18. Juli 2016

Kärnten: Genuss weit ab vom Schuss

Die Region um den Weissensee im Südwesten von Kärnten ist ein Paradies für Naturfreunde und Feinschmecker. Auf diese Werte setzt ein innovatives Tourismusprojekt.

Hunde willkommen: mit dem Genussfloss auf dem Weissensee.
Hunde willkommen: mit dem Genussfloss auf dem Weissensee.

Wer noch nie Aktivität in der Natur und kulinarischen Genuss kombiniert hat, kommt im feinsten Eck von Kärnten auf den Geschmack. Denn neben der bezaubernden Landschaft entdeckt man hier ein Angebot an Köstlichkeiten, das sich durch Qualität und die regionale Herkunft der Produkte auszeichnet: «Slow Food Travel Alpe Adria Kärnten» heisst das Projekt, mit dem eine Gemeinschaft hochmotivierter Bauern, Händler und Handwerker im Lesachtal und im Gailtal seit rund zwei Jahren ihre Region vermarktet.

Speckseminar im Biedermeierschlössl

Einer davon ist Herwig Ertl (44). Der wortgewandte Feinkostspezialist (Tipps zum Essen und Trinken unter «Weiterführende Artikel») nennt sich stolz «Edelgreissler», ganz nach österreichischer Tradition. «Die Kärntner waren schon immer Vorreiter, aber oft einfach zu früh», sagt er selbstbewusst. In seinem Geschäft in Kötschach-Mauthen treffen sich alle, die auf natürlich gewachsene und ökologisch produzierte Nahrungsmittel setzen.

Ertl nennt seinen Laden «eine edle Bühne der intelligenten Gaumenfreuden», und in der Tat ist eine Degustation mit dem 44-Jährigen ein köstliches und bisweilen höchst unterhaltsames Erlebnis. Während man sich an Käse, Speck, Essig, Olivenöl und Wein erfreut, passiert es schnell, dass ein Produzent bei der Anlieferung auch gleich einen Schwatz mit Ertl und seinen Gästen hält.

Einsamkeit und sattes Grün prägen die Uferlandschaft
Einsamkeit und sattes Grün prägen die Uferlandschaft.

Zu diesen Gästen zählt etwa Hans Steinwender (55) vom Hotel Lerchenhof in Hermagor. Ihn trifft man allerdings vorzugsweise in seinem Biedermeierschlössl, wo man stilvoll nächtigen und ein Speckseminar besuchen kann.

Zum idyllischen Schlösschen gehört auch eine kleine Schweinezucht mit eigenem Metzgermeister und einer Räucherei. Hier stellt der 55-Jährige den Gailtaler Speck her. Eine besondere Sorte ist der Weinspeck, bei dem in der Sur – also während der Salz­lagerung – das Wasser durch Wein ­ersetzt wird. Hans Steinwender ist begeistert von der Idee des «Slow Food Travel», weil er selbst gern «die Hände kennt, die das Produkt hergestellt oder veredelt haben».

Die Hände, die die traditionellen Kärntner Nudeln im Gasthof Grünwald fertigen, gehören den Geschwistern Daberer. Sind Ingeborg (41) und Gudrun Daberer (39) zugange, sieht das Handwerk ganz einfach aus. Tatsächlich aber erfordert es viel Übung, um die halbrunden Teigtaschen so schön und gleichmässig hinzukriegen. Kein Wunder, schmecken sie auch vorzüglich – bei so viel Freude, Hingabe und Sorgfalt.

Gailtaler Speck aus dem Rauchkamin im Hotel Lerchenhof
Gailtaler Speck aus dem Rauchkamin im Hotel Lerchenhof.

So viele Köstlichkeiten verlangen nach Bewegung. Dazu hat man rund um den höchstgelegenen Badesee in Kärnten, der im Sommer 23 Grad warm wird, viele Möglichkeiten. Etwa zwei Drittel des Ufers stehen unter Naturschutz, und nur am Nordufer wird der See von einer – nicht durch­gehenden – Strasse gesäumt. Der Rest besteht aus saftig grünen Wiesen und dunklen Wäldern, in denen Vögel für ein Begleitkonzert sorgen. An manchen Orten erinnert die Farbe des Sees an die Karibik. Und ein Kalkfelsen zieht sogar Klippenspringer an.

Einer, der solche Abenteuer begleitet, ist der Bündner Gian Reto Frei (39). Er arbeitet für «Fit und Fun Outdoor», ist seit drei Jahren in Kärnten zu Hause und ein grosser Fan seiner Wahlheimat.

Gian Reto Frei lebt seit drei Jahren als Outdoor-Guide in Kärnten
Der Bündner Gian Reto Frei lebt seit drei Jahren als Outdoor-Guide in Kärnten.

An den Weissensee gekommen ist Gian aus Liebe: zu seiner Frau Sabrina (34), einer Kärntnerin, einerseits, und zur Natur andererseits: «Ich bin in Zernez GR aufgewachsen und war schon als Kind immer von Natur umgeben. Meine beiden Söhne (3 und 1) sollen die Möglichkeit haben, wie ich aufzuwachsen.» Gian Frei mag auch die Menschen am Weissensee: «Die Leute sind sehr offen,und sie gehen auf Fremde zu. Ich hatte nie Probleme, hier heimisch zu werden.»

Der Weissensee liegt auf 930 m ü. M. am Fuss der Gailtaler Alpen
Der Weissensee liegt auf 930 m ü. M. am Fuss der Gailtaler Alpen.

Im Winter ist Gian Frei Ski- und Snowboard-Lehrer, im Sommer Rafting-Guide und Animateur. Wer die Herausforderung sucht, findet sie beim Canyoning und beim Klippenspringen. Es gebe hier aber nicht nur anspruchsvolle Wildwasserfahrten, merkt Gian an. Ruhige Flüsse wie Drau, Gail und Isel seien prima für Familien geeignet, die mit Kindern unterwegs sind.

Ganz schön fordern kann hingegen eine Segway-Tour über Stock und Stein. Das zweirädrige Gefährt mit den riesigen Pneus ist jedoch viel leichter zu fahren, als es aussieht. Nach nur wenigen Minuten hat man es begriffen, und der fast grenzenlose Spass kann beginnen. Neulinge schaffen es schon beim ersten Versuch problemlos rund um den westlichen Teil des Weissensees.

Ein Erlebnis der ruhigen Art bietet das Genussfloss. Sanft gleitet es vom Ufer weg. Dabei eröffnen sich den Passagieren nach und nach das liebliche Idyll und die Pracht des Bergsees. Aus dem Schilfsaum sticht da und dort ein Badesteg samt Sonnenschirm heraus, gegen Osten erinnert das Bild an einen nordischen Fjord.

Manuela Siller erklärt Flora und Fauna am Weissensee
Manuela Siller erklärt Flora und Fauna am Weissensee.

Am anderen Ufer angekommen, beginnt die sogenannte Lebensraumbegehung: Die Zoologin und Wildtierverhaltensforscherin Manuela Siller (49) begleitet den Ausflug und erklärt anschaulich die Tier- und Pflanzenwelt.

So erfahren wir, dass der Weissensee nur aus unterseeischen Quellen und ein paar Bächlein gespeist wird und dass hier Wanderfalke, Steinadler und Gänsegeier segeln. Was verblüfft: Hier gibt es seit eh und je Braunbären. Aber meistens bekommt nur die Linse der Fotofalle sie zu sehen. Wieder zurück auf dem Floss, werden die Naturfreunde zum krönenden Abschluss mit geräucherten Forellen- und Saiblingfilets, Brot und Wein verwöhnt. Diese Genusstour ist übrigens auch ein Erlebnis, wenn die Sonne nicht scheint; die Stimmung ist dann sehr mystisch.

Zum Saisonstart wird gefeiert

Am Weissensee, so scheint es, wird Aktivität immer mit Genuss kombiniert. So kann man sich auf der Naggleralm nach der Wanderung mit einheimischen Spezialitäten verwöhnen lassen, die die Wirtin und Tourismusobfrau Almut Knaller (44) auftischt. Nicht nur ihr Schwarzbeerschmarrn schmeckt köstlich.

Es verwundert nicht, dass der Auftakt der Saison im Mai mit einem kulinarischen Fest begangen wird: «Aufwart’n am Weissensee» lautet das Motto. Mit «Aufwart’n» ist das Auf­tragen von Speisen gemeint – an vier Tagen, an verschiedenen Orte.

Am ersten Tag spielt Im Mühlstaudach der Fisch die Hauptrolle, begleitet von Wein und Volksmusik. Gleich neben dem Festzelt liegt die Fischzucht der Fischerfamilie Müller. Sie sorgt für einen ausgeglichenen Fischbestand im Weissensee und beliefert die Gastronomie rund um den See. Auch Bootsbauer Michael Winkler (40) öffnet abends seine Werkstatt und erklärt, wie das klassische Holzboot entsteht, das die Fischer auf dem Weissensee nutzen.

Am nächsten Tag führt das Fest auf die Alm, wo Gastköche ein saisonales Menü zubereiten. Der dritte Tag steht im Zeichen des Sees: Auf der «Alpenperle», dem einzigen in Österreich verkehrenden Schiff mit Hybridantrieb, sorgen Spitzenköche für hochstehende Gaumenfreuden. Der vierte und letzte Tag führt zurück zu den Wurzeln, in die Bauernhofküchen: Fünf Höfe öffnen ihre Küchen und Stuben, wo sie traditionelle Speisen reichen, die heute, modern ausgedrückt, Slow Food heissen. Die Kärntner waren der Zeit eben schon immer voraus.

Die Reise wurde von Kärnten Werbung und Österreich Werbung, Zürich, unterstützt.

Bilder: Heinz Jucker

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