24. Oktober 2011

Wenn der Storch eine Sonderschicht schiebt

Vor drei Wochen berichtete das Migros-Magazin über arme Schweizer Grossfamilien. Das Thema bewegte die Leserinnen und Leser, wie die zahlreichen Reaktionen zeigen. Wir wollten deshalb wissen, wie es wirklich ist, wenn aus einem Wunschkind drei werden. Zu Besuch bei zwei Mehrlingsfamilien.

Uta Rosenfeld und Thomas Hengartner mit den Zwillingen
Stress im Fünferpack: Uta Rosenfeld und Thomas Hengartner mit den Zwillingen Jonas (hinten Mitte) und Jakob (vorne, dritter von links). Und den Drillingen Kaspar, Linus und Lotta (vorne von links).

Der Holzboden vibriert. Jakob und Jonas Rosenfeld hüpfen in der Stube um die Wette. Die dreieinhalbjährigen Zwillinge — pardon, Piraten — sind gerade dabei, ein Schiff zu entern. Das «Schiff» ist eigentlich ein Laufgitter, aber wen interessieren solche Kleinigkeiten? Der Kahn ist schon fast erobert, da kommt den Freibeutern ein Leichtmatrose in die Quere. Kaspar (1) will nämlich mitspielen.Und damit nicht genug: Er hat Linus und Lotta, beide ebenfalls einjährig, im Schlepptau. Das kommt einer Meuterei gleich. In diesem Moment fragen sich die Zwillinge sicher, warum sie ausgerechnet Drillingsgeschwister bekommen mussten.

Familie Rosenfeld-Hengartner:
Kraftakt im Haus Rosenfeld-Hengartner: Bei fünf hungrigen Mäulern ist neben den Eltern auch Praktikantin Valeria (Mitte) gefragt.

Als Uta Rosenfeld (40) und Thomas Hengartner (50) aus Zürich 2008 Zwillingseltern wurden, war die Freude gross. Die Anfangszeit mit Jakob und Jonas verlief zwar turbulent, nach wenigen Wochen hatte sich aber alles eingespielt.Für die Redaktorin und den Professor der Uni Zürich war schnell klar, dass ihre Familie durchaus noch weiter wachsen könnte. Die Buben sollten noch ein Geschwisterchen bekommen. Uta Rosenfeld und ihr Mann hatten sich das Leben mit einem zusätzlichen Neugeborenen schön ausgemalt: kein sperriger Zwillingswagen mehr, kein Stillen und Wickeln mehr im Akkord. Ein drittes Kind zum Entspannen sozusagen.

Anfang 2010 wurde Uta Rosenfeld wieder schwanger. Beim ersten Kontrolltermin rieb sich die Zwillingsmutter irritiert die Augen. Auf dem Bildschirm des Ultraschallgeräts war nicht nur ein Embryo zu sehen. Nein, es gab auch einen zweiten und einen dritten: Drillinge nach Zwillingen, und das ohne Hormonbehandlung. Als der erste Schreck verdaut war, nahmen sie und ihr Mann es jedoch mit Humor.«Ich hatte immer von einem Kleinbus geträumt», erzählt sie augenzwinkernd.«Uns war schnell klar, dass sich so ein Auto nur dann rechnet, wenn wir entweder eine Band gründen — oder eine Grossfamilie.» Die damals zweijährigen Zwillinge Jakob und Jonas freuten sich ebenfalls riesig auf ihre neuen Geschwister. Die Buben spielten besonders gerne ein Spiel, das hiess «Die Babys kommen». Dazu steckten sich die beiden jeweils drei Bälle unter die Pullis, die sie dann herauskullern liessen.

Uta Rosenfelds Schwangerschaft verlief gut. Sie blieb trotz riesigen Bauchs lange auf den Beinen und konnte die Kinder fast bis zum Termin austragen. Sie hatte ihre beiden ersten Söhne bereits spontan geboren und wollte auch dieses Mal eine natürliche Geburt nicht von vornherein ausschliessen. Am 17. November 2010 setzten die Wehen ein. Nach wenigen Stunden erblickte Kaspar das Licht der Welt. Linus, Baby Nummer zwei, hätte folgen sollen, wenn nicht Lotta, Baby Nummer drei, unerlaubterweise die Überholspur genommen hätte. Das kleine Mädchen lag plötzlich quer und machte dadurch eine weitere natürliche Geburt unmöglich. Das Ärzteteam entschied sich für einen Kaiserschnitt.«Interessanterweise ist unsere einzige Tochter auch heute noch sehr durchsetzungsstark und vorwitzig», sagt Thomas Hengartner. Nach der Entbindung legten die Drillinge einen Vorzeigestart hin. Kaspar, Linus und Lotta wogen jeweils um die zwei Kilo, atmeten selbständig und waren kerngesund.

Nun begann im Haus Rosenfeld-Hengartner erneut der stressige Alltag mit neugeborenen Mehrlingen. Das Trio musste rund um die Uhr versorgt werden, und die Zwillingsbuben durften auch nicht zu kurz kommen. «In dieser Zeit wollten viele Nachbarn und Bekannte zu Besuch kommen, um die Drillinge zu bestaunen», erinnert sich Uta Rosenfeld. «Dabei hätten wir viel eher jemand gebraucht, der mal mit den beiden Grossen auf den Spielplatz gegangen wäre oder einen Korb Wäsche zusammengelegt hätte.»

Wenn der Alltag zum Organisationsmarathon wird

Während die Eltern erzählen, haben die «Fünflinge» ihr Piratenspiel beendet. Jonas ist in ein Bilderbuch vertieft. Und Jakob hilft der 16-jährigen Praktikantin Valeria, die Kleinkinderzieherin werden will, beim Kochen. Die Drillinge kugeln über den Wohnzimmerboden.Kaspar ist zum Regal gerollt und zieht Bücher heraus. Lotta hämmert mit einem Holzspielzeug auf das Laufgitter ein, und Linus hat es auf Papas Arm geschafft.

Doris und Roland Matter mit ihrem Mädchentrupp Murielle, Michelle und Jaelle
Mehrlinge können ein Budget recht strapazieren: Doris und Roland Matter mit ihrem Mädchentrupp Murielle, Michelle und Jaelle.

Bei fünf kleinen Kindern fährt man nicht mal schnell zum Bäcker oder zum Kinderarzt. Alles muss vorher durchgeplant werden. «Dieses Organisieren frisst sehr viel Zeit», sagt Uta Rosenfeld. Manchmal hängt sie stundenlang am Telefon, um jemanden zu finden, der einen Teil der Kleinen für anderthalb Stunden betreut. «Unsere Kinder sind glücklicherweise flexibel und kommen gut damit klar,dass öfter Verwandte oder Bekannte aushelfen», ergänzt ihr Mann. Spätestens um 21 Uhr liegen Jakob, Jonas, Kaspar, Linus und Lotta in ihren Betten. Dann kehrt im Haus Rosenfeld-Hengartner Ruhe ein. Diese Stunden sind kostbar. Das Paar kocht gemeinsam — für einmal kein Kindergericht —, stösst mit einem Glas Wein an und geniesst den Moment der Ruhe.

Babys und Kleinkinder sind lausige Schläfer. Ganz besonders, wenn sie zahnen oder erkältet sind. Die Eltern der «Fünflinge» wollten nicht die halbe Nacht auf Zehenspitzen durchs Haus schleichen, um hier einen Nuggi in den Mund zu schieben und dort über ein Köpfchen zu streichen.Deswegen legten sie sich ein drei Meter breites Ehebett zu. «Abends liegen wir dort meist allein», sagt der Vater. «Doch nachts füllt sich das Lager.»

Obwohl die Familie gut situiert ist, ist die finanzielle Belastung der Mehrlingseltern enorm. Jakob, Jonas, Kaspar, Linus und Lotta verbrauchen im Schnitt 25 Windeln pro Tag, unvorhergesehene Geschäfte nicht mit eingerechnet. Das sind 775 Windeln pro Monat. Ganz zu schweigen von den Kehrichtsackgebühren.

Im aargauischen Suhr werden ebenfalls Windelberge produziert. Hier halten die Drillingsmädchen Murielle, Michelle und Jaelle ihre Eltern auf Trab. Am 1. Oktober wurde das Trio ein Jahr alt. Doris (35) und Roland Matter (37) hatten ursprünglich mit einem Kind gerechnet. «Als beim zweiten Kontrolltermin plötzlich drei Embryonen im Ultraschall sichtbar waren, bin ich fast vom Behandlungsstuhl gefallen», erinnert sie sich. Der Gynäkologe meinte damals nur trocken: «Sie können beruhigt sein, ein viertes und fünftes Kind ist nicht in Sicht.» Der Kindsvater hatte, als er die Nachricht erhielt, nur eine Frage: «Geht es euch vieren gut?» Ja, es ging ihnen gut. Dem Paar war schnell klar, dass vor der Ankunft der Kinder noch einiges verändert werden musste. Es zog aus der 3½-Zimmer-Wohnung in ein geräumiges Einfamilienhaus mit viel Umschwung. «Wir wollten auf alles vorbereitet sein», sagt Doris Matter. «Bei Mehrlingen muss man damit rechnen, dass ein Kind oder mehrere später auf besondere Hilfe angewiesen sind.» Ausserdem tauschte das Paar sein sportliches Auto gegen einen Kleinbus.

Drei Mädchen machen sich die Welt, wie sie ihnen gefällt

Nach einer komplikationsarmen Schwangerschaft kamen die Drillinge sechs Wochen vor dem errechneten Termin per Kaiserschnitt in Aarau zur Welt. Wie sich herausstellte, waren Michelle und Jaelle eineiig. Alle Mädchen waren gesund und munter. Während Murielle und Michelle jeweils 2000 Gramm wogen, brachte Jaelle nur 1300 Gramm auf die Waage. Deswegen musste die Kleinste in den Brutkasten. Doch sie überraschte die Spitalangestellten mit ihrer Kämpfernatur. Jaelle entwickelte sich so prächtig, dass sie schon nach zwei Wochen ins Wärmebettchen wechseln durfte. Drei Wochen nach der Geburt konnten die Marketingangestellte und der Cateringspezialist ihre Mädchen endlich nach Hause holen.

Michelle, Murielle und Jaelle Matter
Michelle, Murielle und Jaelle (von links) sind charakterlich sehr verschieden. Trotzdem kommen die Mädchen bestens miteinander aus.

Während es in der Anfangszeit vor allem darum ging, einen neuen Rhythmus zu finden, steht die Familie heute vor anderen Herausforderungen: Murielle, Michelle und Jaelle krabbeln nämlich wie die Weltmeisterinnen. Der neueste Entwicklungsschritt: Die drei ziehen sich an Möbeln hoch. Michelle ist dabei meist die Rädelsführerin. Gerade hat sie mit ihren Fingerchen den Rand einer Designerschale zu fassen bekommen. «Das kleine Schlitzohr testet gerade, wie wir reagieren», sagt der Vater, der seiner Tochter amüsiert zuschaut. Jaelle hat Lunte gerochen und sich neben ihrer Schwester positioniert. «Am Anfang war sie wegen ihres tiefen Geburtsgewichts motorisch etwas zurück», sagt Doris Matter. Sie habe aber aufgeholt. Jaelles kleine Hand wandert ebenfalls zum Schalenrand. Und Murielle? Die sitzt vergnügt plappernd vor ihrem Spielzeug und lässt ihre zwei Schwestern machen.

Die Charakterunterschiede zeigen sich auch, als es ans Essen geht. Papa Matter, gelernter Koch, hat ein herbstliches Babymahl kreiert. Es gibt Kartoffel- Rüebli-Kürbis-Brei. Michelle kann es kaum erwarten und brüllt wie am Spiess. Die Mutter lacht: «Sie ist immer diejenige, die kurz vorm Verhungern ist.» Jaelle zappelt ebenfalls auf ihrem Hochstuhl herum. Und Murielle? Die ist clever und wartet geduldig, bis der Löffel kommt. Sollen sich die anderen ruhig verausgaben, sie hat Zeit. «Da schlägt das Berner Erbgut ihrer Mama durch», grinst der Vater.

Bilder: Tina Steinauer

Benutzer-Kommentare