13. Juli 2018

Wegschauen oder eingreifen?

Ein Kind wird im Tram aufs Gröbste ausgeschimpft, beim Nachbarn ist stundenlanges Kinderweinen zu hören. Wie soll man reagieren? Peter Sumpf vom Elternnotruf weiss Rat.

Illustration: Eltern-Kind-Konflikt im Tram
Kinder verdienen unseren besonderen Schutz. Ein Eingreifen kann aber auch destruktiv sein.

Es sind fremde Kinder und fremde Eltern. Dennoch kann es einem nahegehen, wenn man Zeuge wird, wie Kinder ungerecht behandelt werden oder weinen ohne Ende. Soll man etwas sagen? Oder ist gut gemeinte Zivilcourage nutzlos, vielleicht gar schädlich? Das sagt Peter Sumpf (60), Geschäftsleiter des Elternnotrufs:

Soll man da als fremde Person etwas unternehmen, wenn andere Eltern ihr Kind beispielsweise im Tram hart massregeln?

Man muss sich überlegen: Muss ich einfach etwas sagen, weil ich selbst es nicht aushalte? Oder glaube ich, dass mein Eingreifen dem Kind wirklich nützt? Dabei kommt es natürlich auch auf die Art der elterlichen Intervention an. Wenn jemand sein Kind öffentlich schlägt, würde ich auf jeden Fall etwas sagen.

Ist dann nicht zu befürchten, dass letztlich das Kind die Konsequenzen meines Eingreifens tragen muss?

Diese Befürchtung ist angebracht, vor allem bei Zwischenfällen in der Öffentlichkeit. Daher empfehle ich, in so einer Situation eher nicht einzugreifen – wie gesagt, mit Ausnahme von Schlägen.

Was, wenn man zu Hause mitbekommt, dass in der Nachbarwohnung über längere Zeit Kinder oft schreien oder weinen?

Dann sollte die Familie mit ihren Schwierigkeiten nicht isoliert bleiben. Man kann beispielsweise versuchen, Hilfe anzubieten.

Die Familie mit ihren Schwierigkeiten nicht isolieren

Peter Sumpf

Wenn man sich einmischt, was ist konkret zu tun?

Eine erste Überlegung sollte sein, ob man die Betroffenen direkt ansprechen kann. Dabei sollte stets der Gedanke der Hilfestellung für Kind und Eltern im Vordergrund stehen. Im Wohnhaus zum Beispiel kann man mit dem Satz beginnen: «Ich habe gehört, dass Ihr Kind oft weint. Kann ich etwas für Sie tun, Sie irgendwie unterstützen?»

Und wenn ich es mir selber nicht zutraue, bei der Familie zu klingeln?

Dann bitten Sie Ihren Partner, Ihre Partnerin, mitzugehen. Oder vielleicht haben ja weitere Nachbarn ähnliche Beobachtungen gemacht und begleiten Sie.

Wann ist es sinnvoll, die Polizei einzuschalten?

Wenn man Zeuge einer akuten Eskalation wird. Befürchtet man hingegen, dass die Entwicklung eines Kindes durch länger anhaltende Konflikte gefährdet ist, ist die Kesb die richtige Adressatin für eine Meldung.

Oft aber ist die Furcht gross, man könnte mit so einer Meldung einer Familie schaden.

Das ist verständlich. Wir vom Elternnotruf beraten auch zum Vorgehen bei Verdacht auf Kindesmisshandlung – rund um die Uhr und vertraulich. Auf Wunsch kann der Anrufende anonym bleiben.

Hier gibt es Hilfe: elternnotruf.ch (mit Onlineberatung) oder 0848 35 45 55 (Festnetztarif)

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Susanne Kunz

Mama kanns nicht

Lena (20) macht gerade eine Kochlehre

Letzter Ausweg Heim

Schriftzug: Warum spricht man nicht überall die gleiche Sprache?

Warum spricht man nicht überall die gleiche Sprache?

Schriftzug: Warum werden wir nicht 600 Jahre alt?

Warum werden wir nicht 600 Jahre alt?