07. Mai 2018

Weck den Buddha in dir!

Wer meditiert, lernt, den Augenblick bewusster wahrzunehmen. Der Lohn sind Ruhe und Gelassenheit. Das grosse Angebot an Achtsamkeitstrainings zeigt: Buddhas revolutionäre Lehre ist lebendiger denn je.

Beim Meditieren lenkt man seine ganze Aufmerksamkeit auf das Atmen
Beim Meditieren lenkt man seine ganze Aufmerksamkeit auf das Atmen und lernt so, andere Gedanken auszublenden. (Bild: Getty Images)
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Mindful eating, mindful walking, mindful talking – und wer mindfulness und das deutsche Wort dafür, Achtsamkeit, in eine Suchmaschine eingibt, erhält fast 90 Millionen Ergebnisse zur Auswahl. Das sind viele Treffer für eine einfache Lebensphilosophie: respektvoll und bewusst mit sich und seiner Umwelt umzugehen. Neu ist die Idee nicht. Im Ansatz geht sie auf Buddha zurück, genauer: auf die «Grundlagen der Achtsamkeit», eines der Hauptwerke, die der indische Religionsstifter hinterliess. Seine Lehre mit Bewusstseinsübungen
und Meditationstechniken war auch eine Inspira tion für die Hippies der 60er-Jahre und Grundstein einer globalen Friedensbewegung.

Weniger anfällig auf Stress
Was mit globaler Entspannung enden soll, fängt im Kleinen an. Mit sich selbst und seiner Umwelt achtsam zu sein, macht nicht nur glücklich und entspannter, man ist auch weniger anfällig auf Streit und Überforderung. Meditation heisst das Schlüsselwort. Gemeint ist das Nachsinnen darüber, was meditieren eigentlich heisst, das bewusste Wahrnehmen des Augenblicks. Das Bremsen der unablässig fliessenden Gedanken und Gefühle.
Was einfach tönt, ist alles andere als einfach. An nichts zu denken, fällt uns schwer. Ein Gespräch zu führen, ohne Vergangenheit und ohne Vorurteile unbewusst einfliessen zu lassen, ist ohne entsprechende Techniken fast unmöglich. Wir sind uns selten bewusst, was unser Entscheiden eigentlich beeinflusst.

Am Anfang jeder Meditation stehen Atemübungen. Man konzentriert sich dabei auf das Ein- und Ausatmen und versucht, die permanenten Gedankenströme zu unterbrechen, um immer wieder aufs Neue seine ganze Aufmerksamkeit auf das Atmen zu lenken.
Das tönt zwar einfach, ist aber nur mit viel Übung zu erreichen. Der Sinn dieser Selbstbeobachtung und Konzentration ist es, Dinge gelassener zu sehen, zum Beispiel einen Wutausbruch vorbeiziehen zu lassen, ohne ihn auszuleben. Wir lernen die Welt unvoreingenommen zu sehen, ohne in Grübeleien zu verfallen. Wir üben Achtsamkeit.

Wissen, was man erlebt, während man erlebt
Die Achtsamkeitsbewegung hat inzwischen Einzug in alle Lebensbereiche gehalten. Von achtsamer Kindererziehung bis zur Erziehung zu achtsamen Chefs gibt es unzählige Angebote, sich zu entwickeln. Bewährt hat sich eine Methode des amerikanischen Molekularbiologen Jon Kabat-Zinn. Er entwickelte bereits in den 70er-Jahren eine Technik zur Stressbewältigung, die auf Buddhas Prinzipien beruht. Sein Mindfulness-Based-Stress-Reduction-Programm (MBSR) schult die Achtsamkeit mit einer Kombination aus Atem und Yogaübungen. Ziel ist zu wissen, was man erlebt, währenddem man es erlebt. Der Effekt ist einfach, aber bestechend: mehr Gelassenheit, Zuversicht, Anteilnahme und Konfliktfreiheit.

Wer Achtsamkeit trainiert, dem fällt es beispielsweise einfacher, ein schwieriges Gespräch anzugehen. Man stelle sich die Situation vor, in der eine Mutter mit ihrem Sohn im Teenageralter über sein unangepasstes Verhalten sprechen will. Beladen mit viel Vorwissen, möglicherweise auch Vorurteilen und der Liebe zu ihrem Kind wird es der Mutter schwerfallen, unvoreingenommen auf ihren Sohn zuzugehen. Versteht sie es aber, sich selbst zurückzunehmen und auf die Lage in genau diesem Augenblick einzugehen, ohne zu werten und einzuteilen, stehen die Chancen gut, dass es zu einer friedlichen Lösung des Problems kommt.

Nur wer glücklich ist, kann Glück verbreiten
Selbstaufgabe ist dabei kein Thema. Vielmehr ist es die Selbstsorge, die zentral ist im achtsamen Umgang. Nur wer glücklich ist, kann Glück verbreiten – wird der brasilianische Schriftsteller Paolo Coelho oft zitiert –, und er meint damit dasselbe. Dass ein Training in Achtsamkeit auch medizinische Wirkung haben kann, zeigt eine skandinavische Metastudie von 2010. Chronisch Kranke hatten eine bessere psychische Verfassung, es reduzierte Angst, Stress und depressive Verstimmungen.

Das Mindfulness-Based-Stress-Reduction-Training kommt auch in Kliniken zur Anwendung bei psychischen Störungen wie Borderline-Syndrom, Panikattacken, Schlafstörungen oder Migräne. Aber profitieren kann eigentlich jeder von einem Achtsamkeitstraining: Wir verstehen uns selbst und andere besser, sind präsenter und gelassener und damit garantiert in weniger Streit und Konflikte involviert.

ÜBUNG: Frühstücken wie ein Kind

Erinnerst du dich noch, wie du als Kind das erste Mal etwas versucht hast? Probier es mit deinem ganz normalen Zmorge einmal aus. Schau das Essen an, ohne etwas dabei zu denken. Konzentrier dich ganz auf das, was vor dir liegt, und nimm es erst mit den Augen, dann mit dem Mund wahr, schmecke heraus, was immer du kannst, und erlebe bewusst den Moment des Kauens, Schluckens und des Nachschmeckens. Jedes Mal, wenn du dich dabei ertappst, mit den Gedanken abzuschweifen, holst du dich zurück in den Moment und bleibst beim Frühstück, bis alles verputzt ist. Dann bleibt immer noch Zeit für das Vorbereiten des anstehenden Tages.

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