlich bestraft. Und das Woche für Woche. Das zeigt eine Studie des Departements für Psychologie an der Universität Freiburg von 2004. Bei den Vier- bis Siebenjährigen seien es noch mehr. «Dabei haben verschiedene Initiativen, wie die Stiftung Kinderschutz Schweiz, die Verankerung eines expliziten Verbots von Gewalt in der Erziehung im Zivilgesetzbuch bereits gefordert», sagt Beatrice Müller, juristische Mitarbeiterin der Dienststelle Soziales und Gesellschaft des Kantons Luzern.

Zwar ist in der Schweiz der Schutz der Integrität des Kindes durch die Bundesverfassung gewährleistet und Tätlichkeiten, wie eine Ohrfeige, werden strafrechtlich geahndet. Anders als bei Erwachsenen wird die Tat bei Kindern aber nur dann verfolgt, wenn sie wiederholt begangen wurde. Und «wiederholt» ist dabei nicht klar definiert. Im Vergleich: In Deutschland sind körperliche Strafen bei Kindern seit 2000 und in Schweden sogar schon seit 1979 per Gesetz verboten.

Aber abgesehen von der rechtlichen Situation: Ist ein Klaps nun vertretbar oder nicht? Und wie schädlich sind leichte körperliche Strafen? Wir haben zwei Erziehungsexperten und einige Menschen auf der Strasse nach ihrer Meinung gefragt.

«Meistens bleibt es nicht bei einem Klaps»

Sabine Brunner vom Marie-Meierhofer-Institut in Zürich
Sabine Brunner vom Marie-Meierhofer-Institut in Zürich

LEICHTE KÖRPERLICHE STRAFEN: Kontra
Sabine Brunner (45) ist klinische Psychologin am Marie-Meierhofer-Institut für das Kind in Zürich.

Sabine Brunner, manche lehnen körperliche Strafen kategorisch ab, andere sagen, ein Klaps aufs Füdli habe noch niemandem geschadet. Wer hat recht?

Ich halte Gewalt, egal in welcher Form, für keine legitime Erziehungsmassnahme. Hinter dem Schlag steht der Wunsch, auf das Kind Druck auszuüben und es so zu zwingen, ein erwünschtes Verhalten zu übernehmen. Dem Kind wird suggeriert: «Wenn du nicht parierst, habe ich das Recht, dir wehzutun.» In diesem Moment wird die Beziehung zum Kind gestört.

Kann denn ein einzelner Klaps traumatisierend sein?

Traumatisierung ist ein grosser Begriff. Ein einzelner Klaps ist sicher nicht das Schlimmste, aber meist bleibt es nicht bei einem. Und neue Studien zeigen: Schläge haben Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes, sie bekommen ein schlechtes Selbstwertgefühl und lernen, Konflikte mit der Faust zu lösen. Deshalb sollten sich Eltern ganz klar positionieren und auf Schläge als Erziehungsmittel verzichten.

Welche Mittel bleiben Eltern, wenn sich ihr Kind sehr aufmüpfig und aggressiv verhält?

Kinder brauchen Grenzen. Aber Eltern sollten ihrem Kind demokratisch auf Augenhöhe begegnen und erklären, warum sein Verhalten so nicht richtig ist. Nicht im rebellischen Moment, sondern im Nachhinein. Das heisst, wenn ein Kind beim Kirchgang schreit und weint, sollten Eltern mit ihm rausgehen und ihm draussen in Ruhe erklären, dass man während des Gottesdienstes leise sein muss.

Aber was machen Eltern mit ihrem fünfjährigen Sohn, der sie auslacht, wenn sie ihm zum vierten Mal sagen, dass er seiner kleinen Schwester nicht mit dem Holzschwert ins Gesicht schlagen soll?

Natürlich gibt es in der Erziehung schwierige Situationen. Eine allgemeingültige Erziehungsanleitung kann dafür keiner anbieten. Man muss im Einzelnen schauen, was gerade schiefläuft und wo der Weg aus dem Konflikt herausführt, wie bei Konflikten unter Erwachsenen auch. Deshalb würde ich solchen Eltern raten, eine Beratungsstelle aufzusuchen.

Laut Studien schlagen viele Eltern nicht aus Überzeugung, sondern aus Hilflosigkeit. Was überfordert sie?

Das Leben mit kleinen Kindern ist sehr fordernd. Wenn man ein funktionierendes Netz aus Grosseltern und Freunden in der Nähe hat, die einen unterstützen, ist das wunderbar. Wer aber den ganzen Tag alleine mit seinem Kind ist, weil der Partner beispielsweise Vollzeit arbeitet, kann sich kaum Pausen vom Kind nehmen. Die braucht es aber. Andere wollen beides unter einen Hut bringen: Familie und Karriere. Auch das kann überfordern, wenn die Hilfe von aussen fehlt. Dann wird Gewalt schnell zum Ventil für vieles andere.

Sollte man sich bei seinem Kind entschuldigen, wenn einem doch einmal die Hand ausrutscht?

Ja. Und das auch schon bei den ganz Kleinen. Kinder verstehen mehr, als wir denken. Und sie verzeihen schnell. Sie haben einen grossen Willen zur Kooperation. Sie sind ja auch auf ihre Eltern angewiesen. Und die Entschuldigung sollte ernst gemeint sein. Aber man sollte sich auch nicht zu viele Vorwürfe machen, wenn ein Klaps doch einmal vorkommt. Wichtig ist, mit seinem Kind im Gespräch zu bleiben, sein eigenes Verhalten zu erklären und ihm klar zu sagen, was man von ihm erwartet.

«Ein leichter Knuff hat etwas väterlich Forderndes»

Daniel Niederberger, Familientherapeut und Leiter der Luzerner «Contact – Jugend- und Familienberatung»
Daniel Niederberger, Familientherapeut und Leiter der Luzerner «Contact – Jugend- und Familienberatung»

LEICHTE KÖRPERLICHE STRAFEN: Pro
Daniel Niederberger (55), Familientherapeut und Leiter von «Contact – Jugend- und Familienberatung», einer Einrichtung der Stadt Luzern.

Daniel Niederberger, sind körperliche Strafen wie ein Klaps oder eine Ohrfeige in der Kindererziehung kategorisch abzulehnen?

Als klare Strafen ja. Als Reaktionen im erzieherischen Alltag sind sie kaum zu vermeiden. Ich glaube, dass es in extremen Situationen gar nicht anders geht, als einem Kind körperlich seine Grenzen aufzuzeigen. Bei dieser Fragestellung geht es um den Spagat zwischen Ideal und familiärem Erziehungsalltag.

Das Ideal schliesst körperliche Strafen aus und setzt stattdessen auf erklärende Worte.

Aber ein Dreijähriger kann oft aufgrund seines Entwicklungsstandes noch nicht verstehen, warum er dieses oder jenes unterlassen soll. Deshalb ist er auf die körperliche Reaktion der Eltern an- gewiesen. Die muss nicht gleich in Form einer Ohrfeige daherkommen, die beleidigend, demütigend wirkt. Ein leichter Knuff in den Oberarm hat stattdessen etwas väterlich Forderndes — ein Stoss, ein Signal, dass das Kind erreicht. Ein Kind, das tobt, muss man vielleicht sehr fest in die Arme nehmen. Und ein Vierjähriger, der seiner kleinen Schwester wiederholt auf den Brustkorb steigt, ihr Schmerzen bereitet, wird durch ein Kneifen in die Brust viel eher eine Vorstellung davon bekommen, wie das wehtut. Aber alles, was in Richtung Schlagen geht, ist zu vermeiden.

Also hat ein Klaps nichts Traumatisierendes?

Bis zu einer gewissen Grenze nicht. Handlungen aus dem Affekt in einem unmittelbaren Zusammenhang können Kinder begreifen. Wichtig ist eben, dass körperliche Interventionen nicht aus Willkür geschehen, nicht als erste Erziehungsmassnahme dienen.

Wo ziehen Sie diese Grenze?

Wenn Wehtun zu fest und nicht aus einer erzieherischen Not heraus, sondern systematisch ausgeführt wird. Oder gar als Ventil der Eltern für den eigenen Frust dient. Wenn ein Kind regelmässig oder plötzlich drei- bis viermal in der Woche geschlagen wird, ist das zu viel.

In anderen Ländern sind körperliche Strafen ein Straftatbestand.

Körperliche Misshandlungen, Schlagen als bewusstes Erziehungsinstrument müssen bestraft werden, ganz klar. Ein Gesetz gegen leichte körperliche Erziehungshandlungen zu erlassen, halte ich für problematisch. So wird das Handeln der Eltern kriminalisiert. Es ist unvermeidlich, dass Eltern und Kinder in hitzige Situationen geraten. Wenn ein Vater bei uns in der Beratungsstelle anruft und offen sagt, dass er sein Kind diese Woche schon drei Mal geschlagen hat und sich deswegen Sorgen macht, bewerte ich das als positiv. So kann ich die Familie beraten. Wenn das, was er tut, per Gesetz moralisch verurteilt wird, hätte er sich aus Sorge vor den Konsequenzen vielleicht nicht gemeldet.

Was sagen Sie diesem Vater?

Dass es richtig ist, dass er sich schon jetzt meldet. Und ich bespreche mit ihm die Situationen und schaue an, ob es nicht auch andere Lösungsansätze gibt als Schläge. Wir würden vermutlich das Familienklima anschauen, Erziehungsmuster, die er aus seiner Kindheit mitgenommen hat und wie er reagiert, wenn er fast die Nerven verliert. Und wir würden anschauen, wann es sinnvoll ist, körperlich zu intervenieren. In einer Familie muss immer wieder abgesteckt werden, wer der Stärkere ist. Um diese Autorität zu erreichen, sind körperliche Interventionen je nach Alter manchmal notwendig. Dabei geht es nicht um Gewalt, es geht um Raufen, Abstecken von Grenzen.

Bilder: Fabian Biasio

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