19. November 2018

Was Männer wollen

Sie wollen unbeschwert flirten können – und gleichberechtigt sein, zu Hause und im Job. Zum Männertag am 19. November haben wir sechs Exemplare befragt.

Clive Bucher
Clive Bucher: «Meinem Sohn würde ich beibringen: Man muss kämpfen im Leben.»

CLIVE BUCHER (26), Bachelor und Unternehmer

Was macht einen Mann aus?
Dass er Ziele hat im Leben, selbstbewusst ist und auf eigenen Beinen steht. Vorher ist er kein Mann, sondern ein Junge.
Was brauchen Sie als Mann, um sich in der Gesellschaft wohlzufühlen?
Von Freunden umgeben sein, denen ich vertraue. Nicht jeden Rappen umdrehen müssen, wenn ich ausgehe, Kleider kaufe oder auswärts esse. Gesundheit.
Gibt es politische Rahmenbedingungen, die Ihnen helfen, sich zu entfalten?
Ich entfalte mich unabhängig von der Politik. Die Regeln sind, was sie sind, und haben ihren Grund. Gleichberechtigung ist allerdings wichtig, für Frauen und für Männer.
Wer ist heute Ihr Vorbild?
Cristiano Ronaldo und Arnold Schwarzenegger. Ronaldo liefert seit vielen Jahren unter grossem Druck konstant Höchstleistungen. Und Schwarzenegger ist einer der inspirierendsten Menschen, die es gibt. Er hat alles gemacht und erreicht, was er wollte.
Wenn Sie einen Sohn hätten: Was würden Sie ihm mit auf den Weg geben?
Ich würde ihm etwas beibringen: Man muss kämpfen im Leben, wenn man etwas will. Und man sollte sich Gedanken darüber machen, warum man hier auf der Erde ist. Sich fragen: Was ist meine Aufgabe? Was will ich wirklich? Wofür schlägt mein Herz?

Lu Decurtins
Lu Decurtins: «Die Erwartungen an heutige Männer sind widersprüchlich.»

LU DECURTINS (55), Sozialpädagoge
«Die Erwartungen an heutige Männer sind ziemlich widersprüchlich. Nebst den neuen Anforderungen in Partnerschaft und Familie halten sich hartnäckig herkömmliche Rollenbilder. Männer müssen lernen, zu sich selber zu stehen und auch auf andere einzugehen. Sie sollten ihre schwachen Seiten zeigen lernen und ihre Stärken verantwortungsvoll einsetzen. Vor allem aber sollten sie die ganze Vielfalt des Mannseins akzeptieren, die sich nicht ab­zugrenzen braucht von sogenannt weiblichen oder schwulen Verhaltensweisen. Vater sein ist die wohl zentralste und bleibendste Rolle im Leben eines Mannes. Da ich ein präsenter Vater sein wollte, habe ich Teilzeit gearbeitet und meinen Anteil an Erziehungsverantwortung übernommen. Früher wurde man an einem Arbeitstag auf dem Spielplatz noch als exotisch angeschaut. In der Kompetenz als Bezugsperson wurde ich oft nicht für voll genommen, das gab mir Narrenfreiheit, und ich bekam auch Unterstützungsangebote von wildfremden Frauen. Heute sind engagierte Väter im urbanen Raum durchaus normal.»

Janos Horvath
Janos Horvath: «Der Satz, <Hey, du gefällst mir>, ist gefährlich geworden.»

JANOS HORVATH (36), Single- und Flirtcoach

«Was macht einen Mann aus? Er trifft Entscheidungen im Leben und zieht diese durch. Er versteckt seine Sexualität nicht, sondern lebt sie - mit Herz und Körper. Er findet zu seiner inneren Kraft, indem er immer wieder in die Natur geht, die Stille sucht und gute Gespräch führt. Er steht anderen unterstützend zur Seite, nimmt ihre Entscheide so ernst wie seine eigenen. Er übernimmt Verantwortung in Beziehungen und geht auf Distanz mit Leuten, die ihm nicht guttun. Die gesellschaftlichen Diskussionen verwirren die Männer und erschweren es ihnen, zu ihren Bedürfnissen zu stehen. Die #metoo-Debatte hat dazu geführt, dass sich manche nicht mehr getrauen, ihre Meinung zu äussern und auf Frauen zuzugehen, aus Angst, als oberflächliche Wüstlinge abgetan zu werden. Die Schweizer waren schon immer zurückhaltend beim Flirten, das hat sich leider noch verschärft. Der Satz, «hey, du gefällst mir», ist gefährlich geworden.»

Daniel Bekcic
Daniel Bekcic: «Viele Männer sind verunsichert, da die Ansprüche an sie komplex und widersprüchlich sind.»

DANIEL BEKCIC (32), Leiter Politik männer.ch
«Letztlich sind die Bedürfnisse der Männer dieselben wie die der Frauen: Wir wünschen uns Anerkennung für unseren Beitrag am Gelingen der Gesellschaft. Der Mann von heute muss seinen Kompass neu justieren, um durch den gesellschaftlichen Wandel zu navigieren. Frauen haben sich emanzipiert und patriarchalische Strukturen zum Einstürzen gebracht. Dafür sollten wir Männer dankbar sein: Denn auch für uns sind Rollenkorsette nicht gut. Viele Männer sind verunsichert, da die Ansprüche an sie komplex und widersprüchlich sind. So wird erwartet, dass sie Leistungsträger und präsente Väter sind, Macker und verständnisvolle Partner. Das Zusammenleben muss immer wieder neu verhandelt, Privilegien und ihr Preis müssen hinterfragt werden. Denn Gleichstellung dient allen. Auch wenn sie rechtlich weitgehend erreicht ist, ist das in den Köpfen vieler noch nicht angekommen. Sei es im Kampf um gleichen Lohn oder bei der Frage, wer die Pflegearbeit übernimmt: Wir brauchen weniger Grabenkämpfe und mehr Schulterschlüsse.»

Res Niemeyer
Res Niemeyer: «Ich geniesse meinen Papitag.»

RES NIEMEYER (37), Wirtschaftsinformatiker

«Die Grundhaltung, dass der Mann für das Einkommen der Familie zuständig ist stört mich. Seitens der Arbeitgeber wünsche ich mir mehr Verständnis dafür, dass Väter sich neben dem Beruf auch als Familienvater aktiv engagieren möchten. Auch wenn die Gleichberechtigung in der Arbeitswelt auf gutem Weg ist, werden Frauen noch häufig benachteiligt. Die Männer hingegen werden als Väter nicht immer ernst genommen. Ich geniesse meinen Papitag, auch wenn dies kein freier Tag ist sondern es mit drei kleinen Kindern alle Hände voll zu tun gibt. Ich wünsche mir, im Job und mit der Familie glücklich zu sein und auch ab und zu Zeit für mich und meine Hobbies zu finden.»

Philip Leon
Philip Leon: «Väter sind das böse Beigemüse.»

PHILIP LEON (47), Unternehmer

«Als Mann wünsche ich mir Gleichberechtigung. Auf einer von Skala von 1 bis 10 gebe ich der Schweiz im Familienrecht eine 4, in fortschrittlichem Denken eine 3. Bei Trennungen und Scheidungen ist Willkür an der Tagesordnung. Man argumentiert zwar gerne mit dem Kindeswohl, verfolgt aber politisch motivierte Interessen. Obwohl längst auch wissenschaftlich erwiesen ist, dass Kinder beide Eltern brauchen, werden die Kinder von den Gerichten leider fast ausschliesslich der Kindsmutter zugesprochen. Im Speziellen hat der Bundesrat die Gerichte des Kantons Zürich zwei Mal gerügt und sie aufgefordert, unsere Gesetzesrevision doch bitte auch umzusetzen. Ich bin ein Scheidungskind und habe den Eindruck, seit meiner Kindheit sind wir keinen Schritt weitergekommen. Den Vätern wird nichts zugetraut, sie sind das böse Beigemüse. Meinen Buben gebe ich auf den Weg: Heiratet nie! Meiner Tochter: Bleib immer eigenständig! Im Jahr 2018 über Lohngleichheit zu diskutieren, finde ich schlicht peinlich.»

Benutzer-Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

Verwandte Artikel

Andreas Fischlin

Klimawandel: Das Wohlergehen der Menschheit auf dem Spiel

Susanna Niehaus

Lügen erleichtern das soziale Miteinander

Donald Trump

Erste Bilanz über Donald Trump

Illustration RS

Besseres Leben dank «fremder Richter»