03. Mai 2018

Warum es innovative Bibliotheken braucht

Müssen Zweijährige wirklich schon Bücher lesen können? Die Expertin winkt ab: Wichtig ist, die sprachliche Entwicklung von Kindern zu fördern. Dafür lassen sich Schweizer Bibliotheken so einiges einfallen.

Bei Gisela Jäggli in der Bibliothek Spiez sind auch kleine Kinder willkommen.
Bei Gisela Jäggli in der Bibliothek Spiez sind auch kleine Kinder willkommen.

Wir wollen keine Frühleser heranzüchten

Barbara Jakob
Barbara Jakob (51), ist beim Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien (Sikjm) zuständig für Leseförderung im Frühbereich. Sie arbeitet beim Projekt «Buchstart» mit, das das Sikjm und die Stiftung Bibliomedia vor zehn Jahren gemeinsam lancierten.

Barbara Jakob, welche Idee steckt hinter dem Projekt «Buchstart»?

Zum einen wollten wir die Eltern sensibilisieren, damit sie mit ihren Kindern Verse und Geschichten erzählen und damit schon früh spielerisch ihre sprachlichen Fähigkeiten fördern. Zusammen mit der Stiftung Bibliomedia haben wir Buchstart lanciert und zu Anlässen angeregt für die Kleinsten in den Bibliotheken, damit diese auch einem jungen Publikum zugänglich werden.

Früher galten Bibliotheken ja als fast heilige Orte der Stille und Konzentration.

Ja, deshalb stiessen wir anfangs mit unserem Projekt auf Widerstand: Viele Bibliothekarinnen wehrten sich heftig dagegen, auf einmal laute und störende «Windelfudis» in ihre Räume zu lassen. Der Wandel in den letzten zehn Jahren ist jedoch enorm: Inzwischen sind auch die Allerkleinsten in den meisten Bibliotheken willkommen. Heute steht sogar vor manchen Bibliotheken ein ganzer Kinderwagenpark, was zuvor viel Stirnrunzeln ausgelöst hätte.

Sollen also schon die Kleinsten aufs Lesen getrimmt werden?

Nein, wir wollen auf keinen Fall zweijährige Frühleser heranzüchten. Dennoch: Bildung fängt nicht erst am ersten Schultag an, sondern schon vorher im familiären Umfeld. Vor allem hoffen wir, dass immer mehr Eltern Freude bekommen, mit ihren kleinen Kindern spielerisch Sprache zu erleben, und diese dadurch schon früh entdecken, dass zwischen Buchdeckeln viel Spass stecken kann.

Stellen Sie einen Erfolg fest?

Ob die Kinder durch «Buchstart» tatsächlich sprachlich gewandter werden, ist schwer messbar. Aber aufgrund von verschiedenen Evaluationen erkennen wir eine deutliche Veränderung in der Haltung der Eltern: Solche Anlässe zeigen ihnen, dass die Bibliothek ein Ort ist, wo sie mit ihren Kindern sein dürfen. Sie erhalten Anregungen und lernen, Geschichten für ihre Kinder zu nutzen. Und für mich fast der wichtigste Effekt: Viele Eltern entdecken das alte Versgut dank «Buchstart» neu, das ist für uns ein Erfolg.

Warum gerade Verse?

Kinder lernen Sprache zusammen mit Rhythmus, Bewegung und Melodien viel besser, darum sind Kinderverse und Kinderlieder so sinnvoll. Zudem sind viele Verse kleine Geschichten. Wenn die Eltern zudem mit ihren Kindern auch mal ein Bilderbuch betrachten, ist das der beste Weg, ihnen Freude an der Sprache zu vermitteln.

Genügt dafür ein Geschichtenanlass alle paar Monate?

Eine gewisse Regelmässigkeit ist sinnvoll, ideal wäre ein Anlass jeden Monat. Aber auch wenn die Anlässe weniger oft stattfinden: Die Wirkung dauert an, wenn Eltern oder Grosseltern zwischendurch zu Hause mit den Kindern singen und ihnen Verse oder Geschichten erzählen.

Benutzer-Kommentare

Mehr zum Thema

Kinder lesen ...