23. Juli 2019

Wenn der Teufel in den Ring steigt

350'000 Fans werden das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest (ESAF) vom 23. bis 25. August in Zug verfolgen. Journalist Linus Schöpfer hat ein Buch über den Trendsport geschrieben und in Sagen Überraschendes entdeckt.

Buchautor und Kulturjournalist Linus Schöpfer
Buchautor und Kulturjournalist Linus Schöpfer (34, Bild zVg)
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Linus Schöpfer, Sie haben sich für Ihr Buch  «Schwere Kerle rollen besser» intensiv mit dem Schwingen auseinandergesetzt. Was ist daran so interessant?
Schwingen ist spannender, als die meisten denken – als Sportart, aber auch als historisches Phänomen. Es spiegelt die Schweiz und ihre Geschichte, ist voller grossartiger Storys auf und neben dem Platz. Wer denkt, das Schwingen sei immer das Gleiche gewesen, täuscht sich gewaltig. Auch die Wahrnehmung des Sports hat sich stark verändert.

Was hat Sie bei Ihren Recherchen denn am meisten überrascht?
Einiges. Zum Beispiel die ersten Unspun­nenfeste: Sie wurden von Aristokraten organisiert, unter den Gästen waren Barone, Fürsten, Pariser Salondamen. Oder die Tatsache, dass Schwingen unter linken Arbeitern in den 1920er-Jahren ziemlich populär war. Verblüfft haben mich auch die Schwingersagen, auf die ich gestossen bin. Da wird von monströsen Kämpfern erzählt, vom Teufel selbst, der in den Ring steigt. Das hat schon fast «Game of Thrones»-Qualität.

Der Schwingsport blickt auf eine grosse Erfolgsgeschichte zurück, er ist beliebt und lukrativ wie nie zuvor.
Das ist so. In Zug werden 350 000 Zuschauer erwartet, wahrscheinlich werden wieder bis zu einer Million an den Bildschirmen zuschauen. Schwingen ist Sport, Kommerz  und Politik. Schon früh versuchten einflussreiche Leute wie Aristokraten, Politiker oder Militärs die Bühne, die ein Schwingfest bietet, für ihre Interessen zu nutzen.

Das hat sich bis heute nicht verändert.
Die Bühne ist noch grösser geworden: mehr Zuschauer, mehr Medien. Auch ein Gölä interessiert sich nun plötzlich für das Schwingen und kündigt seinen Auftritt am «Eidgenössischen» an.

Wo bleiben da die Linken?
Die tun sich schwer. Auch weil konservative Politiker unsere Vorstellung von Schwingfesten, Schwingreden und vom Schwingen an sich geprägt haben. Dass Linke, wenn sie es klug anstellen, auch an Schwingfesten gut ankommen könnten, zeigte die Rede von SP­Bundesrat Willi Ritschard am «Eidgenössischen» 1977 in Basel. Ritschard biederte sich nicht an, hinterfragte Traditionen – und bekam trotzdem Applaus. Die Linke vergisst ja gerne, dass Feste in der Schweiz schon immer wichtig gewesen sind, gerade für die politische Meinungsbildung.

Die Linke vergisst gerne, dass Feste schon immer wichtig gewesen sind.

Die Zuschauermengen sind heute gigantisch. Warum konnten die Schwinganlässe so gross werden?
Das hat viel mit dem Fernsehen zu tun. Schweizerinnen und Schweizer lieben es, sich die Kämpfe vor dem Bildschirm anzuschauen. Die Einschaltquoten sind hoch, der Sieger erhält schweizweit Medienpräsenz. So kommt eine Dynamik in Gang: Man sieht die Schwinger im TV und kann sich plötzlich vorstellen, auch mal an ein Schwingen zu gehen. So wachsen die Feste und werden noch attraktiver für Medien und Sponsoren.

Reduziert Schwingen die Komplexität der weltweiten Entwicklungen auf etwas ganz Einfaches, Überschaubares?
Auf den ersten Blick vielleicht. Aber letztlich ist das eine Illusion: Sobald man sich eingehend mit Schwingen auseinandersetzt, wird es komplex.

Sie schreiben im Buch von der «Poesie des Schwingens». Der Sport hat aber auch schon Tote und Schwerverletzte gefordert.
Es gibt beides, die Poesie und das Brutale – wie in jedem Kampfsport. Muhammad Ali verlieh dem Boxen eine nie gesehene Leichtigkeit, zugleich gab und gibt es in diesem Sport Schwerverletzte und sogar Tote. Eine Ästhetik des schönen Schwingens gibt es schon, aktuell etwa die herrliche Kurz-Übersprung-Kombination von Pirmin Reichmuth. Und einen spektakulären Schwung wie den Souplesse sieht man ja nur etwa alle fünf Jahre. Das ist dann schon ein Ereignis.Gibt es einen Prototyp des Schwingers?
Nein. Körperlich und technisch gab es immer schon sehr unterschiedliche Schwinger: grosse und kleine, dicke und sehnige. Heute sind auch ihre Hauptberufe sehr verschieden, einige Schwinger studieren oder haben studiert, wie Matthias Glarner und Armon Orlik.

Muss man nicht ohnehin konservativ sein, um an einen Anlass zu gehen, der Frauen als Schwingerinnen ausschliesst?
Das kann man so sehen. Ich persönlich kann nicht nachvollziehen, dass Steinstösser am «Eidgenössischen» Platz haben, Schwingerinnen dagegen nicht. Aber ich empfehle, ab und zu einen konservativen oder vermeintlich konservativen Anlass zu besuchen.

Sonia Kälin, der Star des Frauenschwingens, darf am «Eidgenössischen» in Zug als Muni-Gotte, als Patin der Siegertrophäe, einlaufen. Ein Trostjob?
Trostjob ist etwas hart gesagt. Das Einlaufen mit dem Muni ist eine Ehrensache. Aber klar: Kälin ist eher vorsichtig, mehr die Reformatorin. Sie glaubt, die Frauen müssten Schritt für Schritt vorgehen.

Noch heute sind Stimmen zu vernehmen, man wolle keine plattgedrückten Busen und Frauen mit Masse an einem «Eidgenössischen» sehen. Was löst das bei Ihnen aus?
Das ist Quatsch. Und auch aus historischer Sicht gibt es überhaupt keinen Grund, warum Frauen nicht mitschwingen sollten. Das «Eidgenössische» war immer ein Experimentierfeld. Früher waren zum Beispiel auch noch die Kugelstösser oder Wettheuer dabei.

Muss sich das Schwingen irgendwann wieder neu erfinden?
Das könnte passieren, wenn sich der Schwingsport übernimmt. Die Kommerzialisierung hat ja auch Tücken: Wo es viel Geld zu verdienen gibt, wird es schnell heikel.

Gibt es noch weitere Graubereiche?
Die Einteilung der Paarungen durch das Kampfgericht ist nicht transparent. Bei meinen Recherchen für das Buch wollte ich bei einer Einteilung dabei sein. Der Vorgang ist jedoch sakrosankt, da darf niemand anwesend sein. Dieses System ist anfällig für Mauscheleien und Absprachen.

Die Berner dominieren im Sägemehl seit Jahren. Schwingen muss im Bärnbiet erfunden worden sein.
Die Berner haben tatsächlich um 1800 das moderne Schwingfest erfunden, das kann man sagen. Und der Ursprungsort des organisierten Schwingens war 1895 ein Kaffeehaus der Stadt Bern. Dort wurde der Eidgenössische Schwingerverband gegründet. Der Kanton Bern hat eine ausgeprägte Schwingkultur. Aber es gibt auch legendäre Schwinger aus anderen Regionen: Karl Meli lebte in Winterthur, Ernst Schläpfer ist ein Appenzeller, Geni Hasler ein Schwyzer. Um nur drei von vielen sehr erfolgreichen Nichtbernern zu nennen. Ja, in den letzten Jahren haben die Berner fast alles gewonnen. Aber am Eidgenössischen in Zug wird das anders sein.

Die Berner haben um 1800 das moderne Schwingfest erfunden.

Wer gewinnt?
Joel Wicki.

Für Berner eine etwas exotische Prognose!
Für einen Entlebucher ist sie nicht so exotisch. Gut, notfalls darf es auch der Pirmin Reichmuth aus Zug sein.

Wie war die Zusammenarbeit mit den Schwingern bei der Recherche für das Buch?
Sehr gut, immer angenehm und von Interesse geprägt. Sonia Kälin, Matthias Glarner und Ernst Schläpfer haben das Buch sogar gegengelesen. Auch hatte ich offenen Zugang zum Archiv des Schwingerverbands, in dem ich einige tolle Geschichten und Anekdoten fand. Etwas frostiger wurde es seitens der Funktionäre, als es um die Defizitgarantie von Christoph Blocher fürs «Eidgenössische» von 1995 ging. Die Garantie zeigt, dass es
von bürgerlicher Seite nicht nur rhetorisch, sondern auch finanziell Support gab.

Wie ist das Buch entstanden?
Ich war für den «Tages-Anzeiger» 2013 am «Eidgenössischen» in Burgdorf. Dort traf ich auf die drei Parallelwelten des Kommerz, der Folklore und des Kampfsports, die ich nicht so recht zusammenbrachte. Danach wollte
ich mir das genauer anschauen.

Purer Zufall also?
Eigentlich schon. Obwohl ich ja auf dem Lande aufgewachsen bin und mein Vater als Landarzt bei Schwingfesten ab und zu im Einsatz war. Ich erinnere mich, dass er nicht so gern an diese Feste ging, wegen der möglichen schlimmen Verletzungen.

Haben Sie selbst schon mal einen Hosenlupf gewagt?
Das lasse ich besser bleiben. Ein Kollege vom Schweizer Fernsehen kam ja mal auf die gloriose Idee, mit Jörg Abderhalden ein wenig zu «rutzen» – und brach sich dabei prompt eine Rippe.

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Daniela Maurer

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