02. November 2017

Von der Nacktmull-Königin gebissen

Mit ihren grossen Zähnen graben sich Nacktmulle durch den harten Wüstenboden – oder sie sorgen damit in ihrem Staat für Ordnung. Das kann wehtun.

Nacktmull beim Arzt
Ein Nacktmull hat sich beim Balzkampf um die Königin verletzt und muss verarztet werden (Bild: Walter Zoo).

Abgesehen von Tasthaaren an Schnauze und Beinen sind Nacktmulle wirklich nackt. So können sie sich in den Gangsystemen, die sie in der ostafrikanischen Halbwüste graben, problemlos bewegen, rückwärts wie vorwärts. Ebenfalls besonders: Nacktmulle bilden Staaten – was bei Säugetieren sehr selten ist.

Arbeiter und Soldaten

Alle Tiere einer Nacktmullenkolonie haben fixe Aufgaben: Junge kümmern sich um kleinere Geschwister, Arbeiter graben Tunnelsysteme, Soldaten bewachen Ausgänge. An der Spitze einer Kolonie von 100 bis 200 Tieren steht eine Königin. Sie ist das einzige Weibchen, das sich fortpflanzen kann. Alle 70 bis 80 Tage bringt sie Junge zur Welt. Die Königin – davon geht man heute aus – setzt ihren ganzen Staat derart unter Druck, dass alle Tiere unfruchtbar werden.

Nackmull unter der Erde
Nackmulle leben ähnlich wie der Maulwurf in unterirdischen Gängen. Anders als dieser aber in Gruppen.

Alle – bis auf maximal drei Männchen, mit denen sie sich paaren möchte. Wie die Königin werden diese Auserwählten deutlich grösser als ihre Artgenossen. Und beim Gerangel um die Königin geht es hart zu.

Vom Zoo Dresden haben wir neun Nacktmulle erhalten, darunter zwei solche Königsanwärter. Und bei einem von ihnen entdecken unsere Tierpfleger eines Morgens am Hinterbein eine Infektion, verursacht durch einen Biss. Ich pflege das Tier und lasse es zurück zur Gruppe. Denn das Alleinsein bedeutet für Nacktmulle Stress pur. Doch schon nach kurzer Zeit wird das Männchen erneut gebissen. Diesmal von der Königin! Was tun? Einzelhaltung ist ja keine Option.

Nacktmull in der Hand der Ärztin
Die Zähne der Nacktmulle sind eindrücklich.

Nach der neuerlichen Wundversorgung beschliesse ich, dem Verletzten ein Arbeitertier zur Seite zu stellen. So ist er nicht allein und doch noch nicht der Königin ausgesetzt. Tatsächlich geht es dem Nacktmull von Tag zu Tag besser. Bald wird er so weit sein, dass er zu einer Königin, die aus Wien anreiste, gesetzt werden kann. Doch auch dort wird er zuerst beweisen müssen, dass er sich zum «König», sprich Zuchtmännchen, eignet. 

Karin Federer (31) ist Tierärztin und berichtet regelmässig aus dem Walter Zoo in Gossau SG.

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