20. Dezember 2018

Weihnachten feiern will gelernt sein

Viele Menschen feiern Weihnachten, obwohl sie keine Christen sind. Wir wollten von drei Familien aus unterschiedlichen Kulturen wissen, wie das Fest bei ihnen aussieht.

Familie Diggelmann zu Hause beim Backen
In der Weihnachtszeit guetslet nicht nur der gelernte Bäcker-Konditor Manuel, sondern die ganze Familie: Manuel (40), Nilo (2.5), Mio (4) und Jesse (40), von links.

Familie Diggelmann aus Thailand und der Schweiz

  • Für Weihnachtszauber sorgen: Jesse und Manuel
  • Das essen wir am liebsten: Wir essen nicht immer das Gleiche, aber wir mögen alle Voressen.Was es dieses Jahr gibt, wissen wir noch nicht. Aber wohl etwas Schweizerisches.
  • Bauen Sie buddhistische Bräuche ein? Nein. Wir leben in der Schweiz und möchten darum ein authentisches Weihnachtsfest feiern.
  • Das lustigste Erlebnis: Typische Silvestergirlanden mit der Weihnachtsdeko verwechseln. Oma Helena hat es bemerkt, da haben wir ganz schön gelacht.
  • Lieblingsweihnachtslied: «I Wish You a Merry Christmas» von Bing Crosby
  • Lieblingsguetsli: Alle mit Schoggi und Nüssen

Die Liebe führte Jesse Diggelmann in die Schweiz. Sie lernte ihren Mann Manuel in ihrer Heimat  Thailand kennen, seit vier
Jahren wohnt sie mit ihm in Schaffhausen. Das Schweizer Weihnachtsfest war ihr bis dahin komplett fremd, die hiesigen Traditionen kamen ihr reichlich verwirrend vor. Den Weihnachtsbaum etwa kannte sie zwar auch von Thailand her: «Aber der wird dort einfach so aufgestellt, und niemand weiss genau, warum.»

Eine grosse Hilfe bei der Einweihung in die Festrituale sei ihr vor allem Oma Helena gewesen, die anfänglich alles organisierte, erzählt Jesse Diggelmann. «Zuerst habe ich die Dekorationen von Helena kopiert. Weil ich es lernen wollte.» Mittlerweile schmückt sie den Christbaum gemeinsam mit ihren Söhnen. Und dadurch, dass ihr älterer Sohn Mio (4) im Kindergarten die religiösen Zusammenhänge des Weihnachtsfests lernt, habe sie diese nach und nach auch verstanden.

Familie wird hier grossgeschrieben

«Heute freue ich mich genauso auf Weihnachten wie meine beiden Jungs.» Sie liebt es, dass man dann Zeit füreinander hat, gemeinsam dekoriert und etwas Feines isst. In Thailand sei der Familienzusammenhalt an religiösen Festtagen nicht so gross wie hier. Dabei ist Religion für Jesse grundsätzlich wichtig, sie gehört dem Buddhismus an. Ihre thailändische Familie feiert buddhistische Traditionen und Bräuche.

Die wichtigsten thailändischen Feiern begeht Jesse nach wie vor auch in ihrer neuen Heimat, wie zum Beispiel das Songkran-Wasser-Festival im April, an dem Buddhastatuen mit Wasser begossen werden.

Ihrer Vergangenheit in Thailand trauere sie indes nicht nach: «Ich lebe im Moment.» Und weil ihre Söhne dereinst in der Schweiz zur Schule gehen werden, möchte sie ihnen ein authentisches Weihnachtsfest bieten: Wenn alle von Geschenken und Weihnachtsbäumen sprechen, sollen das ihre Söhne auch tun können.

«Ich will, dass sie integriert sind. In diesem Moment ist es mir egal, welcher Religion ich angehöre.» Mio tritt dieses Jahr sogar im Weihnachtsmusical der Kirchgemeinde auf. So wird die ganze Familie den Weihnachtsgottesdienst besuchen.

Neben dem Weihnachtsbaum gehören für Jesse inzwischen Geschenke ebenso zum Fest wie feines Essen. Und selbst in die hohe Kunst der «Guetslete» wurde sie eingeweiht – von Manuel, dem gelernten Bäcker-Konditor, höchstpersönlich.

Übrigens: Gesungen wird an Weihnachten auch bei Familie Diggelmann: «Wir tanzen und lachen und sind bestimmt nicht die Leisesten. Aber das gehört doch dazu!»

Familie Wu-Hu aus China

  • Für Weihnachtszauber sorgen: Patrick und Leo
  • Das ist komisch an Weihnachten: Wir kennen eine Familie, die an Weihnachten wandern geht. Aber dafür ist es doch zu kalt!
  • Das essen wir am liebsten: Fondue, Raclette und Grittibänze. Leo bäckt Schoggitorte oder Brownies. Patrick assistiert, und er kann sehr gut dekorieren.
  • Bauen Sie chinesische Bräuche ein? Ja, beim Essen. Wir essen oft Pekingente und Fondue chinoise. Nicht immer am selben Tag, aber generell in der Weihnachtszeit.
  • Das lustigste Erlebnis: Der Schneemann vom letzten Jahr war grösser als Jing Wu. Und er wollte und wollte einfach nicht schmelzen.
  • Lieblingsweihnachtslied: «Last Christmas» von Wham!
  • Lieblingsguetsli: Mailänderli
Familie Wu/Hu zu Hause
Familie Wu/Hu zu Hause versammelt: Jing Wu (46), Junli Hu (48), Zhenying Hu (80), Kefei Liu (76), Patrick Wu (8) und Leo Wu (18), von links.

Familie Wu-Hu lebt schon lange in der Schweiz. Vater Junli kam vor über 20 Jahren hierher, um zu studieren. Seine Eltern folgten, und auch seine Frau Jing wohnt mittlerweile seit zehn Jahren in Zürich. Die Familie ist gut integriert: «Das Wichtigste ist die Sprache. Und wir sind auch sehr offen, darum haben wir schnell Freunde gefunden», sagt Mutter Jing. Inzwischen hat die Familie die Schweizer Bräuche und Traditionen angenommen und feiert vor allem gern Weihnachten.

«Es ist vergleichbar mit dem chinesischen Neujahrsfest, das wir hier aber nicht mehr feiern», erzählt  Junli Hu. Im Vordergrund steht die gemeinsame Zeit, religiöse Rituale interessieren die Familie weniger. «Ich finde das kein Widerspruch. Für uns ist es wichtig, dass wir zusammenkommen und Zeit füreinander haben», sagt er.

Ohne Hektik geniessen sie die freien Tage, machen Spiele oder Wellness. Sie kochen gemeinsam und beschenken sich. Auch
Leo freut sich: Er ist zuständig für die grossangelegte Guetsliproduktion. Seine Grosseltern Zhenying und Kefei wiederum freuen sich auf das Turnen im Senioren-Sportklub, wo sie die zusätzlichen Guetslipfunde wieder verbrennen.

«Und ich gehe dieses Jahr zum ersten Mal Ski fahren», ruft Patrick voller Vorfreude. Vorher dekoriert er aber noch den Weihnachtsbaum und übt Weihnachtslieder: Er singt im Chor – zur grossen Freude seiner Mutter Jing Wu: «Im Vergleich zu China
ist es in der Schweiz sehr ruhig. Ein bisschen Musik schadet also nicht.»

Das Beste aus beiden Kulturen

  • Für Weihnachtszauber sorgt: Yagmur
  • Das ist komisch an Weihnachten: Bis jetzt nichts – aber wir kennen ja noch nicht alle Einzelheiten.
  • Das essen wir am liebsten: Wir kochen mit Yagmurs Arbeitskollegin mal schweizerisch, mal türkisch. Uns schmeckt alles, Hauptsache, wir sind zusammen.
  • Bauen Sie türkische Bräuche ein? Ja, wir mischen beide Kulturen, schliesslich wachsen unsere Kinder auch mit zwei Kulturen auf.
  • Das lustigste Erlebnis: Als Vedat den Samichlaus spielte, dabei aber den Bart vergass. Kuzey erkannte ihn natürlich sofort.
  • Lieblingsweihnachtslied: «Stille Nacht, heilige Nacht»
  • Lieblingsguetsli: Selbstgebackene, verzierte Mailänderli
Familie Tapan hat bereits den Weihnachtsbaum aufgestellt
Familie Tapan freut sich schon aufs Weihnachtsfest: Yagmur (28), Poyraz (2), Kuzey (4) und Vedat (34), von links.

Ein Haushalt, zwei Kulturen: So lebt Familie Tapan aus Basel. Yagmur (28) ist in der Schweiz aufgewachsen, ihr Mann Vedat (34) kam vor fünf Jahren aus der Türkei hierher. Beide gehören der islamischen alevitischen Glaubensgemeinschaft an. Die Religion ist ihnen wichtig.

Weil sie in der Schweiz leben, wachsen die Kinder mit zwei Kulturen auf: «Es wäre komisch, wenn ich meinen Kindern die Schweizer Bräuche vorenthalten würde», sagt Yagmur. Später sollen sie selbst entscheiden können, welcher Religion sie angehören möchten.

Dass es zwischen dem Christentum und dem Islam Unterschiede gebe, habe der Ältere, Kuzey, bereits erkannt, auch weil die Familie mehrmals in der Türkei Urlaub gemacht hat.

Die Tapans zelebrieren Bräuche aus beiden Religionen. Sie fasten für 12 Tage, wie es die Aleviten tun, feiern Ostern und Weihnachten. «Meine absolute Lieblingstradition! Auch, weil es in der ganzen Stadt schön leuchtet.»

Sie möge die Dekorationen und die besinnliche Zeit mit der Familie, sagt Yagmur. Ihre Eltern leben zwar auch in der Schweiz, aber Weihnachten feiern die Tapans vor allem mit Yagmurs Arbeitskollegin, die Christin ist. Mit ihr ging sie auch schon in die Kirche.

Abwechselnd findet das Fest bei ihr oder bei den Tapans statt. Alle kochen und essen zusammen – mal schweizerisch, mal türkisch –, die Kinder packen Geschenke aus und singen gemeinsam Weihnachtslieder. «Ich singe auch, aber mein Mann ist noch nicht sattelfest», sagt Yagmur und lacht.

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