20. Juni 2019

Wenn das Wohnzimmer auch Schulstube ist

Jael Bischof hat es als Kind genossen, den Schulstoff zu Hause vermittelt zu bekommen. Heute tut sie es ihren Eltern gleich und schlüpft gemeinsam mit ihrem Mann in die Lehrerrolle: Ihre fünf Kinder haben noch nie ein Klassenzimmer betreten – sie lernen im Hausunterricht, sich selbst zum Lernen zu motivieren.

Familie Vogel
Heimunterricht bei Familie Bischof: LInda übt Klavier, während die Mama mit Angelina und dem kleinen Marcel Bücher anschaut.

Auf dem runden Tisch im Wohnzimmer liegen Latein-Lernblätter, Webrahmen und Notizhefte wild durcheinander. Was auffällt, sind die fremdsprachigen Lehrbücher – nicht etwa in Französisch oder Englisch, sondern in Schwedisch und Norwegisch: Die siebenköpfige Familie Bischof aus Thalheim ZH geht auf Reisen in den Norden. Ganze 17 Wochen, mit einem fünfwöchigen Unterbruch im Sommer.

Weil die Bischofs auf sogenanntes Homeschooling setzen, ihre Kinder also privat unterrichten, darf der Schulstoff für unterwegs nicht fehlen. «Bei Amazon habe ich gutes Material gefunden. Für jedes Kind habe ich Wochenpläne erstellt. Ich plane und strukturiere gerne.» Die Kinder verfassen ein Reisetagebuch, schreiben Karten für Freunde und Familie und üben Latein mithilfe des Computers.

Auf dem Tisch in der Wohnstube stapeln sich Hefte und Bücher.
Auf dem Tisch in der Wohnstube stapeln sich Hefte und Bücher.

Jael Bischof hat die Hälfte der obligatorischen Schulzeit selber im Heimunterricht absolviert. In der Berufsschule sei es anfangs etwas seltsam gewesen, stets bei allem mitmachen zu müssen, was vorgegeben war, statt selbständig voranzukommen. «Ich habe mich aber schnell daran gewöhnt», sagt  sie. «Ich hätte das Modell nicht für unsere Kinder übernommen, wenn ich meine Schulzeit zu Hause nicht in so positiver Erinnerung hätte», sagt sie.

Jael Bischofs Mutter war Hausfrau. Sie half den Kindern beim Lesen und Schreiben und kontrollierte die Hausaufgaben. «Sie hat uns gelehrt, den Haushalt zu führen, zu kochen und zu backen.» Ihr Vater, Lehrer und Einsatzleiter bei einer Versicherung, arbeitete Vollzeit, meist von 14 bis 23 Uhr, um morgens die sieben Kinder zu unterrichten. «Er hat viel gemacht», sagt sie. Und er tut noch immer viel: Bis vor Kurzem hat er die beiden älteren Enkel in Englisch unterrichtet. Seit die Familie immer wieder auf Reisen geht, ist das nicht mehr regelmässig möglich.

Frontalunterricht? Nein, danke

Jael und Marcel Bischof sind keine professionellen Lehrkräfte: Beide sind Treuhänder; er arbeitet selbständig Vollzeit, sie betreut nebenbei einzelne Kunden. Die Kinder gehen diversen Freizeitbeschäftigungen nach: Anna (12) spielt Oboe, Linda (11) Klavier, Angelina (8) Geige. Ausserdem singen die drei in einem Chor im Nachbardorf. Lucia (4) und Marcel (2) leben noch ohne «Wochenplan».

Anna besucht am liebsten die Mädchenriege, wo sie ihre Freundinnen trifft – Klassenkameradinnen hat sie ja keine. Dadurch ist ihr erst bewusst geworden, wie häufig Gleichaltrige Unterricht haben. Annas Lernzeit beschränkt sich auf den Morgen, denn nur 50 Prozent des zu vermittelnden Stoffs sind im Privatunterricht lehrplanorientiert. Für eine Sechstklässlerin bedeutet das mindestens 15 Wochenlektionen.

Anna (12): Morgens zu Zweit mit Mama Französisch zu lernen, ist toll.
Anna (12): "Morgens zu Zweit mit Mama Französisch zu lernen, ist toll."

Der Unterricht beginnt für Anna um 7.30 Uhr. Ihre Geschwister schlafen dann meist noch. Sie lernt eine halbe Stunde lang Französisch – allein mit ihrer Mutter. Das schätze sie sehr, sagt sie. «Unterricht» wäre dafür das falsche Wort: «Bei uns gibt es keinen Frontalunterricht», sagt Jael Bischof. Jedes Kind könne dann lernen, wenn es sich dazu bereit fühle. «Linda zum Beispiel ist ein Abendmensch, sie macht vieles später am Tag.»

Montags und dienstags kehrt Marcel Bischof früher von der Arbeit heim, um mit den Kindern Mathematik zu lernen – am Montag eine Stunde, am Dienstag 90 Minuten. Die Devise der Bischofs: «Man muss nicht bei jedem Kind alles auf Vorrat reindrücken wie bei einer Stopfgans.» Wenn sie etwas in der fünften Klasse nicht lernten, sei es in der sechsten auch noch nicht zu spät dafür.

Das Schulamt macht Kontrolle

Ein wichtiges Thema ist der Kontakt mit anderen Kindern. «Es stimmt, die Kinder sind etwas ausgeschlossen, weil sie nicht zu einer Schulklasse gehören», sagt Jael Bischof. Sie hätten aber ein offenes Haus. Für Marion Völger, Chefin des Zürcher Volksschulamts, ist die Integrationswirkung der öffentlichen Schule ein wichtiger Pluspunkt: «Kinder, die zu Hause unterrichtet werden, verpassen die Möglichkeit, in einer nicht selbst gewählten Umgebung Kompetenzen zu erwerben.» Sie stellt aber auch fest, dass Homeschooler generell «gute Schüler» sind. Schliesslich seien die Eltern sehr interessiert an einer soliden Bildung.

Mutter Jael: "Beim Homeschooling lernen die Kinder nicht für eine Prüfung."
Mutter Jael: «Beim Homeschooling lernen die Kinder nicht für eine Prüfung.»

Das Zürcher Volksschulamt überprüft jährlich, ob die Homeschooler die Lernziele erreichen. Auch bei den Bischofs. Dem Besuch der Amtsperson schaut Jael Bischof aber jeweils entspannt entgegen: «Die wissen, dass Homeschooler-Eltern ein überdurchschnittliches Wissen und Interesse haben, was ihre Kinder betrifft.» Von 168 000 Schülerinnen und Schülern im Kanton Zürich sind nur 240 Homeschooler. Die Gründe, warum Eltern ihre Kinder daheim unterrichten, sieht Marion Völger in einer gewissen Skepsis gegenüber der öffentlichen Schule. Einige wollten aber auch bloss viel Zeit mit den eigenen Kindern verbringen oder hätten religiöse Motive.

Schwedisch lernen im Norden

Unterwegs im Norden von Europa, kurven die Bischofs mit VW-Bus und acht Meter langem Wohnwagen durch die schwedische Wildnis, gleiten durch einen Zipline-Park und baden im zwölf Grad kalten Meer. Die schwedischen Lehrmittel bewährten sich, berichtet Jael Bischof. Nicht das Homeschooling scheint die Herausforderung zu sein, sondern der Umgang mit den Regentagen. «Bis jetzt haben wir aber immer einen Weg gefunden.»

Infos:
bildungzuhause.ch
freilerner.de
schulfrei-community.de

Die Eltern müssen stabile Persönlichkeiten sein

Roland Reichenbach
Roland Reichenbach
Roland Reichenbach

Roland Reichenbach (57), Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität Zürich, über Heimunterricht

Ist Homeschooling eine für das Kind positive Unterrichtsform?
Fast jede Schul- und Unterrichtsform lässt sich in hoher oder geringer Qualität praktizieren. Diese Antwort mag enttäuschen, aber sie soll ausdrücken, dass pädagogische und didaktische Qualität nicht von der Schul- oder Unterrichtsform bestimmt wird, sondern von der Person, die den Schulstoff vermittelt.

Welche Gefahren bestehen bei Homeschooling?
Im Homeschooling sind Rollenkonflikte naturgemäss wahrscheinlicher. Die Eltern, die sich zu Hause als Lehrerinnen und Lehrer betätigen, müssen reife und stabile Persönlichkeiten sein. Sektiererische Tendenzen und übergriffiges oder überkontrollierendes Verhalten sind hier fehl am Platz. Der Schulaufsicht kommt die wichtige Aufgabe des Monitorings zu.

Sind das Misstrauen und die Ansprüche der Eltern gegenüber der öffentlichen Schule grösser geworden?
Davon ist auszugehen. Die gesellschaftliche Anerkennung der Schule und der Lehrpersonen ist zwar insgesamt immer noch gross, aber es gibt auch klare Zeichen dafür, dass die kritische Loyalität gegenüber Schule und Lehrpersonen schwindet. Die Kritik kann jedoch auch übermässig und völlig subjektiv ausfallen.

Wer nörgelt am meisten?
Vor allem Akademikereltern, die besonders kritisch sind, wenn es um die schulische Bildung geht. Schulkritik ist in manchen Kreisen eine Art Hobby geworden. Das trägt meist nicht zur Lösung von Qualitätsproblemen bei, die es in jeder Institution gibt.

Homeschooler kritisieren das Leistungs- und Gleichmacherdenken an den öffentlichen Schulen ...
Diese Kritik ist meines Erachtens tatsächlich berechtigt. Das zeitliche Regime des Lernens und des Lehrplans in der staatlichen Regelschule kann sich auf das einzelne Kind negativ auswirken.

Homeschooling ist kantonal unterschiedlich geregelt. Mancherorts braucht es dafür kein Lehrerpatent. Muss man Lehrer sein, um die eigenen Kinder unterrichten zu können?
Die Fähigkeiten der «Laien» sind sicher nicht zu unterschätzen, aber ich halte es dennoch für bedenklich, wenn die pädagogische und didaktische Eignung der Eltern ungeprüft bleibt. 

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