15. September 2017

Wanderung ins Blau-Grüne

Viele Wege führen durch den Aargau. Ein besonders schöner ist der von Bremgarten nach Mellingen.

Die Reuss ist steter Begleiter auf dieser Wanderung
Die Reuss ist steter Begleiter auf dieser Wanderung
Lesezeit 4 Minuten

Verschlafen liegt Bremgarten AG in der milden Spätsommersonne da. Garantiert wäre es schön, an diesem stillen Sonntagmorgen in einer Altstadtgasse einen Kaffee zu schlürfen und den Blick auf die prächtigen, farbigen Hausfassaden zu geniessen. Doch wir schreiten vom Bahnhof rasch durch das kuschelige mittelalterliche Städtchen, direkt hinunter zur Reuss. Das glasklar dahinplätschernde Wasser ist erstes Ziel und steter Begleiter auf der heutigen Strecke.

Unsere leichte Wanderung dem Ostufer der Reuss entlang bildet eine Etappe des Aargauer Wegs , der insgesamt 103 Kilometer und zwölf mittelalterliche Städtchen von Frick bis Muri umfasst. Zwei davon begrenzen unsere heutige Strecke. In Mellingen wollen mein Begleiter und ich das Reussufer verlassen und wieder den Zug nach Hause besteigen.

Wir starten im Halbschatten von lichten Wäldchen und üppigen Ufersträuchern – und kommen flott voran. Die Luft ist noch frisch und kühl, das Wandervolk spärlich vertreten. Praktisch ohne Gegenverkehr geniessen wir den Blick auf die Reuss linker Hand und auf die wechselnde Szenerie rechts: Offene Felder werden von blumenübersäten Böschungen abgelöst und diese von kleineren und grösseren Baumgruppen. Die Wege verlangen nichts mehr als feste Trekkingschuhe, mit Vorteil sollten die aber gut imprägniert sein: Nach einer regnerischen Nacht ist die eine oder andere Pfütze oder matschige Stelle zu durchqueren. Ansonsten ist der Boden trocken und über weite Strecken wunderbar leicht federnd.

Route Cannobio-Verbania

Die Route (rot), auch als PDF zum Download (1500 x 1000 px / © swisstopo)

Die Reuss windet sich hier wie eine Schlange durch die Landschaft, und wir folgen jeder Schlaufe, obwohl es mehrere Abkürzungen querfeldein gäbe. Es wäre aber schade, sie zu nehmen. Hie und da gleitet ein Vogel durch die klare Luft und ein Wassersportler über den Fluss. Sogar ein paar unerschrockene Stand-up-Paddler sind zu sehen. Wir wünschen ihnen Standhaftigkeit, die Reuss ist jetzt kühl und lädt nicht mehr zum Bade.

Nach etwa eineinhalb Stunden meldet sich ein Hüngerlein; jetzt wärs schön, einen Kaffee und eine Knabberei serviert zu bekommen. Und siehe da: Wie gerufen thront auf dem Uferdamm klein und herzig eine Bäsebeiz. Ein einziges Tischchen ist zu sichten, dort schnetzelt ein Herr – ist es der Wirt? – vergnügt an Wurst und Brot herum. Ob man sich dazusetzen darf und was es denn so gibt, fragen wir. Und ernten ein fröhliches Lachen sowie – leider einen Korb. Denn der Herr, stellt sich heraus, ist ein Fährmann in der Pause. Und tatsächlich liegt da am Ufer vertäut «Franziska II», die Fähre, die von April bis Oktober Passagiere ans Westufer befördert. Anmelden kann man sich dafür beim Restaurant Fahr in Sulz .

Wir singen leise «Don’t pay the ferryman» vor uns hin und wandern am Ostufer weiter – unverpflegt, aber guter Dinge. Schliesslich haben wir ein Picknick dabei, und die idyllische Umgebung verspricht jede Menge lauschiger Plätze dafür. Nur wenige Minuten später würde dann doch ein Restaurant zum Einkehren verlocken: Das Rüssstübli auf dem Campingplatz Sulz hat noch bis Ende Oktober geöffnet.

Wir aber suchen weiter und werden wenig später fündig: Zwischen Weg und Reussufer breiten wir unsere Decken aus und verspeisen mit Blick aufs blaugrüne Wasser Sandwiches, Früchte und Süssigkeiten. Gelegentlich blitzt die Sonne durchs Blätterdach und lullt uns ein. Ein kurzes Nickerchen, und wir brechen wieder auf.

Der Fluss verläuft nun etwas gerader, und der Weg steigt durch waldiges Gebiet leicht über die Uferhöhe an, bis auf einer Lichtung der Blick hinunter auf die Reuss und die wildromantische Umgebung frei wird. Mit seiner Feuerstelle, Tischen und Bänken ist dieser Aussichtspunkt eine beliebte Raststelle, es ist an diesem Tag mit sechs Menschen der meistbevölkerte Ort der ganzen Strecke.

Eine gute halbe Stunde später verführt noch einmal eine Brücke dazu, das Ufer zu wechseln: Drüben lockt das Restaurant Gnadenthal beim ehemaligen gleichnamigen Kloster. Wir widerstehen auch diesmal und bleiben der Ostseite der Reuss treu. Ein paar Wolken ziehen nun auf, das Wasser des Flusses nimmt einen türkisfarbenen Ton an. Und dann gehts nochmals ein klein wenig bergauf, über Stock und über Stein durch schattigen Wald und wieder an weiten Wiesen entlang. Ein Getreidefeld leuchtet golden in der Sonne, und immer wieder schimmert die Reuss in Grün- und Blautönen. Etwa auf der Höhe Tägerig – aber wer weiss das schon genau, wir wähnen uns weit weg von der Zivilisation – spähen wir etwas genauer aufs Wasser. Denn ennet der Reuss ist eine helle Felswand zu sehen, und scheints soll es ja an der Reuss Eisvögel geben, besonders an Stellen mit steilen Wänden. Wir sehen leider keinen.

In Mellingen AG nehmen wir in der prallen Sonne die letzte Steigung und ächzen durch ein Wohnquartier hinauf zum Bahnhof Mellingen Heitersberg. Dort angekommen, reisst uns die Realität schlagartig aus dem Panta-Rhei-Feeling unserer kleinen Wanderung heraus. Die S3 in Richtung Wetzikon ZH haben wir um eine knappe Minute verpasst, die nächste fährt in einer Stunde. Zum Glück kommt bald ein Bus, der uns über Baden AG näher zu unserem Zuhause bringt. Auch gut. Aber das nächste Mal studieren wir den Fahrplan etwas früher und verbringen die Wartezeit da unten an der Reuss in Mellingen: Garantiert auch schön!

Geeignet für Naturliebhaber, die nicht gerne streng und steil wandern.
Höhepunkt: Aussichtspunkt zwischen Sulz und Gnadental
Pause: Feuer- und Raststelle zwischen Sulz und Gnadental
Dauer: 3 Std. 30 Minuten ohne Pausen (14 Kilometer)
Höhenmeter (bergauf):210 m

Trümpfe Cannobio-Velotour

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