26. November 2018

Waldemar Krupski coacht aus Dakar Schweizer Familien

Dank dem Internet spielt der Arbeitsort des Urners keine Rolle mehr. Er berät online Schweizer Familien mit Pflegekindern, besonders solche in abgelegenen Regionen.

Waldemar Krupski in Dakar
Der Familienberater Waldemar Krupski in Dakar. Von hier aus betreut er über das Internet Pflegefamilien in der ganzen Schweiz.

Dakar. Es ist heiss und stickig, auf den sandigen Strassen von Senegals Metropole kämpfen Autos, überfüllte Busse, Pferdekarren, Händler und Fussgänger um jeden Zentimeter. Am Strassenrand liegen Schafe, eine Frau verkauft auf einem wackligen Holztisch Gemüse. Waldemar Krupski ist auf dem Weg nach Hause. Seit einem Jahr lebt der Urner in der Vier-Millionen-Stadt. Das Amt seiner Frau, sie ist die Schweizer Botschafterin, brachte ihn hierher.

Rain, ein Dorf im Seetal. Der Hof der Familie Schüpfer liegt weitab vom Kantonshauptort Luzern. Die Nachbarn sieht man kaum. In der Ferne erkennt man die Rigi. Es ist ruhig, von den 6500 Hühnern, die zum Hof gehören, ist kaum ein Gackern zu vernehmen. Schön geordnet reiht sich Birnbaum an Birnbaum.

Obwohl sich die Welten, in denen die Familie Schüpfer und Waldemar Krupski leben, radikal unterscheiden, sind sie miteinander verknüpft. Krupski ist seit Anfang Jahr Coach der Familie, die seit 15 Jahren Pflegekinder aufnimmt – bisher rund 30. Sie stehen regelmässig online in Kontakt. Für das Pflegekind ist ein Sozialpädagoge verantwortlich, der in der Regel ein Mal pro Woche nach Rain kommt.

Waldemar Krupski am Computer
Arbeit am Coaching-Programm: Waldemar Krupski stellt am Bildschirm Alltagssituationen mit Pflegekindern nach.

Bei Krupski steht die Pflegefamilie im Mittelpunkt. «Man nimmt sich bewusst Zeit, über sich und sein Umfeld zu reden», sagt Urs Schüpfer. Doch wie kommt eine Bauernfamilie aus Luzern dazu, sich aus dem Senegal beraten zu lassen? Das Coaching durch Krupski wird von der Firma Subito Kriseninterventionen, die Pflegekinder platziert und begleitet, ermöglicht. Schüpfer war von der Idee einer Internetberatung sofort begeistert, obwohl er «kein Computertyp» sei. Ein Berater aus Senegal betrachte ein Anliegen anders als einer, der nebenan wohne.

Probleme visuell darstellen

«Waldemar Krupski kommt von aussen und kennt unsere Situation nicht, deshalb muss man alles erklären. Das allein bringt schon einen Denkprozess in Gang», sagt Irène Schüpfer. Die Technik und der Online-Kontakt seien ungewohnt, aber sie vereinfachen vieles. Man öffne sich schneller und gebe mehr preis als in einem herkömmlichen Gespräch.

Wer sich online beraten lässt, kann dies in den eigenen vier Wänden tun. Ein entscheidender Vorteil. Für Bauern wie die Schüpfers wäre es fast unmöglich, jede Woche zu einem Coach zu fahren. Dasselbe gilt für die anderen fünf Familien aus der ganzen Schweiz, die Krupski betreut.

Bei der Beratung kommt ein Programm zum Einsatz, das speziell für das Online-Coaching entwickelt wurde. Die Kunden bestimmen, ob sie mit Krupski sprechen wollen – mit oder ohne Video – oder ob sie nur schriftlich kommunizieren möchten. Mithilfe von Bildern und Figuren visualisieren sie gemeinsam ihr Anliegen. Diese Form ist ausdrucksstark, es kann sein, dass sich in einer Eislandschaft der Teufel und ein Pirat begegnen. Die Beratungsdaten werden anonym und verschlüsselt der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) übermittelt, wo sie bezüglich Wirksamkeit der Beratung ausgewertet werden.

Krupski ist von der Methode so begeistert, dass er sie in Fachkreisen bekannt machen will, insbesondere für die Jugendarbeit. Will man die Jungen abholen, muss man ins Netz. «Bei traditionellen Beratungsangeboten ist bereits viel Geschirr zerschlagen, bevor sich Jugendliche Hilfe holen», sagt der Coach. Könnten sie sich online melden, würden sie sich früher beraten lassen.

Unkompliziert und niederschwellig

Online durchgeführte Beratungen und Therapien sind im Aufwind. Gemäss der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) gibt es Berater, die auf einzelne Formen wie Mail, Chat oder Video setzen. Andere wie Krupski verwenden ein spezielles Programm.

Irène und Urs Schüpfer
Die Pflegeeltern Irène und Urs Schüpfer in ihrem grünen Zuhause in Rain LU.

«Die Online-Interventionen sprechen auch Personen an, die sonst keine Beratung in Anspruch nehmen würden, weil sie sich schämen oder an abgelegenen Orten wohnen», sagt Jean-Baptiste Mauvais, Projektleiter des FSP-Projekts «Online­Interventionen». Die Kontaktaufnahme sei unkompliziert und niederschwellig. In akuten Krisensituationen stosse Online-Beratung hingegen an Grenzen. Dann könne nicht angemessen reagiert werden.

So wirksam wie klassische Beratung

Einige Therapeuten zweifeln jedoch, ob die Web-Angebote etwas nützen. «Studien haben aber gezeigt, dass Online-Beratungen und -Therapien genauso wirksam sind», erklärt Hansjörg Künzli, Co-Leiter der Fachgruppe Diagnostik und Beratung am Departement Angewandte Psychologie der ZHAW. Ist es für Berater schwieriger, eine Beziehung zu Klienten aufzubauen, wenn er ihnen nicht persönlich gegenübersitzt?

Die erfahrenen Berater hätten anfangs Mühe, weil sie nicht mehr gleich intuitiv vorgehen können und die Körpersprache ihrer Klienten meist nicht sichtbar ist. Daran gewöhne man sich aber und achte beispielsweise mehr auf die Stimme des Gegenübers. Mit der Zeit erkenne man auch Vorteile im Online-Kontakt: So konzentrieren sich die Klienten laut Künzli oft mehr auf das Thema als auf den Berater.

Als Krupski zum ersten Mal von Online-Coaching hörte, war er genauso skeptisch wie viele Kollegen. Der Sozialpädagoge und Familienberater erlebt Menschen gern in ihrem Umfeld. «Aber dann hat es mir den Ärmel reingenommen.» Die Beratungen fordern seine ganze Konzentration, die Sinne sind stets geschärft.

Hinzu kommt, dass die Online-Beratung perfekt zu seinem Lebensstil passt, da seine Frau im diplomatischen Dienst arbeitet. Krupski kümmert sich neben den Coachings um die drei Kinder. Alle paar Jahre zieht die Familie an einen neuen Ort. In den vergangenen Jahren haben sie auf vier Kontinenten gelebt – von Washington über Neuseeland bis Berlin.

Ein Bergler geblieben

Und nun Dakar. Aber ein Nomade, nein, das sei er nicht, betont der 54-Jährige. Seine Familie lebt seit Generationen in der Innerschweiz, Zürich lag für ihn als Kind weit weg. Erst mit 17 Jahren reiste er erstmals ins Ausland, mit 21 Jahren zum ersten Mal in einem Flugzeug. «Ich bin immer noch ein Bergler, ein Urner. Auch nach Jahren im Ausland bleibe ich in der Schweiz verankert.»

Auch sein Beratungsstil hat sich in Afrika nicht verändert. Aber der Aufenthalt prägt. Er ist gelassener geworden, entschleunigter. Durch die Distanz sieht er Probleme in der Schweiz mit anderen Augen.

Schliesst er die Tür zu seinem Büro, lässt er das chaotische Treiben in Dakar draussen: «Ich kann in die Welt meiner Klienten eintauchen, wo auch immer ich bin.» So trifft er sich mit Irène und Urs Schüpfer, die gerade im Seetal vor dem Laptop sitzen. Nur die Palmen vor dem Fenster erinnern in dem Moment daran, wo er gerade ist.

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