07. Mai 2018

Wenn die Blase schwächelt

Inkontinenz ist ein weitverbreitetes Phänomen – gerade bei Frauen. Viele scheuen sich, ihren Arzt darauf anzusprechen, dabei wäre Hilfe oft möglich.

Illustration: schwächelnde Blase
Ein Arztbesuch ist spätestens dann ein Muss, wenn die Inkontinenz den Alltag belastet.

Rund 500 000 Menschen in der Schweiz leiden unter ­Inkontinenz – darunter überpro­portional viele ­Frauen. «20 Prozent der unter 40-jährigen Frauen, 30 Prozent der 40- bis 60-jährigen und 30 bis 50 Prozent der über 60-jährigen Frauen sind hiervon betroffen», sagt Chahin Achtari, Chefarzt der gynäkologischen Abteilung des Universitätsspitals Lausanne (CHUV). Ungewollter oder unkontrollierter Harnabgang ist demzufolge also nicht zwingend eine Alterserscheinung.

Trotzdem sprechen viele nicht mit ihrem Arzt darüber. «Spätestens wenn Betroffene aus Angst vor peinlichen Situationen ihr gesellschaftliches Leben einschränken, sollten sie unbedingt ärztliche Hilfe suchen», rät Chahin Achtari. Denn gegen Blasenschwäche lässt sich durchaus etwas unternehmen.

«Es gibt drei Arten von Inkon­tinenz», so Achtari. «Bei der Belastungsinkontinenz gibt die Blase bei einem Druckimpuls im Bauchbereich Urin ab – etwa wenn die ­betroffene Person hustet oder lacht. Die Dranginkontinenz ist auf eine hyperaktive Blase zurückzuführen. Sie äussert sich in einem unbändigen Drang, auf die Toilette zu gehen – zum Beispiel direkt nach dem Nachhausekommen, kaum hat man den Hausschlüssel im Schloss umgedreht. Schliesslich gibt es noch die Mischinkontinenz, eine Kombination aus Belastungs- und Dranginkontinenz.»

Die Dranginkontinenz, deren Ursache meistens unbekannt ist (in diesem Fall spricht man von idiopathischer Dranginkontinenz), betrifft vor allem Frauen über 55 Jahren. Sie ist auch die Art von Inkontinenz, die am häufigsten bei Männern auftritt, und zwar meist infolge von Prostataproblemen. Die Belastungsinkontinenz ist hingegen auf eine Beckenbodenschwäche zurückzuführen, die durch eine Geburt, die Menopause oder Übergewicht ausgelöst wird.

Bei allen Inkontinenzarten werden Betroffenen zu Beginn Physiotherapiebehandlungen vorgeschlagen, um die Blase zu trainieren und die Beckenbodenmuskulatur zu stärken. «Dadurch lässt sich der Schweregrad dieser Funktionsstörung reduzieren und den Moment hinausschieben, ab dem sie zu einem ernsthaften Problem wird», so Chahin Achtari.

Im Fall der Dranginkontinenz verschreiben die Ärzte zudem Medikamente zur Verringerung der Blasenhyperaktivität. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, Botox zu injizieren oder – was indes einen ­invasiven Eingriff darstellt – einen Neuromodulator einzupflanzen. «Dieses Gerät, das unter die Haut implantiert wird und die Nerven der Blase stimuliert, funktioniert ähnlich wie ein Herzschrittmacher.»

Wenn sich im Falle einer Belastungsinkontinenz die Situation weiter verschlechtert, wird operiert. «Die häufigste Intervention besteht darin, unter der Harnröhre ein synthetisches Bändchen zu platzieren, das die Harnröhre stützt und so ein Öffnen in einer Belastungssituation verhindert.» Diese ambulante Operation dauert 20 bis 30 Minuten.

Ist Inkontinenz eigentlich heilbar? «Bei der Belastungsinkontinenz lassen sich gute Resultate erzielen. Die Erfolgsquote liegt bei rund 85 Prozent», erklärt Achtari. «Die Therapien zur Behandlung der hyperaktiven Blase führen in zwei Dritteln der Fälle zu einer Verbesserung. Hier geht es darum, den Patientinnen und Patienten wieder zu einer zufriedenstellenden Lebensqualität zu verhelfen.»

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