05. September 2017

Von wegen faul

Mit einem Faultier hat der Zoo vor Kurzem eine neue Mitbewohnerin bekommen, der man aufgrund des Namens eher ein gemütliches Wesen zuschreibt. Doch dieser Eindruck täuscht.

Faultiere hängen mit Vorliebe an Ästen
Faultiere hängen mit Vorliebe an Ästen. Von hier aus können sie gemütlich nach Nahrung greifen. (Bild: Walter Zoo)
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Vor drei Wochen ist die einjährige Faultierdame aus dem Wiener Tiergarten Schönbrunn bei uns angekommen. Wie jeder Neuankömmling wurde auch sie zuerst medizinisch untersucht. Anschliessend brachten wir sie in die Quarantänestation, damit sie zur Ruhe kommen konnte.

Zweifingerfaultiere hängen die meiste Zeit in den Bäumen. Dabei klammern sie sich mit allen Zehen an einen Ast. Jede Bewegung ist langsam und gemächlich, denn ihre Nahrung besteht aus Blättern, Knospen und Insekten, die nicht gleich wegrennen. Daher begibt sich das Faultier nur im Notfall auf den Boden – etwa, um zu koten.

Doch diese Gemächlichkeit täuscht. Fühlt es sich nämlich bedroht, kann es sehr schnell sein. Das Gebiss und die Krallen des Faultiers werden dann zu gefährlichen Waffen.

Bloss nicht loslassen

Nun soll die Faultierdame ihr neues Gehege beziehen. Jeder Transport bedeutet auch Stress – und den wollen wir natürlich vermeiden. Zu viert machen wir uns daran, die Glieder des Faultiers vom Ast zu lösen, um es in einen Fangsack zu befördern.

Doch das Tier will den Ast partout nicht loslassen, sein Griff ist extrem stark. Kein Wunder, denn auf dem Boden sind Faultiere völlig wehrlos. Deshalb tun sie alles, um sich festzukrallen. Also sägen wir kurzerhand den Ast ab und transportieren diesen samt Faultierdame ins Gehege.

Vertrauen fassen

Unmittelbar danach erkundet das Tier seine Umgebung ungewohnt aktiv. Es frisst aus der Hand und fasst nach und nach wieder Vertrauen zu den Tierpflegerinnen und -pflegern. Das noch namenlose Weibchen scheint nicht nachtragend zu sein und den Stress des Umzugs schnell vergessen zu haben.

Doch wir wollen nicht jedes Mal einen Ast absägen müssen, um das Tier bei Bedarf untersuchen, behandeln oder verlegen zu können. Es soll vielmehr lernen, an einen abmontierbaren Transportast zu klettern. Dieses Training wird in Kürze beginnen. 

Karin Federer (31) ist Tierärztin und berichtet regelmässig aus dem Walter Zoo in Gossau SG.

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