09. Dezember 2017

Warum wir das Weihnachtsfest feiern, wie wir es feiern

Warum beschenken wir uns an Weihnachten? Warum ist Fondue chinoise ein beliebter Klassiker? Und warum läuft das Fest in vielen Familien jedes Jahr nach dem gleichen Muster ab? Der Weihnachtsexperte und Liturgiewissenschaftler Guido Fuchs hat ein paar überraschende Antworten parat.

Weihnachtsexperte und Liturgiewissenschaftler Guido Fuchs hinter einem Weihnachtsbaum.
Guido Fuchs hält sich bedeckt, wenn es um Tipps zu Weihnachten geht. Einen Hinweis hat er trotzdem: «Bloss nichts Aufgesetztes. Das führt garantiert zu Unbehagen.»

Guido Fuchs, warum feiern wir Weihnachten?

Für die Christen ist Weihnachten natürlich das Geburtsfest Jesu Christi. Aber viele feiern das Fest heute auch einfach, weil es da ist. Man kommt ja nicht dran vorbei. Weihnachten ist überall.

Was verbinden die Leute denn heutzutage noch mit diesem Fest?

Es lassen sich damit ganz verschiedene Motive verbinden: Friede, Liebe, Familie. Viele geniessen auch einfach nur ein gutes Essen im trauten Kreis.

Die religiöse Feier anlässlich der Geburt Jesu Christi ist zu einem Familienfest geworden. Wie kam es dazu?

Das ist noch relativ jung. Vor rund 200 Jahren trat an die Stelle der Grossfamilie mit Gesinde zunehmend die Kleinfamilie und ein geordnetes Familienleben, für das hauptsächlich die Mutter Sorge trägt. Wie schon Friedrich Schiller (1759–1805) in seinem Gedicht «Das Lied von der Glocke» schreibt: «und drinnen waltet die züchtige Hausfrau, die Mutter der Kinder, und herrscht weise im häuslichen Kreise».

Das heisst, weil in der Biedermeier-Zeit die Frauen am Herd standen, feiern wir Weihnachten heute als Familienfest?

So würde ich das nicht gerade sagen. Aber es hat sich sicher gegenseitig beeinflusst. Dieses Familienmodell konnte man sich zunächst auch nur in gehobenen Kreisen leisten. Auch das Weihnachtszimmer mit geschmücktem Weihnachtsbaum entstand in bürgerlichen Stuben – und wurde erst viel später von der grossen Masse übernommen.

Sie haben im Abstand von 15 Jahren zwei Umfragen zu Weihnachten durchgeführt. Was hat sich von 2002 bis 2017 verändert?

Es handelt sich dabei nicht um eine sozialwissenschaftliche Studie, darum gibt es keine harten Fakten. Mir ging es eher um eine Beschreibung des Heiligabends und seiner Geschichte. Aber in der Tendenz lässt sich ablesen: Weihnachten wird heute fröhlicher gefeiert und weniger auf den engen Familienkreis bezogen. Wahrscheinlich haben wir uns von anderen Kulturen inspirieren lassen. Man isst auch viel internationaler. Überhaupt ist das Essen zentraler geworden.

In der Schweiz ist ein Klassiker an Weihnachten Fondue chinoise.

Fondue, egal ob mit Fleisch oder Käse, kam in Deutschland in den 1960er-Jahren auch auf. Das gemeinsame Essen aus einer grossen Schüssel hat etwas sehr Verbindendes, das hat sich interessanterweise an hohen Festen lange gehalten. So passt dieses Gericht sehr gut für Weihnachten.

In Ihrer Umfrage berichten manche Leute, dass sie vor allem wegen der Kinder Weihnachten feiern. Warum wohl?

Das hat sicher viel mit den eigenen Erfahrungen als Kind zu tun. Hat man Weihnachten positiv erlebt, hatte man das Gefühl, geliebt zu sein. Das ist etwas Schönes, und das möchte man an die eigenen Kinder weitergeben.

Der Baum, das Essen, die Bescherung, die Lieder: In vielen Familien gibt es rund um den Heiligabend Rituale, die ganz genau befolgt werden. Warum ist das so?

Das Fest an Heiligabend hat seinen Ursprung eigentlich in einer protestantischen Hausandacht. Die Reformation sieht im Vater das geistliche Oberhaupt der Familie. Er hat die Aufgabe, die Kinder im Glauben zu erziehen. Er las in der Andacht das Evangelium vor, leitete die Familie zu Gebeten und Liedern an. All das fand auch an Heiligabend statt und bekam eine feste Gestalt.

Und darum gibt es rund um Weihnachten immer noch so viele Rituale?

Genau. Teilweise sind sie noch religiös geprägt, oft auch nicht. Die Gedichte etwa, die es vielfach aufzusagen gilt, entstammen dem Brauch, dass die Kinder in der Adventszeit biblische Verse lernen und am Heiligen Abend aufsagen sollten. Loriot karikiert das in «Weihnachten bei den Hoppenstedts». Der Sketch endet damit, dass das Kind, als es endlich sein Gedicht aufsagen soll, nur noch sagt: «Zickezacke Hühnerkacke.»

Aber warum halten wir so an diesen Ritualen fest?

Vielleicht weil wir sie brauchen. Wir leben in einer flüchtigen Zeit, alles verändert sich ständig. Rituale hingegen bleiben und verleihen damit Sicherheit. Wenn wir uns sicher fühlen, fühlen wir uns eher geborgen – und das Gefühl der Geborgenheit wiederum ist an Weihnachten besonders wichtig.

Gerade junge Familien oder alleinerziehende Eltern fragen sich, wie sie Weihnachten sinnvoll begehen könnten.

Vielleicht ist das der Grund, warum an Weihnachten die Kirchen voller sind als sonst. Manche suchen in dem allgemeinen Weihnachtstrubel noch nach einem tieferen Sinn, nach der eigentlichen Bedeutung. Das blosse Festhalten an den Ritualen reicht da nicht aus.

Nicht immer kann oder möchte man das übernehmen, was man aus der eigenen Kindheit kennt. Haben Sie Tipps, wie man seine eigenen Rituale entwickeln kann?

Nein, ich hüte mich davor, Tipps zu geben. Da muss jeder für sich etwas Eigenes suchen. Der einzige Tipp, den ich geben kann: Bloss nichts Aufgesetztes machen. Das führt garantiert zu Unbehagen.

Aber gibt es Leitplanken, an denen man sich bei der Suche nach neuen Ritualen orientieren kann?

Sie sollten sich fragen: Was will ich meinem Kind mitgeben? Will ich ihm das Gefühl von Geborgenheit vermitteln? Will ich ihm etwas Religiöses oder Spirituelles auf den Weg geben? Werden Sie sich klar über Ihre eigenen Werte und was Ihnen wichtig ist.

Sind aufgesetzte Rituale auch der Grund, warum es an Weihnachten oft Streit gibt?

Das kann ich mir durchaus vorstellen. Mit den Ritualen hängen auch Erwartungen zusammen, die Eltern erwarten oft bestimmte Reaktionen von ihren Kindern. Sie sollen sich freuen und das Fest bloss nicht stören, etwa durch ein Coming-out oder so etwas Ähnliches – auch wenn die Gelegenheit eigentlich gut wäre, wenn schon mal alle zusammensitzen.

Was hat es eigentlich mit der Bescherung auf sich?

Die religiöse Erklärung ist: Gott schenkt uns seinen Sohn. Also gibt es an Weihnachten Geschenke. Aber das ist nicht die einzige.

Was wären die anderen?

Weihnachten war lange zugleich der Beginn des neuen Jahres. Bereits in der Antike beschenkte man sich zu Neujahr. Ein weiterer ganz alter Grund ist, dass man die Armen an der Festfreude teilhaben lassen wollte. Bis heute gibt es ja viele Spendenaktionen in dieser Zeit. Eine andere Herleitung für die Geschenke ist der Nikolaustag. Früher stellte man am Vorabend des 6. Dezember einen Schuh vor die Tür, der über Nacht vom heiligen Nikolaus gefüllt wurde. Mit der Reformation ging der Beschererbrauch dann zu Weihnachten über.

Auf die Frage «Was bedeutet für Sie das Weihnachtsfest?» sagen in einer Umfrage des Allensbacher Instituts für Demoskopie 35 Prozent der Befragten: «Stress». Warum setzt uns das Fest so unter Druck?

Weihnachten ist eigentlich wie ein riesiger Orgasmus. Wochenlang wird man eingestimmt, dann entlädt sich das Fest in ein paar Stunden. Diese lange Vorbereitungszeit generiert hohe Erwartungen: Das Essen soll fein sein, die Geschenke toll,die Stimmung super – da kann vieles schiefgehen.

Am 1. Dezember öffnet man in der Regel das erste Türchen am Adventskalender, dann kommt der Samichlaus, und später gibt es die Weihnachtsguetsli.

Wir haben das Warten verlernt und machen den Advent zur Vorweihnachtszeit. Dabei war diese bis vor 100 Jahren noch eine sehr strenge Zeit, eine Buss- und Fastenzeit. Ich selber bin noch damit aufgewachsen, dass es in der Adventszeit keine Süssigkeiten gab.

Wie feiern Sie selber Weihnachten?

Wir feiern erst am 25. Dezember, weil ich jeweils am Heiligen Abend und Vormittag musikalisch tätig bin, inzwischen auch mit der Familie als kleinem Chor. Erst wenn alle Gottesdienste gespielt sind, haben wir die Zeit und die Ruhe zu feiern.

Was gibt es bei Ihnen am Weihnachtstag zu essen?

Ein Buffet mit Fingerfood, sodass alle etwas finden, was sie mögen, und man ganz ungezwungen zusammensitzen kann.

Was war Ihr bisher schönstes Weihnachtserlebnis?

Letztes Jahr sind wir nach dem Gottesdienst noch nach Hannover gefahren. Da gibt es seit vielen Jahren an Heiligabend um 23 Uhr eine Andacht in der Bahnhofshalle, zu der ein Posaunenchor mit rund 80 Bläsern spielt – ein Klang, der tief ins Herz geht und es anrührt, vor allem wenn die Trompetenstimme hoch hinauf an die Hallendecke steigt. Die Menschen singen mit, wie sie können, auch manche mit einem Bier in der Hand. Inmitten der zugigen Bahnhofshalle, in der Menschen von den Gleisen kommen oder zu den Zügen hasten, eine singende Insel der Heiligen Nacht. Man ist sich fremd und doch ganz nah.

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