27. Juli 2018

Warum spricht man nicht überall die gleiche Sprache?

Journalistin Gabriela Bonin beantwortet Kinderfragen. Diesmal möchte Donat (10) aus Luzern wissen, warum es auf der Welt nicht nur eine Sprache gibt.

Schriftzug: Warum spricht man nicht überall die gleiche Sprache? cht man nicht überall die neue sprache?

Weil Sprache lebt. Sie fliesst wie ein Fluss, verzweigt sich, schlägt immer wieder neue Richtungen ein. Heute werden weltweit rund 7000 Sprachen gesprochen. Es mag sein, dass sie aus einer einzigen Quelle stammen. In dieser Frage sind sich die Sprachforscher nicht einig.

Ziemlich sicher aber ist: Alle Sprachen haben bestimmte Gemeinsamkeiten. Das hat mit den menschlichen Artikulationsorganen zu tun, also mit dem, was wir mit Zunge, Mund und Stimmbändern überhaupt anstellen können. Zudem setzt uns das Kurzzeitgedächtnis gewisse Grenzen.

Nehmen wir an, es gab mal eine Ursprache, die alle Menschen sprachen. Nun schau mal bei dir selbst, was dann passieren würde: Du redest mit deinen Kollegen anders als mit deinen Eltern. Ihr verwendet eine Kinder- oder Jugendsprache, die euch von den Erwachsenen abgrenzt – eine Art Geheimsprache.

In meiner Familie erfinden wir auch immer wieder Wörter, die nur wir fünf verstehen. Jede Gemeinschaft entwickelt eigene Formulierungen, Betonungen und Akzente. Im Dorf nebenan sprechen die Leute bereits ein wenig anders, als da, wo man gerade lebt: So entwickeln sich Dialekte. Daraus wiederum können Sprachen entstehen. Schon ist alles im Fluss. Dabei können auch Nebenarme «austrocknen» und Sprachen aussterben. Es ist ein ständiges Werden und Vergehen.

In der Muttersprache sind wichtige Erinnerungen an die Kindheit verwoben

Balthasar Bickel
Balthasar Bickel (52) ist Linguistik-Professor (Sprachforscher) an der Universität Zürich und Vater von zwei Töchtern. Er beobachtet, wie sich Sprachen verändern und was das für Auswirkungen auf die Menschen hat.

Wörter und ganze Sprachen gehen verloren, neue entstehen. War das immer schon so?

Ja, das macht Sprache aus. Sie entwickelt und verändert sich seit jeher. Wir sagten in meiner Jugend noch «tschent», heute sagt man «cool». Das ist völlig normal. Wenn Wörter oder gar ganze Sprachen verloren gehen, kann das aber gewissen Menschen sehr wehtun.

Warum?

Unsere Sprache gehört sehr eng zu uns. In unserer Muttersprache können wir uns am besten ausdrücken. In ihr sind wichtige Erinnerungen an die Kindheit verwoben. Wenn man sie verliert, kann man sich einsam und verloren fühlen.

Derzeit sterben immer mehr Sprachen und Dialekte aus. Welche Folgen hat das?

In der Schweiz kämpft das Rätoromanische ums Überleben. In Nepal gab es zum Beispiel über 100 Sprachen. In den letzten 50 Jahren gingen dort viele Sprachen verloren. Sie wurden von einer Nationalsprache verdrängt. Das führte zu grossen Spannungen unter den Leuten und zu politischen Problemen. Diese entluden sich zum Teil auch im Bürgerkrieg, den es in Nepal in den 2000er-Jahren gab.

Wäre es möglich, dass die Menschen eine einzige Weltsprache entwickeln?

Nein, das wird nie klappen, eben gerade weil sich Sprache ständig verändert. Nehmen wir das Beispiel Englisch. Das ist derzeit die wichtigste Weltsprache, aber in Neuseeland spricht man bereits ein ganz anderes Englisch als in den USA. Wenn sich diese Varietäten sprich Veränderungen stetig weiter auseinanderentwickeln, werden neue Sprachen entstehen.

Videos und Infos im Internet

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