27. Dezember 2018

Was das Wirtschaftsjahr 2019 bringt

Die Mietpreise stabil, die Zinsen leicht steigend, die Altersvorsorge weiterhin eine Baustelle: Der Chefökonom der Migros Bank, Christoph Sax, wagt eine Prognose für den Konjunkturverlauf.

Miet- und Hypothekarzinsen werden sich nächstes Jahr nicht gross ändern, sagt der Migros-Bank-Ökonom (Bild: Unsplash)
Miet- und Hypothekarzinsen werden sich nächstes Jahr nicht gross ändern, sagt der Migros-Bank-Ökonom (Bild: Unsplash)

Christoph Sax, die Migros Bank hat als erste Schweizer Grossbank die Boni für die Mitarbeiter abgeschafft. Wie hat die Belegschaft reagiert?
Ziemlich gelassen, obwohl das für die meisten überraschend kam. Aber da gleichzeitig die Fixlöhne angehoben werden, findet keine Leistungskürzung statt. Hohe Boni schaffen Fehlanreize und können für die langfristige Entwicklung des Unternehmens schädlich sein, wenn die Mitarbeiter zu sehr auf die Erreichung ihrer persönlichen Leistungsziele fokussieren.

Apropos Gelassenheit: Handelsstreit, Brexit, «Gilets Jaunes» – 2018 fehlte es nicht an Drama und Krisen. Täuscht der Eindruck, oder lässt das die Märkte zunehmend kalt?
Lange sah es danach aus, aber in den vergangenen Wochen ist die Stimmung gekippt, obwohl die Weltwirtschaft sich robust entwickelt.

Kommt es nächstes Jahr zum lange erwarteten Börsencrash?

Ein wenig Luft ist ja schon draussen, und darum glauben wir nicht an den grossen Crash 2019. Die Konjunkturrisiken sind jedoch gestiegen. Sollte es zum Beispiel zu weiteren Eskalationen im Handelskonflikt zwischen den USA und China kommen, sind  erneute Rücksetzer nicht auszuschliessen.

Man erwartet, dass die Zentralbanken ihre lockere Geldpolitik beenden und die Zinsen erhöhen werden ...
Das ist richtig, wobei US-Notenbankchef Jerome Powell hat durchblicken lassen, dass er nicht mehr viele Erhöhungen für nötig hält. Unser Zinszyklus hinkt dem der USA ohnehin weit hinterher. Zudem müssen die Leitzinsen der Schweizerischen Nationalbank (SNB) tiefer sein als in der Eurozone, sonst wird der Franken zu stark. Die SNB muss also bei einer Leitzinserhöhung auf die Europäische Zentralbank warten. Und die hat klar signalisiert, dass sie die Zinsen frühestens im Herbst 2019 erhöhen wird.

Was heisst das für Mieter?
Auch der Referenzzinssatz wird aus den genannten Gründen stabil bleiben. Die Mietpreise für bestehende Objekte werden sich nächstes Jahr deshalb nicht gross ändern. In neuen Objekten an dezentraler Lage hingegen werden sie sinken, weil dort zu viel gebaut worden ist und die Leerstände weiter zunehmen.

Und was bedeutet es für die Hauseigentümer?
Festhypotheken mit langer Laufzeit werden 2019 etwas teurer, aber nicht erheblich. Auch Libor-Hypotheken bleiben sehr attraktiv. Die Nachfrage nach Wohneigentum wird dadurch stabil bleiben, und das Preisniveau ebenso. Ich sehe in diesem Segment am wenigsten Risiken. Die Banken sind heute sehr vorsichtig bei der Vergabe von Hypotheken und wenden einen kalkulatorischen Zins von 4,5 bis 5 Prozent an. Wer sich einen solchen Zinssatz nicht leisten kann, erhält keine Finanzierung.

Christoph Sax, Chef-Ökonom der Migros Bank, prognostiziert für 2019 eine solide Schweizer Wirtschaft (Bild: Nik Hunger).
Christoph Sax, Chef-Ökonom der Migros Bank, prognostiziert für 2019 eine solide Schweizer Wirtschaft (Bild: Nik Hunger).

Sind Zinsen von bis zu 8 Prozent wie Ende der 1980er-Jahre noch vorstellbar?
Das ist die grosse Frage. Die globalen Schulden notieren auf Rekordstand, und diese Schulden können nie zurückgezahlt werden. Sollte es wieder zu einem solchen Zinsniveau kommen, wird es richtig ungemütlich: Es würde zu einer globalen Finanzkrise führen. Ich halte Zinsen von acht Prozent allerdings für kein realistisches Szenario, weil die Globalisierung inflationshemmend wirkt. Die Zinsen werden aber steigen, und das müssen sie auch.

Warum?
Um Fehlanreize im Finanzsystem zu beseitigen. Das Tiefzinsumfeld fördert Fehlinvestitionen und die Blasenbildung bei Aktien. Ausserdem belastet es die Vorsorgewerke, weil die tiefen Zinsen die Anlageerträge schmälern. Das zweite Problem ist demografischer Art: Die Gesellschaft altert, wir leben immer länger, und die ­bestehenden Renten sind langfristig nicht finanzierbar. Kommende Generationen müssen mit Kürzungen rechnen. Umso wichtiger wird die private Vorsorge über die dritte
Säule.

Bislang galt: Staatliche und berufliche Vorsorge zusammen reichen.
Dieses Prinzip ist gefährdet. Bei der AHV wird uns die geplante Reform noch mal Luft für vier weitere Jahre geben, mehr aber nicht. Auch bei der beruflichen Vorsorge gibt es Handlungsbedarf. Es wird darauf hinauslaufen, dass man die Beiträge erhöhen muss, vermutlich sowohl auf Arbeitnehmer- als auch Arbeitgeberseite. Man muss heute mehr zur Seite legen, über welche Kanäle auch immer. Wir leben länger und beziehen deshalb länger Rente, haben jedoch eine schlechtere Verzinsung.

Mit der alternden Bevölkerung ist auch ein chronisch unterfinanziertes Gesundheitswesen verbunden.

Ein sehr schwieriges Dossier, an dem sich mancher Bundesrat die Zähne ausgebissen hat. Der Reformstau ist hoch. Das System enthält kaum Sparanreize. Wir geben immer mehr vom Lohn für die Gesundheit aus – ein Trend, der seit 20 Jahren anhält

Was passiert, wenn wir nichts tun?
Privathaushalte werden stärker belastet, aber auch die Staatsausgaben: höhere Beiträge an Spitäler, Prämienverbilligungen und Finanzierung von Langzeitpflege. Besonders bei Letzterer beginnt die demografische Entwicklung zu wirken.

Gibt es auch Lichtblicke in der Schweizer Volkswirtschaft?
Auf alle Fälle. Wir haben den Frankenschock gut verdaut und an Wettbewerbsfähigkeit gewonnen. Die Schweizer Wirtschaft steht solide da, auch wenn sich das Umfeld verschlechtert. Das Problem ist aber, dass wir seit der Finanzkrise mehrheitlich in die Breite gewachsen sind. Die Wirtschaftsleistung ist zwar gestiegen, aber hauptsächlich, weil wir mehr Arbeitnehmer haben. Das ist vor allem auf die Zuwanderung zurückzuführen. Pro Kopf gerechnet, hat sich da nicht so viel getan.

Und woran liegt das?
Viele Branchen in der Schweiz werden indirekt oder direkt vom Staat geschützt. In diesen überregulierten Sektoren verzeichnen wir kaum Produktivitätswachstum. Hier müssten wir liberalisieren. Die Industrie bildet eine Ausnahme, sie ist produktiver geworden.

Wie gut ist die Schweiz für die Digitalisierung aufgestellt?
Ich denke, wir sind nicht ganz so modern, wie wir meinen. Eine Kollegin in Schanghai, mit der ich mehrere Referate gehalten habe, sagt klar, China sei viel weiter. Ein Beispiel: In fast jeder Strassenküche kann man kontaktlos bezahlen. Ich finde, wir sollten uns auf die Chancen freuen, die die Digitalisierung mit sich bringt.

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