06. September 2018

Weder Frau noch Mann

Even Meier und Sascha Rijkeboer haben sich von ihrem Geburtsgeschlecht verabschiedet und bezeichnen sich heute als «non-binär». Sie stehen also zwischen oder ausserhalb der klassischen Geschlechtsrollen. Tatsächlich sind wir Menschen auch biologisch weniger eindeutig Mann oder Frau, als man lange glaubte.

Even Meier
Even Meier (45) berät Versicherungsgesellschaften in mathematischen Belangen. Even lebt in Zug und hat drei Kinder im Teenageralter.

«Ich habe schon von klein auf nicht verstanden, was es mit den beiden Geschlechtern auf sich haben soll: Für mich war es wie ein Theater, in dem ich mitspielte – und bei dem ich weder die Rollen, noch den Inhalt und die Pointen verstand. Die Leute lachten oft dann, wenn ich es nicht lustig fand, und umgekehrt.

Mit ungefähr sechs Jahren verkündete ich meinen Eltern, dass ich in den Blauring möchte, nicht realisierend, dass der nur für Mädchen ist. Und als ich mir gegen Ende der Primarschule erstmals selbst Winterschuhe kaufen durfte, kam ich in spitzigen Stiefeln mit hohen Absätzen nach Hause, einfach weil ich die so schön fand. Zu Hause warf das verständlicherweise Fragen auf. Tragen durfte ich die Schuhe trotzdem.

Ich habe mich wirklich bemüht, einen Weg zu finden, ein ‹Mann› zu sein.

Even Meier

Anfang 20 wurde mir klar, dass ich bezüglich ‹Geschlecht› nicht in das gesellschaftlich vorherrschende Schema passte. Ich besuchte Männerseminare und las viele Bücher zum Thema ‹Mannsein›. Ich habe mich wirklich bemüht, einen Weg zu finden, ein ‹Mann› zu sein und die gesellschaftlichen Rollenerwartungen zu verstehen und zu erfüllen – ohne Erfolg.

In meinen 30ern habe ich angefangen, das binäre Konzept Frau/Mann grundsätzlich zu hinterfragen. Ein von mir konsultierter, auf Transmenschen spezialisierter Psychologe war erst mal ratlos und wollte wissen, wie ich mich denn bezeichnen würde. Ich kam spontan auf den Begriff ‹Mann+›. Inzwischen kenne ich treffendere
Bezeichnungen: Ich identifiziere und bezeichne mich heute als non-binär oder präziser als genderfree, also frei von jeglichem Geschlecht.

Mehrheitlich positive Reaktionen

Wirklich angekommen bin ich in meiner Geschlechtsidentität vor etwa fünf, sechs Jahren – und seither gehe ich auch offen damit um. Ein klares Zeichen dafür ist mein Namenswechsel zu Even: Ich habe mich für diesen Namen wegen des Klangs entschieden und weil er nicht binär ist wie Sandra oder Ferdinand.

Äusserlich zeigt sich meine Geschlechtsidentität vor allem durch meine Kleidung: Ich mag es, einen schönen, feinen Stoff zu tragen; und bei heissem Wetter ist ein luftiges Kleid unvergleichlich. Manchmal schminke ich mich, weil ich es schön finde. Mein Bart gefällt mir sehr, auch in Kombination mit Lippenstift, was andere Menschen schon irritieren mag. Oft werde ich gefragt, ob ich homosexuell sei: Dabei sind Identität und Orientierung doch ganz verschiedene Themen ohne direkten Zusammenhang. Und viel wichtiger als das Geschlecht ist für mich die Persönlichkeit meines Gegenübers.

Bestimmt ein Mal pro Woche werde ich auf der Strasse wegen meines Looks angesprochen – und das grossmehrheitlich positiv. Ich sehe natürlich nicht, welche Blicke mir die Menschen hinter meinem Rücken zuwerfen. Meine Erfahrung ist, dass gerade junge und ältere Leute dem Thema offen gegenüberstehen. Mein 76-jähriger Götti nahm mein Coming-out jedenfalls nicht nur locker, sondern meinte, er habe darüber schon früher gehört und sich im Internet über ‹Weder-noch-Menschen› informiert.

Das Ringen mit der Sprache

Lange führte ich ein klassisches Familienleben, mit einer Frau und drei Kindern. Und obwohl die Ehe inzwischen geschieden ist, ist das Verhältnis zu allen noch immer eng. Die Kinder leben teilweise bei mir. Sie gehen sehr positiv mit meiner Geschlechtsidentität um. Dass es dafür Zeit gebraucht hat, ist natürlich und nachvollziehbar. Und wie in jeder Familie gibt es immer wieder neue, uns alle herausfordernde Situationen.

Mir ist wichtig, dass für mich keine Geschlechtspronomen wie ‹er› oder ‹sie› verwendet werden. Einige non-binäre Menschen verwenden ‹es›, das mag ich aber auch nicht. Bis sich in der deutschen Sprache ein entsprechendes Pronomen etabliert haben wird, ist mein Pronomen ‹Even› oder ‹Even Meier›. Also nicht ‹er freut sich an der Sprache›, sondern ‹Even freut sich an der Sprache›.

Ich weiss, dass das im Alltag zunächst schwerfallen mag. Aber Sprache beeinflusst das Denken, und je schneller wir uns gewöhnen, geschlechtsneutral zu formulieren, desto besser. Genauso begrüsse ich geschlechtsneutrale öffentliche WCs – wie wir alle das von zu Hause kennen.

Ich gehe schon mal mit lackierten Nägeln zu meinen Kunden – das hat mich noch nie auch nur einen Auftrag gekostet.

Even Meier

2014 habe ich die Romanescos mitgegründet, eine Gruppe für Menschen mit non-binärer , queerer, fluider oder keiner Geschlechtsidentität: ein Ort, wo wir uns austauschen und vernetzen, gemeinsam lachen und weinen können. Der Name leitet sich vom Gemüse ab: Es ist weder Blumenkohl noch Broccoli, weder Fisch noch Vogel. Entsprechend sind bei uns alle Menschen willkommen, wenn sie eine Regel beachten: Unser Raum ist frei von jeglicher Diskriminierung. Im Moment haben wir rund 140 Leute auf dem Mailverteiler, an unseren monatlichen Treffen in Zürich nehmen jeweils 10 bis 20 Menschen teil. In Basel und Bern finden ebenfalls Anlässe zum Thema statt, was mich freut.

Auch beruflich gibt es bei mir keine Probleme: Ich habe meine eigene Firma und berate Versicherungsgesellschaften in mathematischen Belangen. Dabei gehe ich offen mit meiner Geschlechtsidentität um: Meine Dokumente sind geschlechtsneutral formuliert, und ich gehe schon mal mit lackierten Nägeln zu meinen Kunden – das hat mich noch nie auch nur einen Auftrag gekostet. Grossartig, genauso muss es sein! Wir sind auf einem guten Weg.»

Sascha Rijkeboer mit Kaninchen Tjuv
Sascha Rijkeboer (26) studiert Psychologie und Gender Studies an der Uni Basel. Sascha lebt mit Kaninchen Tjuv (6) in einer WG in Olten SO.

«Eigentlich kann man gar kein non-binäres Leben führen in dieser binären Welt – aber man kann sie hinterfragen und herausfordern. Denn wir alle wachsen damit auf, reflexartig jede Person, in ‹männlich› oder ‹weiblich› einzuteilen. Wir lernen von klein auf, was ‹Männer› und ‹Frauen› sind, wie sie aussehen, wie sie sich zu verhalten haben. Auch ich teile Menschen so ein, weil diese Kategorisierung so tief sitzt und unsere ganze Gesellschaft darauf ausgerichtet ist. Dabei ist Geschlecht ein soziales Konstrukt, biologisch sind wir viel vielfältiger.

Ich tat mich schon als Kind schwer damit, ein Mädchen sein zu sollen. Ganz einfach, weil ich vieles nicht durfte, was mir Spass machte – und was die Buben um mich herum alle taten. So wünschte ich mir damals, ein Junge zu sein, weil ich dachte, dass ich nur dann mit Actionfiguren und Wasserpistolen spielen durfte.

Wenn ich Geschichten las oder Filme sah, identifizierte ich mich meist mit männlichen Figuren. Aber nicht mit den hypermaskulinen Helden, sondern eher mit den schillernden wie etwa Atréju, dem Indianerjungen aus ‹Die unendliche Geschichte›, der auch einige weiblich konnotierte Züge hatte.

Lesbisch? Trans? Non-binär!

Als Teenager hatte ich intensive Mädchenfreundschaften. Aber erst als eine Freundin mir von einem lesbischen Erlebnis erzählte, realisierte ich, dass das eine Option sein könnte. Mit 18 hatte ich mein Coming-out als lesbische Frau, was sich jedoch nie richtig anfühlte. Frauen zu begehren schon, aber als Frau Frauen zu begehren? Ich habe mich oft gefragt, ob ich mich einfach nicht als Frau identifiziere oder ob es eine verinnerlichte Form von Homophobie war, dass ich es seltsam fand, als Frau Frauen zu begehren.

Vielleicht war ich ja trans? Aber auch damit tat ich mich schwer, weil es für mich damals negativ besetzt war. Bis ein Transmann an der Kanti Olten sein offizielles Coming-out hatte, jemand in meiner direkten Umgebung. Wieder dachte ich: Oh, das geht? Seine Sichtbarkeit als Transmensch und eine positivere Berichterstattung in den Medien ermutigten mich: So sah ich mich für eine Weile innerlich als Transmann, merkte aber erneut, dass dies nicht ganz auf mich zutraf. Ich konnte mich mit der Vorstellung, die ich von Männlichkeit habe, nicht identifizieren.

Irgendwie passte ich nirgends richtig rein. Dann jedoch stiess ich auf den Begriff ‹non-binär›, der sich nun endlich richtig anfühlt: Ich kann mich mit keiner der klassischen Geschlechtsrollen identifizieren, sondern befinde mich irgendwo ausserhalb von ‹Mann› und ‹Frau›. Allerdings werde ich in der Regel als Frau gelesen, womit ich für den Moment leben muss. Umso wichtiger ist mir deshalb, dass mein Umfeld meine Geschlechtsidentität sprachlich berücksichtigt, also nicht ‹er› oder ‹sie› sagt, sondern einfach ‹Sascha›. Ich weiss natürlich, wie schwierig das ist, aber Sprache formt unser Bewusstsein, deshalb ist diese Umgewöhnung zentral. Es geben sich auch alle Mühe, und wenn doch mal ein falscher Begriff rausrutscht, korrigiere ich freundlich.

Ich hoffe sehr, dass man zumindest beim Neubau von öffentlichen Gebäuden geschlechtsneutrale WCs einplant.

Sascha Rijkeboer

Mein Coming-out ist rundum positiv aufgenommen worden. Meine Mutter hat sich sogar zu einer richtigen Aktivistin entwickelt und ist schon mehrmals mit der Angehörigengruppe des Transgender-Netzwerk (TGNS) bei der Pride mitmarschiert. TGNS ist sowieso eine sehr wichtige Anlaufstelle für mich. Ich bin sehr dankbar für die Arbeit dieser Organisation.

Im Alltag können viele Menschen mit ‹non-binär› zunächst nichts anfangen. Aber wenn man ihnen erklärt, was es bedeutet, sind sie in der Regel offen und positiv eingestellt. Grosse Hürden hingegen sind die Bürokratie und öffentliche WCs. An der Uni Basel habe ich nach einigen Debatten einen Schlüssel zum Behinderten-WC bekommen – nicht ideal, aber besser, als mich jedes Mal erneut zwischen zwei falschen Geschlechtskategorien entscheiden zu müssen.

Ich hoffe sehr, dass man zumindest beim Neubau von öffentlichen Gebäuden künftig geschlechtsneutrale WCs einplant. Ebenfalls mühsam ist, dass man auf praktisch allen Formularen ‹Mann› oder ‹Frau› ankreuzen muss, sogar an meiner Uni, die sich für so offen und progressiv hält.

Hoffnung auf mehr Vorbilder

Traurig ist auch, dass meine Geschlechtsidentität in Büchern, Filmen und Serien praktisch nicht existiert. Die einzige mir bekannte Serie mit einem offen non-binären Charakter ist ‹Billions› , das wars. Dieser Mangel an Sichtbarkeit und an Vorbildern ist ein echtes Problem. Wären mir schon früher non-binäre Menschen in meinem Umfeld oder sonst in den Medien begegnet, hätte das enorm geholfen.

Das ist mit ein Grund, dass ich bereit bin, meine Geschichte zu erzählen. Umso mehr, als für mein eigenes Coming-out die Sichtbarkeit anderer so zentral war. Vielleicht kann ich so dazu beitragen, dass andere Non-Binäre es künftig ein bisschen leichter haben, zu sich zu finden.»

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