28. Juni 2018

Was ein Mann ist

Neun Männer auf der Suche nach dem Sinn ihres Lebens. Die Buchkritik zum neuen Roman von Shootingstar David Szalay

Buchcover: Was ein Mann ist

«Ich bin nicht mehr jung, hatte er gedacht, mit den Händen im Schoss im Hotel sitzend, den Fussboden anstarrend. Wann ist das passiert?» In seinem vierten Roman «Was ein Mann ist» versammelt der Kanadier David Szalay, der gerade als Shootingstar der britischen Literaturszene gehandelt wird, neun Kurzgeschichten über Männer. Sie sind im Alter zwischen 17 und 73 Jahren und befinden sich alle in einem kritischen Moment ihres Lebens. Sie hadern mit sich selbst und der Welt, sie kämpfen mit der Pubertät, der Midlife-Crisis oder dem Alter. Jeder ist auf einer Reise durch ein Europa ohne Grenzen und auf einer inneren Reise mit vielen Stolpersteinen und inneren Stacheldrahtzäunen.

Ob der Teenager auf einer Interrail-Reise, der französische Taugenichts, der während eines Billigurlaubs auf Zypern seinen sexuellen Phantasien erliegt, der belgische Akademiker, den die Schwangerschaft seiner Affäre aus der Bahn wirft oder der in den Süden ausgewanderte Rentner: Sie alle müssen sich beweisen, bei Frauen oder woran sie sich sonst klammern.

Sie wollen stark sein und erfolgreich, liebenswert oder einfach nur wieder Zeit für sich und ihre Familie haben. Meist sind sie jedoch feige, unbeholfen, eitel, reagieren verzagt, warten ab, gezeichnet von Angst, und manchmal sind sie auch einfach nur widerwärtig. Und doch auch bemitleidenswert und zerbrechlich in ihrer verspäteten Reumütigkeit. Dann, wenn die Fassade bröckelt und ihnen ihre eigene Vergänglichkeit bewusst wird. «Sein Gesicht war schwabbelig, die Augen wie tot. Gerötete Gleichgültigkeit.»

Bei jeder neuen Geschichte muss man sich kurz mental und gefühlsmässig umorientieren. Befindet man sich aber erst einmal mit ihr im Fluss, zieht einen jede einzelne Story auf ihre eigene Art in ihren Bann. Intelligent, feinfühlig, humorvoll und empathisch dringt Szalay in die noch wenig erkundete Psyche des modernen Mannes ein. «… (es) trifft ihn die Erkenntnis wie eine Rakete. Bamm! Das ist es. Das ist alles, was es gibt. Mehr gibt es nicht. Eine stumme Explosion. ... Das ist alles, was es gibt. Kein Witz. Das Leben ist kein Witz.»

Ein Roman, der eigentlich kein Roman ist, aber trotzdem von einem roten Faden, der sich von April bis Dezember, von Teenager bis Greis durch das Buch zieht, zusammengehalten wird. Ein Buch, das durch Realismus besticht; von einem Mann über Männer für Männer. Aber auch für Frauen. Selten, mitunter aber schon, kann ein Roman den Blick auf die Welt ändern. In diesem Fall vor allem ein Blick auf die Welt der Männer, der einem als Frau nun ein bisschen mehr Nachsicht mit dem schwachen Geschlecht walten lässt.

Bei Ex Libris: Was ein Mann ist
Autor: David Szalay
Verlag: Hanser

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