04. Oktober 2018

Von null auf Spinnenliebe

Sie schreien, weinen oder greifen zum Staubsauger, wenn sich eines der gefürchteten Tiere in ihr Blickfeld bewegt: Arachnophobiker haben kein leichtes Leben. Doch es gibt Abhilfe.

Glücklich nach vier Stunden: Tanja Zürcher war vorher Spinnenphobikerin. Jetzt hat sie schöne Gefühle für die Vogelspinne.
Glücklich nach vier Stunden: Tanja Zürcher war vorher Spinnenphobikerin. Jetzt hat sie schöne Gefühle für die Vogelspinne.

Als Tanja Zürcher (28) diesen Sommer während einer Hochzeit wegen einer Spinne in die hinterste Ecke der Kirche flüchten und die Zeremonie von dort aus verfolgen musste – stehend, und vor Angst zitternd – hatte sie genug. Genug von ihrer Spinnenphobie und den damit einhergehenden Einschränkungen.

Eine Spinne in den Händen! Tanja Zürcher kann noch nicht hingucken.
Eine Spinne in den Händen! Tanja Zürcher kann noch nicht hingucken.

Darum sitzt die Bankangestellte aus St. Gallen an einem Morgen im September im «Angstseminar Spinnen», das der Zoo Zürich anbietet. Der Spinnenexperte Samuel Furrer (51) führt zusammen mit dem 68-jährigen Psychologen André Angstmann (er heisst wirklich so) durch die vier Stunden, die das Leben der Teilnehmer verändern sollen. «Jeder von euch wird am Ende des Seminars eine Spinne auf die Hand nehmen», versprechen die Kursleiter. Tanja Zürcher guckt skeptisch. Und zwölf andere Phobiker mit ihr. Einige von ihnen trauen sich nicht in den Keller, weil dort Spinnen lauern, andere erschrecken schon ob dem Foto von einem der Tiere. Mehrere berichten, dass sie manchmal vor Panik weinen.

Sie bekommen nun viele Infos: Wie sich Spinnen ernähren, paaren oder häuten etwa. Und dass die meisten ungefährlich sind. Dass Phobiker ihre Angst annehmen dürfen und sie als Thrill zelebrieren sollen. Und dass man das Hirn ein wenig umprogrammieren kann, indem man dem Krabbeltier ein herziges Bild und einen lustigen Namen gibt. Es resultieren Dinge wie «eine Spinne im Tütü namens Spidy.» Ihre positiven Bilder sollen sich die Phobiker in Zukunft wiederholt vor Augen führen und so einen positiven Zugang zu Spinnen üben. Tanja Zürcher weiss nicht, woher ihre Spinnenangst kommt. «Von der Mutter abgeguckt», vermutet sie. Aber sie lernt: Um die Angst loszuwerden, braucht sie den Ursprung nicht zu kennen.

Erleichtert, glücklich, stolz und entspannt: Tanja Zürcher hat den ersten Schritt aus der Arachnophobie geschafft
Erleichtert, glücklich, stolz und entspannt: Tanja Zürcher hat den ersten Schritt aus der Arachnophobie geschafft.

Um halb zehn wird erstmals eine lebende Spinne in den Kursraum gebracht: Cassiopaia, eine Rotknievogelspinne, die ausgestreckt gut 20 Zentimeter Durchmesser erreicht. Das Tier sitzt unbeweglich in einem gläsernen Terrarium. Ähnlich unbeweglich sitzen ihr die Arachnophobiker gegenüber. Tanja ächzt. Andere schnappen nach Luft, greifen sich an den Hals, gucken weg. Dann entspannen sie sich zunehmend. Bis eine gute Stunde später das A4-grosse Foto einer Spinne aus Versehen zu Boden segelt und vor den Füssen der Seminarteilnehmer liegen bleibt. Ein kollektives «Huuuuuuch» geht durch die Reihe. Dann dürfen die zwölf Frauen und der eine Mann eine Spinnenhaut auf die Hand nehmen. Alle zögern, aber alle tun es. Es ist eine Art Konfrontationstherapie. Dazu kommt das Wissen, dass Angst normal und erlaubt ist.

Es funktioniert. Auch bei Tanja Zürcher. Kurz nach zwölf Uhr nimmt sie Cassiopaia auf die Hände. Sie ist dem haarigen Tierchen unendlich dankbar für seine langsamen, eleganten Bewegungen. Mit «glücklich und stolz» umschreibt die Ex-Phobikerin ihre Gefühle. Und mit «fast liebevoll», wenn sie an Cassiopaia denkt.

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