14. September 2015

Islam: Vorurteile und Ängste

Wir haben vier Experten mit typischen Aussagen von Islamgegnern konfrontiert. Bei den Einschätzungen sind sie sich nicht immer einig.

Politologin Elham Manea
Sie nehmen zu häufigen Vorurteilen und Ängsten gegenüber dem Islam in der Schweiz Stellung: Die jemenitisch-schweizerische Politologin Elham Manea, ...

Der Islam ist eine Kriegsreligion und auf Eroberung aus. Wir befinden uns schon jetzt in einem Kulturkampf.

z.B. Alfred Locker: «Weltgefahr Islam» auf Neue-ordnung.at

Elham Manea, jemenitisch-schweizerische Politologin: Wie andere Religionen hat auch der Islam eine friedliche und eine gewalttätige Seite. Es sind zwei Gruppen, die den Kampf der Zivilisationen fördern: xenophobe Kräfte und islamische Fundamentalisten. Wir müssen beiden entgegentreten.
Imam Sakib Halilovic: Der Islam ist keine Kriegsreligion. In seinen Grundsätzen steht, dass alle Menschen gleich sind an Würde, Pflichten und Verantwortung; und das ohne Ansehen von Rasse, Hautfarbe, Sprache, Geschlecht, Religion, politischer Einstellung, sozialem Status oder anderen Gründen.
SVP-Nationalrat Lukas Reimann: Wir müssen differenzieren: Nicht der Islam an sich ist auf Eroberung aus. Viele islamische Strömungen sind – genau wie wir – auf ein gemeinsames Miteinander und auf Fortschritt aus. Aber leider werden radikale Strömungen, die auf Eroberung aus sind und den Kulturkampf anheizen, immer stärker.
Julia Onken, Autorin und Feministin: Weltweit leben mehr als eine Milliarde friedlicher Muslims, die mit dem politischen Islam nichts zu tun haben. Es sind wenige religiöse Fundamentalisten, die sich auf den Islam beziehen und es auf die kriegerische Eroberung der Welt abgesehen haben.

Je mehr Muslime im Land sind, desto höher das Risiko, dass der Terror auch uns erreicht.

z.B. Hans Fehr: «Toleranz gegenüber Intoleranten?» auf Hans-fehr.ch

Elham Manea: Dieses Risiko würde nur dann steigen, wenn wir dem politischen Islam und dessen radikaler Interpretation erlauben, sich hier festzusetzen und in der muslimischen Gemeinschaft zu verbreiten. Umso wichtiger ist es, dass wir dieser Ideologie und Interpretation des Islams die Stirn bieten.
Sakib Halilovic: Man muss doch vor Menschen keine Angst haben, denen ihre Religion sogar vorschreibt, zu den Tieren freundlich zu sein, wie in einem von vielen Hadith (Aussage des Propheten) steht: «Eine Frau wurde bestraft, weil sie eine Katze einsperrte, bis diese starb. Aus diesem Grund wurde sie in die Hölle verbannt. Als sie die Katze einsperrte, gab sie ihr kein Futter oder Wasser, noch liess sie sie frei, damit sie die Insekten der Erde fressen konnte.» (Überliefert bei Sahih Muslim und Sahih Al-Bukhary)
Lukas Reimann: Nicht mit jedem Muslim, der einwandert, steigt die Terrorgefahr. Aber Kontrollen und Überprüfungen bei der Einwanderung sind schwierig. Grösste Gefahr droht durch radikalisierte Konvertiten und Rückkehrer aus Terrorcamps.
Julia Onken: Der Terror ist längst bei uns angekommen. Es genügen einige wenige Terroristen, um uns alle zu bedrohen.

Es entstehen gefährliche Parallelgesellschaften.

z.B. Geert Wilders: «Ein Europa der Parallelgesellschaften» auf Schweizerzeit.ch

Elham Manea: Das ist tatsächlich eine reale Gefahr. Ein vergleichsweise offener Arbeitsmarkt und die soziale Durchmischung in den Wohnquartieren sorgen in der Schweiz aber bisher erfolgreich dafür, dass das nicht passiert.
Sakib Halilovic: Dieses Risiko besteht, weil es viele Orte in der Schweiz gibt, wo Ausländerinnen und Ausländer es sich nicht leisten können, Wohnungen und Häuser zu mieten oder kaufen.
Lukas Reimann: Parallelgesellschaften existieren bereits in den meisten europäischen Grossstädten. Brüssel, Birmingham und Marseille sind nur wenige Beispiele. In diesen Städten werden ganze Stadtteile von Muslims kontrolliert. Dies gilt es in der Schweiz zu verhindern.
Julia Onken: Wir leben bereits in einer Parallelgesellschaft. Muslimische Mädchen und Frauen verfügen nicht über dieselben Rechte wie die andere weibliche Bevölkerung in unserem Land. Sie sind einem sie unterdrückenden patriarchalen System ausgeliefert und müssen als Trägerin der «familiären Ehre» mit schwerwiegenden Sanktionen rechnen. Stichworte: keine Selbstbestimmung, kein Recht, am Schwimmunterricht teilzunehmen, kein Recht auf Bildung, keine freie Berufs- und Partnerwahl. Bei Fehlverhalten Ausschluss aus der Familie bis zum Ehrenmord.

Der Islam unterdrückt die Frau, z.B. mit Kopftüchern und Burkas. Deshalb sollten diese verboten werden.

z.B. «Imperialismus unterm Schleier» auf Sueddeutsche.de

Elham Manea: Die Realität, weshalb Frauen und Mädchen heute Kopftuch tragen, ist komplexer, es gibt dafür verschiedene Gründe. Anders sieht es bei der Burka aus – die ist nicht vereinbar damit, wie selbstbestimmte und gleichwertige Menschen miteinander kommunizieren. Die Frage allerdings ist, wie ein Burka-Verbot durchgesetzt werden könnte.
Sakib Halilovic: Nicht der Islam, sondern der Staat und die Gesellschaft unterdrücken die Frauen, die Kopftuch tragen, indem sie ihnen mit einem Verbot das Recht auf Schulung oder Arbeit nicht gewähren, sie damit ungleich behandeln und ihnen ihre menschliche Würde aberkennen.
Lukas Reimann: Nicht mit Kopftüchern, aber mit Burkas: Diese stellen ein mobiles Gefängnis dar. Hinzu kommt, dass das Tragen einer Burka jegliche Integration verunmöglichen. Wenn ich mich in einem muslimischen Land bewege, trage ich auch keine Badeschlappen und kurze Hosen, weil das den dortigen Gepflogenheiten nicht entspricht.
Julia Onken: Das Kopftuch ist kein religiöses Symbol, sondern ein politisches Zeichen. Der politische, fundamentalistische Islam bezieht sich auf ein Menschenbild, das dem Mann das Recht gibt, die Frau zu unterdrücken und über sie zu bestimmen. Die Frau muss sich verhüllen, damit sie den Mann nicht sexuell stimuliert – eigentlich eine Beleidigung für alle Männer, denn die werden verdächtigt, beim Anblick von Haaren nicht mit ihrem Triebhaushalt umzugehen zu können. Das Tragen eines Kopftuchs impliziert deshalb das Einverständnis mit dem politischen Islam und ist für die westliche Gesellschaft eine Provokation. Integration – auch in die Arbeitswelt – ist mit Kopftuch erschwert; oft ist es ein Garant für Sozialhilfe. Wer an einer wahrhaftigen Integration interessiert ist, muss sich für ein Verbot aussprechen.

Der Islam hat die Aufklärung nicht durchgemacht, deshalb ist er rückständig, gewalttätig und mit unseren Gesellschaften nicht kompatibel.

z.B. Heinz Theisen: «Im Kampf um die Zivilisation» auf Tagesspiegel.de

Elham Manea: Ich bin überzeugt davon, dass der Islam als Religion eine Reformation braucht, und es gibt Zeichen in der arabischen Welt, dass ein solcher Prozess beginnen könnte. Wir tragen allerdings nichts dazu bei, wenn wir jeden muslimischen Einwanderer und Mitbürger auf seine religiöse Identität reduzieren, auch wenn er mit dem politischen Islam nichts am Hut hat.
Sakib Halilovic: Unter dem Mantel der Aufklärung passieren in der Realität oft Neokolonialismus und Neokapitalismus. Wenn die westliche Aufklärung per se menschlichen Fortschritt bedeuten würde, wie erklärt man, dass wir nach der hochgeheiligten Aufklärung mit Faschismus und Kommunismus gleich zwei barbarische Weltkriege, Holocaust und Genozid auf europäischem Boden erlebt haben!?
Lukas Reimann: Sobald der Islam strikt ausgelegt wird, ist er mit unserer offenen und liberalen Gesellschaft nicht kompatibel. Allein die Todesstrafe und die Unterdrückung der Frau zeigen, wie rückständig Teile von islamischen Strömungen sind.
Julia Onken: Während im Mittelalter in Europa die Kreuzzüge wüteten, importierten islamische Gelehrte arabische Ziffern und brachten die Mathematik, Astronomie und Philosophie voran. Die Ideen der Aufklärung – Freiheit, Toleranz, Offenheit und der Mut, sich als Vernunftwesen seines eigenen Verstandes zu bedienen – standen in keinem Widerspruch zum Islam. Erst seit 1970 bilden sich mit dem islamischen Fundamentalismus Gegenkräfte, Gruppierungen wie die Taliban, al-Qaida, Boko Haram oder der Islamische Staat.

Medien und «die Elite» verharmlosen und beschwichtigen, weil sie nicht als fremdenfeindlich dastehen wollen. Damit machen sie sich zu Komplizen der Islamisten.

z.B. «Salafismus: Oder die Verharmlosung des Islam» auf Board.gulli.com

Elham Manea: Ich bin tatsächlich oft enttäuscht über die Zurückhaltung der «progressiven» Elite, die universalen Werte und Menschenrechte zu verteidigen, wenn es um religiöse Minderheiten geht. Ob beabsichtigt oder nicht – die Botschaft, die darin mitschwingt, lautet: Menschenrechte sind eine Errungenschaft des Westens, reserviert für Westler, während die Muslime unterdrückt sind. Das spielt den Islamisten in die Hände.
Sakib Halilovic: Das ist die verquere Logik von denen, die eigene Bürgerinnen und Bürger wegen ihrer Religion, Herkunft, Hautfarbe usw. stigmatisieren, diskriminieren und hassen.
Lukas Reimann: Islamisierungskritiker wurden über Jahre als Spinner und Verschwörungstheoretiker von Medien und Eliten verunglimpft. Vorfälle wie die Morde in Paris oder Kopenhagen haben aber dazu geführt, dass die Problematik von einem Teil der Medien seriös und ernsthaft diskutiert wird. Diese Debatte ist enorm wichtig.
Julia Onken: Nein, nicht die Medien sind für die Verharmlosung verantwortlich, sondern die Politik. Vor allem linke Parteien wittern bei kritischen Äusserungen stets Rassismus und schlachten dies parteipolitisch aus. Wer die Unterdrückung der Frau unter dem Titel der Glaubensfreiheit legitimiert, macht sich zum Komplizen der Islamisten.

Muslime sind zu wenig gut integriert, sonst hätten sie nicht so grosse Probleme mit Karikaturen.

z.B. «Gedanken zu Religion und Integration» auf Terra-kurier.de

Elham Manea: Soweit ich weiss, war nur eine Minderheit der Muslime wütend über die Karikaturen – und in einer Demokratie haben sie das Recht, ihre Meinung friedlich zu äussern. Integration hat sehr viel mehr Dimensionen, und es bedarf der Teilnahme aller Mitglieder einer Gesellschaft, damit sie funktioniert.
Sakib Halilovic: Die Muslime haben kein Problem mit Karikaturen an sich. Aber mit Beleidigungen schon! Alle relevanten Studien haben gezeigt, dass wir kein einziges spezifisch muslimisches Problem in der Schweiz haben.
Lukas Reimann: Eines zeigt der Fall «Charlie Hebdo» ganz deutlich: Nicht alle, aber radikale Muslime wissen nicht, was Meinungsfreiheit bedeutet. Dabei ist die Freiheit eines der höchsten Güter in unserer Kultur. In ihren Augen befinden sie sich in einem Krieg mit uns, nur haben das in Europa viele noch gar nicht gemerkt oder merken wollen.
Julia Onken: Ob man sich durch Karikaturen verletzt fühlt, ist eine persönliche Angelegenheit und hat viel mit dem Selbstwert zu tun. Wer aber zur Waffe greift, um die Kränkung abzuwenden, ist nicht nur kriminell, sondern in einem fanatischen Wahn gefangen. Das betrifft allerdings nur wenige!

Moderate Muslime tun zu wenig, um sich Gehör zu verschaffen und ihre Positionen durchzusetzen.

z.B. Michael Mannheimer: «Gibt es moderate Muslime? Gibt es einen moderaten Islam?» auf De.europenews.dk

Elham Manea: Die Mehrheit der hiesigen Muslime ist wenig oder nicht religiös. Sie wünscht sich nichts sehnlicher, als in Anstand hier zu leben, ist nicht organisiert und hat keinen Mediensprecher. Werden diese Muslime konkret gefragt, kritisieren sie den fundamentalistischen Islam; sie sollten sich jedoch nicht stets verteidigen müssen, wenn sie nichts zu tun haben mit den Verbrechen, die angeblich im Namen des Islam begangen werden.
Sakib Halilovic: Stimmt nicht, alle islamischen Vereinigungen in der Schweiz, und nicht nur dort, haben sich vehement von jeder Art des Bösen im Namen des Islam distanziert und sich klar für die Freiheit, Gleichheit und den säkularen Rechtsstaat positioniert. Die Frage ist eher, ob man das wahrnehmen will oder nicht?
Lukas Reimann: Das ist leider so in der Schweiz. Ausser dem Forum für einen fortschrittlichen Islam, deren Arbeit ich sehr schätze, steht kaum jemand vor die Kamera und sagt, dass ihm die strikte Auslegung des Korans nicht passt. Viel attraktiver für die Medien ist es, radikalen Muslimen wie dem Islamischen Zentralrat eine Plattform zu bieten.
Julia Onken: Es ist nicht auszuschliessen, dass Verunsicherung und Angst dafür verantwortlich sind, sich nicht öffentlich zu äussern. Auch könnte finanzielle Abhängigkeit eine Rolle spielen, es gibt ja Gerüchte, dass zum Beispiel Kopftuchträgerinnen Prämien erhalten. Österreich hat ein Gesetz verabschiedet, das die Finanzierung islamischer Einrichtungen durchs Ausland konsequent verbietet.

Die Scharia könnte bald Teil unseres Rechtssystems sein.

z.B. «Scharia-Recht gilt auch in der Schweiz» auf Schweizerzeit.ch

Elham Manea: Ich habe diese Entwicklung in Grossbritannien wissenschaftlich untersucht, und ich weiss, dass es auch hier Leute gibt, die sich dafür aussprechen, gewisse Aspekte der islamischen Gesetzgebung für die Regelung von Familienangelegenheiten muslimischer Migranten einzuführen. Das jedoch wäre inakzeptabler kultureller Relativismus, weil es die Gleichberechtigung von Mann und Frau verletzt. Wir müssen deshalb konsequent für das Prinzip «ein Gesetz für alle» einstehen.
Sakib Halilovic: Ach was. Es gibt keine muslimische Institution oder politische Partei, die das Scharia-Rechtssystem fördert oder als politisches Ziel anstrebt.
Lukas Reimann: Ein solches Szenario ist – solange wir die direkte Demokratie aufrechterhalten – undenkbar. Dazu bräuchte es eine Verfassungsänderung und die Ausschaltung zahlreicher verfassungsmässig garantierter Freiheits- und Grundrechte. Das findet im Schweizer Volk zum Glück keine Mehrheit.
Julia Onken: Nein, falls die Politik noch rechtzeitig aus dem Winterschlaf aufwacht und beherzt und mutig Stellung bezieht!

Angesichts der starken Einwanderung wird Europa in 20 bis 30 Jahren von den Muslimen dominiert sein.

z.B. Benjamin Hämmerle «Übernehmen Islamisten bald die Macht in der Schweiz?» auf Politblog.tagesanzeiger.ch

Elham Manea: Ich habe bisher keine ernstzunehmenden Statistiken gesehen, die diese Behauptung unterstützen. Aber selbst wenn es so wäre, wäre dies nur dann ein Problem, wenn wir damit fortfahren, Einwanderer auf ihre religiöse Identität zu reduzieren. Gerade in sich demografisch wandelnden Gesellschaften verlangt Integration, Konzepte wie Bürgersinn und Verantwortungsbewusstsein sowie gemeinsame Werte und Normen zu verankern.
Sakib Halilovic: Absoluter Unsinn!
Lukas Reimann: Diese Entwicklung ist klar erkennbar. Die Politik ist gefordert. Bereits heute werden etliche Stadtteile in Europa weitgehend von Muslimen kontrolliert. Zur starken Einwanderung hinzu kommt, dass muslimische Familien 5 bis 6 Kinder grossziehen, während Schweizerinnen und Schweizer im Schnitt 1,3 Kinder haben.
Julia Onken: Der Rückblick in die Geschichte zeigt gegensätzliche Szenarien. Der Untergang des Römischen Reichs wird unterschiedlichen Einflüssen zugeschrieben, einem davon der Völkerwanderung, da die Menschen vor Krieg, Not und Elend flohen. jüngste Geschichte. Ein Rückblick in unserer jüngsten Geschichte zeigt indessen eine geglückte Integrationsleistung auf beiden Seiten. Wir haben bereits zusammen mit Italienern, Spaniern und Portugiesen eine hervorragend gelungene Integrationserfahrung gemacht. Das sollte auch mit den Muslimen gelingen.

Benutzer-Kommentare