12. April 2018

Von der Herrschaft zum Fürstensitz

Festungen, Schlösser, steile Hänge und spezielle Dörfer: die Frühlings-Biketour zum ersten Kennenlernen des Fürstentums Liechtenstein

im Aufstieg nach Triesenberg
Auf einem etwas weniger steilen Abschnitt des Aufstiegs nach Triesenberg

Die Psyche eines Ausflüglers auf zwei Rädern oder Beinen erweist sich oft als Buch mit sieben Siegeln. Jedenfalls gehts mir so: Besonders im Frühling habe ich Lust, mir kuriose Ziele auszudenken, auf die ich später in der Saison kaum mehr käme. Als suchte ich nach (neuen) Gründen, um meine seit fünf Jahren vorherrschende Form der Bewegung zu rechtfertigen, die mit einem sportlich orientierten Hobby wenig mehr zu tun hat. Das ist zwar komplett unnötig, denn Sport muss ja nicht sein, und etwas Aktivität scheint mir persönlich als Ausgleich zur Büroarbeit völligem Nichtstun noch immer vorziehbar zu sein. Dennoch haben diese «Frühlingsgefühle» mitunter witzige Folgen.

So schien ich mit der ersten Bikeausfahrt des Jahres bereits hoch hinaus zu wollen. Nicht in Sachen Höhenmeter, da könnte ich einschätzen, dass bei einer Zwischenstation auf über 1000 Meter Höhe die Beine schlapp machen würden. Und bei angenehmer Temperatur sowie Bodenfestigkeit wären nochmals etwas höher Abstriche zu machen. Aber man kann auch «gesellschaftlich» aufsteigen: Ich wollte als einfacher Bürger von den Bündner Herrschaften ins Fürstentum Liechtenstein wechseln und dort neben dessen Hauptorten den Südosthang des Rheintals kennenlernen. Denn tatsächlich war ich noch nie in Liechtenstein ...

Der Start erfolgt beim hübschen Bahnhof des Kurorts Bad Ragaz, der ausser eines Zweigs der Nobelhotellerie irgendwie noch im 20. Jahrhundert geblieben ist. Vielleicht passend zum folgenden Weg über eine der grössten Schweizer Militäranlagen gleich nach St. Luzisteig und später zu einem Finanzplatz, der lange wie der von Zürich oder Genf die Zeichen der Zeit nicht erkannte und auf Unsummen niedrig- bis unversteuerter Gelder setzte. Nebenbei: Wir hoffen schwer, dass diese Zeiten im Fürstentum genauso vorbei sind wie im grossen westlichen Nachbarn. Über das kompakte Dörfchen Maienfeld mit historischem Kern und teils modernen Kellereien meisterten wir den bloss kurz nach dem Zentrum steilen Anstieg nach Bovel und St. Luzisteig - um bei der folgenden Abfahrt die immense, teils topmoderne Militäranlage mit einem (geschlossenen) Militärmuseum zu bestaunen. Sie heisst den Ausflügler mit Mauern wie eine Talsperre willkommen und tischt keinen Kilometer vor der Grenze zur Nachspeise ein zur Durchfahrt gesperrtes Fake-Dörfchen auf: Noch auf dem benachbarten Weg hinauf Richtung Mittlerspitz (am Falknishang) verraten etliche «Hülsen», was im unbewohnten Kaff regelmässig geübt wird.

Route Bad Ragaz - Buchs

Die Route (rot), auch als PDF zum Download (1500 x 1000 px / © swisstopo)

Im Übrigen lohnt sich der anschliessende nahrhafte kleine Umweg bis auf ca. 800 m ü. M. dank lockeren Waldstücken und ersten reizvollen Ausblicken ins Rheintal und über Balzers. Unten am Waldrand wähle ich, langsam fahrend und gar mal absteigend, den Wanderweg bis Neugrütt respektive zum sympathischen Camping am unteren Ende des Lawena-Taleinschnitts. Eine gute Idee, folgt doch unmittelbar danach auf den ersten 300 Metern des über 500 Höhenmeter aufweisenden Aufstiegs nach Triesenberg das Pièce de résistance des Ausflugs. Mehr als einmal verfluche ich den Trottel, der sich das ohne eine einzige Trainingsfahrt im Vorfeld zugemutet hat.
Immerhin entschädigen verschiedene Wiesen, Bachbette und Waldstücke mitsamt der öfters unverstellten Aussicht auf Rhein und Gegenhang für die Plackerei.

Das Schloss des Liechtensteiner Fürsten
Das herrschaftliche Schloss in Vaduz beeindruckt auch, wenn man sich von der Hinterseite (Osten) nähert.

Die weit verstreute Triesenberg-Siedlung stimmt ideal auf Vaduz und Schaan ein: Natürlich hat es hier noch ein paar Bauernhöfe mehr als im Tal. Im Übrigen wehren sich jedoch ältere Bauten sowie eine Vielzahl an nie über ein Nachbarhaus hinaus abgestimmte Erstwohnsitze und Feriendomizile jüngeren Datums erfolgreich gegen jede Vereinnahmung: Offene Lebensformen, abgeschirmter Luxus und ein paar Weiden mit Vieh und sehr alten Scheunen oder neusten Silos: Charakter ist hier, gar nichts Einheitliches zeigen zu müssen.
Ähnlich eindrücklich fällt das Fazit des Radfahrers nach zügiger Abfahrt mit Fotohalt beim Fürstenschloss in Vaduz aus: Der grosse Charme liegt in der Selbstverständlichkeit, wie etwa auf ein neues Stahl-Glas-Geschäftgebäude ein fast zu grell-farbiges Rathaus folgt; der in mutiger Hellholzkonstruktion erbaute Landtag unmittelbar neben dem konventionellen Regierungsgebäude steht und schon fast keck auf die sich dahinter in ganz anderem Stil abzeichnende Kirche weist. In Liechtenstein hält man Kontraste aus wie sonst nirgendwo. Keine Ahnung, ob dies gelingt, weil man will - oder weil man schlicht keine Wahl hat.
Klar ist bloss, dass es dem Entdecker nie langweilig wird. Und dass er das Gefühl hat, eigentlich jedes Quartier länger erforschen zu müssen.

Abkürzungen & Varianten: Mehr Abwechslung bezahlt mit gut zwei Stunden Fahrt und gleich 1100 Höhenmetern (!) zusätzlich, wer von Triesenberg östlich nach Steg und Malbun fährt, um auf der SchweizMobil-Bikeroute die Drei Kapuziner zu umfahren und nach Triesenberg zurückzukehren. Umgekehrt kann unser Vorschlag infolge fehlender Ausdauer noch um 30 Minuten und 250 Höhenmeter erleichtert werden, wenn man nach St. Luzisteig auf den Hügel verzichtet und schlicht auf der Hauptstrasse nach Balzers weiterfährt.

Geeignet für Flyer-Fahrer und Mountainbiker mit ein wenig Kraft
Höhepunkte: Hügel vor Balzers, Triesenberg-Aufstieg, Vaduz Zentrum
Pause: Camping ob Neugrütt, ein paar Bänkli vor oder in Triesenberg oder Fussgängerzone Vaduz
Dauer: knapp 5 Std. oder knapp 3 Std. (mit kräftigem Elektroantrieb)
Höhenmeter (bergauf): 1260 m

Trümpfe der Biketour in Liechtenstein

Reto Meisser über seine Kolumne «Hike & Bike»

Video: Elena Bernasconi

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