31. Oktober 2016

Wenn der Vater mit den Söhnen

Als Alleinerziehender zählt Armin Stadelmann zu einer Minderheit. Vorurteile und Einschränkungen gehören für den Teilzeitlehrer zum Alltag.

Armin Stadelmann mit seinen Söhnen Matteo (links) und Aaron auf der Luzerner
Armin Stadelmann mit seinen Söhnen Matteo (links) und Aaron auf der Luzerner Stadtmauer.

Warum sind die Kinder nicht bei der Mutter? Diese Frage hört Armin Stadelmann (43) ständig – wenn die Leute realisieren, dass er nicht nur ein engagierter Vater ist, sondern «alles macht», wie er sagt. «Weil ich der Vater bin», antwortet er dann. Was er damit sagen will: Kinder haben zwei Elternteile. Meine Kinder leben seit vier Jahren bei mir. Punkt.

Nach einer schwierigen Trennung wurde die Obhut zunächst der Mutter zugesprochen, Matteo (13) und Aaron (8) lebten acht Monate lang bei ihr. Doch das Zusammenleben war problematisch; Armin Stadelmann kann und will sich dazu nicht näher äussern. Die Kinder zogen zum Vater nach Luzern. Anfangs arbeitete er noch Vollzeit als Lehrer, doch schon bald war klar, dass er sein Pensum reduzieren musste, um für seine Söhne da sein und den Alltag packen zu können.

Dieser Alltag ist klar strukturiert: Muss Sohn Matteo eine Prüfung ablegen, steht Armin Stadelmann bereits um 5.30 Uhr statt um 6.30 Uhr auf und geht den Schulstoff nochmals gemeinsam mit ihm durch. «Die Bestätigung: ‹Ja, ich kanns› gibt Matteo die Zuversicht, die er braucht», sagt der Vater. Dann frühstückt die Familie, die Kinder gehen zur Schule, Armin Stadelmann nimmt den Bus zur Arbeit.

Wenn er Fünft- und Sechstklässlern Französisch beibringt und die Computerprobleme an der Schule behebt, muss zu Hause alles warten. «Dann reicht es nur fürs Nötigste: Kochen, Hausaufgaben, Gespräche.» An den übrigen Tagen hat er Zeit, um seine Lektionen vorzubereiten, einzukaufen, zu waschen. Aufräumen und Putzen liegen oft nicht drin. Besuchern ist der Zutritt zur Küche während dieser Zeit verwehrt. «Vieles bleibt liegen, bis wir Ferien haben», sagt Stadelmann.

Richtige Männergespräche

Matteo sitzt auf dem Boden im Kinderzimmer, das er mit Aaron teilt. «Unter Männern ist es halt eher chaotisch», sagt er, «aber für uns ist das normal so.» Besonders lässig finde er, dass sein Papa ihm vertraue, sich nicht allzu viele Sorgen machte: «Freiraum haben, das finde ich gut. Ich nutze es auch nicht aus.» Der Papa sei wohl strenger als die Mama, «aber immer aus guten Gründen». Mit ihm könne er auch Spass haben – «der Papa macht mit». Und manchmal hätten sie richtige Männerdiskussionen, beispielsweise über Fussball.

Drei Männer im Baum: Beim Kletterabenteuer am freien Nachmittag ist auch der Papa mit von der Partie.
Drei Männer im Baum: Beim Kletterabenteuer am freien Nachmittag ist auch der Papa mit von der Partie.

«Papa hat eine Glacemaschine, eine Fritteuse und kocht fein», sagt Aaron. Wenn er nicht daheim spielt, besucht er den Nachbarsjungen im zweiten Stock oder zieht sich mit ihm ins selbstgebaute Baumhaus im Garten zurück. Dort brechen sie Haselnüsse auf oder schwingen sich am Seil vom Baum. Aaron hilft gern bei der Hausarbeit mit: Er trocknet das Geschirr, kocht Spaghetti. Oder er putzt – am liebsten mit dem Staubsauger. Den nimmt er auch zur Hand, um die Frühstückskrümel vom Tisch zu kriegen. Beide Kinder packen im Haushalt mit an: Matteo säubert den Tisch vor dem Mittagessen mit einem Lappen und macht Sirup, Aaron deckt auf und mischt die Sauce unter den Salat.

Armin Stadelmann bereitet Pommes frites und Chicken Nuggets zu. Matteo und Aaron greifen herzhaft zu und bereden, wie sie den freien Nachmittag verbringen könnten. Plötzlich fällt Aaron vom Stuhl – Vater und Bruder lachen. Als die Tränen nicht versiegen, nimmt Armin Stadelmann Aaron in den Arm und untersucht sein Auge eingehend. «Alles okay», sagt er. «Möchtest du dich ein wenig im Zimmer ausruhen?» Aaron nickt und verschwindet. «Jetzt bitte nicht foppen. Aaron ist gerade empfindlich», ermahnt der Vater den grossen Bruder.

«Wir sind Staatssklaven»

Bei einem Kaffee erzählt Armin Stadelmann, welchen Vorurteilen er als Alleinerziehender begegnet. «Die Leute denken, Väter zeigten kein Mitgefühl und seien zu wenig zärtlich. Dabei sprechen ebenso viele Gründe dafür, dass Frauen nicht Lastwagen fahren sollten, wie dafür, dass Männer keine Kinder erziehen sollten – nämlich keine.»

Armin Stadelmann liebt seinen Job als Lehrer, er mag seine Schülerinnen und Schüler, ihre Ideen, ihre Fragen, ihre Offenheit. Und er liebt es, Vater zu sein. Es sei nicht die Doppelbelastung, die ihm zu schaffen mache.

Das Gericht habe beschlossen, dass er sein 55-Prozent-Pensum aufstocken muss, damit er seine schwerkranke Exfrau finanziell unterstützen kann. «Das Gericht entscheidet, wie viel ich als Alleinerziehender arbeiten muss, wie viel vom selber verdienten Geld ich für uns brauchen darf, dass wir als Familie keine Ferien machen können», sagt Stadelmann. So müsse der Staat seinem Sozialauftrag nicht nachgehen, stattdessen führe er seine Familie aktiv in die Armut. «Meine Söhne und ich sind moderne Staatssklaven.» Ob man das auch einer alleinerziehenden Frau zumuten würde, bezweifelt er.

Leben am Existenzminimum

Nach einem komplizierten Trennungs- und Scheidungsprozess und einem aufreibenden Unterhaltsverfahren wird Stadelmann nun im Auftrag seiner Exfrau von einer Inkassofirma betrieben. «Bei uns gibt es nichts zu holen», sagt er. Die Familie lebt am Existenzminimum. Ein Besuch im Hallenbad oder ein Fussballkurs liegt nicht drin.

Obwohl die Beziehung belastet ist, bemüht sich das Expaar, am selben Strick zu ziehen, wenn es um die Kinder geht. «Matteo und Aaron wissen, dass ihre Eltern sich mühsam und blöd finden, aber dass sie sich zusammenraufen, wenn es um sie geht», sagt Stadelmann. Die Eltern teilen sich das Sorgerecht, die Obhut hat der Vater. Finden Schulgespräche statt, nehmen beide teil. Matteo und Aaron sehen ihre Mutter oft am Mittwochnachmittag und möglichst jedes zweite Wochenende. «Manchmal vermisse ich sie», sagt Aaron. «Und manchmal habe ich keine Lust, sie zu besuchen.»

Nur jeder 20. Vater hat die Obhut

Armin Stadelmann ist als allein erziehender Vater ein Exot. Laut Statistik des Bundes liegt die Obhut nur bei fünf Prozent aller Fälle beim Vater. «Die Haltung, Kinder gehörten zur Mutter, ist tief in uns verankert», sagt Oliver Hunziker (51), Präsident des Vereins für elterliche Verantwortung Schweiz. Der Verein setze sich dafür ein, dass die Elternteile sich möglichst gleichberechtigt um die Kinder kümmerten. «Vätern, die die Obhut anstreben, wird oft unterstellt, sie wollten bloss nicht zahlen – dabei möchten viele Männer ganz einfach auch Vater sein.»

An diesem sonnigen, aber windigen Herbsttag spazieren Armin Stadelmann, Matteo und Aaron die Luzerner Stadtmauer entlang, steigen Türme hoch, geniessen die Aussicht. Die Bise fegt, und die Kinder frösteln, weil sie ihre Jacken zu Hause gelassen haben. Der Vater gibt Matteo seine Fleecejacke, dann bekommt Aaron seine Strickjacke. Ihm bleibt das T-Shirt.

Bilder: Herbert Zimmermann

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