01. Januar 2018

Wenn das Auto das Steuer übernimmt

Wer über autonomes Fahren spricht, kommt um das Thema «künstliche Intelligenz» nicht herum. Einer der globalen Vordenker in diesem Bereich ist Jürgen Schmidhuber in Lugano. Er erklärt, weshalb uns künstliche neuronale Netzwerke nicht versklaven, sondern sicher über die Strassen kutschieren werden.

Selbstfahrendes Auto
Das Auto fährt von selbst, wir lesen dabei ein Buch: Gemäss Experten wird dies erst etwa im Jahr 2020 möglich sein (Bild: PD).

Jürgen Schmidhuber, weshalb ist künstliche Intelligenz für autonomes Fahren wichtig?

Weil übermenschliche Mustererkennung ein Schlüssel zum sicheren autonomen Fahren ist. In ein paar Jahren werden autonome Autos sicherer unterwegs sein als der Durchschnittsfahrer. Irgendwann wird der Gesetzgeber autonome Fahrzeuge zur Pflicht machen müssen, damit hierzulande nicht mehr an jedem zweiten Tag ein Mensch auf der Strasse stirbt. Wir werden künftig nur ausnahmsweise selber fahren dürfen.

Was versteht man unter künstlicher Intelligenz, kurz KI genannt?

KI ist die Wissenschaft vom automatischen Problemlösen. Ein intelligentes System kann nicht nur eine Sache gut, wie beispielsweise Schach spielen, sondern kann lernen, viele Probleme zu lösen.

Als Mensch weiss ich intuitiv, ob ein Hindernis aus Beton, Holz oder Pappe ist, also Ausweichen, Bremsen oder Drüberfahren besser ist. Werden Autos das je erkennen?

Sie wissen das nur dank Erfahrung. Wenn Sie das Unterscheiden dieser Muster begreifen konnten, kann KI das ebenso lernen und diese Erfahrungen erst noch schneller und zuverlässiger umsetzen.

Wie löst ein autonomes Auto das moralische Dilemma, bei dem es entscheiden muss: Geradeaus in den Laster fahren und den Fahrer töten oder nach rechts ausweichen und das Kind töten oder ab nach links und den Rentner töten?

Das ist keine Frage der KI. Wie soll KI das lösen können, wenn schon der Mensch es nicht kann? Manche sagen, man solle eher den Rentner überfahren. Dann frage ich: Auch wenn er ein verdienter Staatspräsident war? Den KI-Ingenieur interessieren solche Fragen nicht. Er weiss: In 99 von 100 Fällen ist es richtig, in vorhersagbarer Weise hart zu bremsen – also wird er die KI so erziehen. In 1 von 100 Fällen mag das falsch sein, es bleibt aber doch im Prinzip richtig, weil im Schnitt die Opferzahl sinkt.

In der Schweiz laufen Projekte mit selbst fahrenden Bussen. Sie sprechen von Robotertaxis für den öffentlichen Verkehr. Was soll der Vorteil sein?

Die meisten Autos stehen 23 von 24 Stunden. In Zukunft werden Flotten von Robotertaxis zunächst vor allem in Städten weit effizienter sein. Die meisten Fahrten sind kurz, daher wird man die meisten Taxis elektrisch antreiben und mit recht kleinen Batterien ausstatten, denn sie fahren autonom zur nächsten Ladestation, wenn sie «Hunger» haben. Dies umgeht das Hauptproblem heutiger E-Mobile: schwere Batterien, aber geringe Reichweite. E-Mobile sind viel einfacher als Benziner und fast doppelt so langlebig. Deswegen wird man nur noch halb so viele Autos bauen. Was drastisch schrumpfen wird, ist nicht die Zahl der gleichzeitig fahrenden Autos, sondern die Nachfrage nach Parkplätzen. Dies wird den Städtebau revolutionieren.

Was kann mir KI im Alltag sonst noch bringen?

Ihr Leben retten zum Beispiel: In manchen medizinischen Anwendungen findet unsere KI bereits heute Krebszellen so zuverlässig wie ein teurer Arzt. Oder nehmen Sie Ihr Handy: Die Spracherkennung auf zwei Milliarden Android-Smartphones, die iPhone-Autokorrektur oder Googles Übersetzer beruhen alle auf «Long Short-Term Memory», kurz LSTM, der Entwicklung meiner Teams aus dem Tessin und München. Amazon, Apple, Google oder Microsoft nutzen das massiv. LSTM ist ein rückgekoppeltes neuronales Netzwerk: Es lernt aus Erfahrung, sich an wichtige Dinge zu erinnern, etwa neue Wörter oder Satzinhalte zu verstehen, indem es die Verbindungen zwischen seinen Neuronen stärkt oder schwächt – ein wenig wie ein menschliches Gehirn.

Sind künstliche Netzwerke heute schon so klug wie zum Beispiel Schimpansen?

Nein, aber in vieler Hinsicht schon weit klüger als Insekten. In visueller Mustererkennung übertraf unsere lernende KI schon 2011 den Menschen in bestimmten Bereichen wie der Verkehrsschilderkennung. Und die Rechenleistung pro Franken steigt alle fünf Jahre ums Zehnfache. Damit bekommen wir vielleicht in wenigen Jahrzehnten sehr billige Rechner mit der Kapazität eines menschlichen Gehirns.

Was sagen Sie dem Taxifahrer, der wegen Robotertaxis arbeitslos wird?

Wer will denn wirklich Nacht für Nacht etwas tun, das Maschinen besser können? Viele Taxifahrer werden nach einer Umschulung neue Jobs finden. Ein verwandtes Beispiel: Roboter haben zwar viele Menschen aus den Fabriken verdrängt, aber Länder mit hoher Roboterdichte haben erstaunlich niedrige Arbeitslosenquoten. Besitzer profitabler Roboter werden hinreichend Steuern zahlen müssen, sonst gibt es eine Revolution. Ich bin kein Gegner eines bedingungslosen Grundeinkommens – in schwacher Form haben wir das ja heute schon.

Eines Tages könnten intelligente Roboter die Menschen versklaven.

Unsinn – was für ein Interesse ­hätten superkluge KIs daran? Menschen gäben miserable Sklaven ab für einen, der sich einen viel tüchtigeren Roboter bauen kann. Im Film kämpfen böse ­Roboter gegen liebe Menschen – aber das ist lächerlich. In der Realität fehlt schlicht der Zielkonflikt. Der Mensch, nicht der Roboter, ist des Menschen ärgster Feind. Meine Vision ist: Viele KI-Systeme werden nicht nur sklavisch Menschenbefehle befolgen, sondern sich eigene Ziele setzen und die Welt erforschen. Das tun sie in kleinem Massstab in meinem Labor bereits. Da der lebensfeindliche, doch roboterfreundliche Weltraum mehr Ressourcen bietet als der dünne Biosphärenfilm der Erde, werden KI-Systeme auswandern. Der grösste Teil der KI-Ökologie wird nach anfänglicher Faszination für biologisches Leben das Interesse am Menschen verlieren und dank selbstreplizierender Roboterfabriken das Sonnensystem besiedeln.

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Crashtest-Dummy HIII 50%

Interview mit einem Crashtest-Dummy

Auto mit rauchendem Auspuff

Diesel ist fürs Klima besser als Benzin

Immer das neueste Modell: Wer ein Auto-Abo löst,  hat regelmässig Anrecht auf einen Neuwagen.

In Zukunft lösen wir Auto-Abos

David Felder und Stepahie Perez mit ihrem Käfer-Cabrio

Der Herzkäfer