31. Oktober 2019

Von der DDR in die Schweiz

Vor 30 Jahren besiegelte der Fall der Berliner Mauer das Ende des Kalten Kriegs. Rund um dieses historische Ereignis spielten sich unzählige dramatische Schicksalsgeschichten ab – wie die von Jacqueline Vinzelberg, Olaf Hille und Olga Roh, die heute alle in der Schweiz leben.

Olaf Hille
Olaf Hille heiratete 1990 seine Schweizer Freundin Tatjana in Ost-Berlin – und verliess die DDR kurze Zeit später ganz legal. Nachdem er die Nacht des Mauerfalls bereits halblegal in Zürich verbracht hatte.
Lesezeit 13 Minuten

Es war der 9. November 1989, ein trüber Herbsttag in Ost-Berlin ging zu Ende. SED-Funktionär Günter Schabowski gab live eine Pressekonferenz und beantwortete kurz vor 19 Uhr eine Frage nach dem neuen Reisegesetz: «Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen.» Ein Journalist fragte nach, ab wann die Regelung denn gelten solle. Schabowski blätterte in Zetteln vor sich und erklärte schliesslich etwas unsicher: «Das trifft ... nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.»

Der Satz löste ein globales politisches Erdbeben aus: Die Berliner Mauer, Symbol des Kalten Kriegs und Trennlinie zwischen Ost und West, war Geschichte, einfach so, ohne Vorwarnung oder Vorbereitung. In Berlin reagierte man erst ungläubig, dann mit grenzenloser Euphorie. Ost-Berliner strömten zu den Grenzübergängen und wurden von verunsicherten Grenzwächtern schliesslich durchgelassen, West-Berliner strömten zur Mauer, und Wildfremde lagen sich lachend und weinend in den Armen. Eine Stadt, unerwartet wiedervereint und in glückseligem Ausnahmezustand.

Mittendrin befand sich Olga Shakhovskaya. Die 19-jährige Sowjetbürgerin studierte Germanistik und Literaturwissenschaft an der Karl-Marx-Universität in Leipzig und traf an diesem Abend mit dem Zug für einen Wochenendbesuch in Ost-Berlin ein. «Schon bei der Ankunft lag etwas in der Luft. Berlin hat gefiebert.» Was genau los war, realisierte sie erst nach und nach. «Es kursierten viele Gerüchte – die Nachrichten sickerten nur zaghaft durch.» Doch ihr war sofort klar: «Das ist ein historischer Moment.»

In Zürich vom Mauerfall überrascht

Olaf Hille ahnte von alldem nichts. Der 24-jährige Germanistikstudent aus Ost-Berlin, der in den Tagen zuvor halblegal über Ungarn, Wien und München zum Geburtstag seiner Schweizer Verlobten nach Zürich gereist war, sass mit ihr und ein paar Freunden auf dem Kanzleiareal und trank Bier. Erst gegen Mitternacht kamen sie in die Wohnung zurück. «Ich schaltete aus Gewohnheit den Fernseher ein und realisierte rasch, dass irgend etwas Grosses in Berlin passiert sein musste, aber es hat etwa 20 Minuten gedauert, bis mir klar war, was genau.» Hille machte in jener Nacht vor Aufregung fast kein Auge zu. «Aber ich dachte auch, oh Mann, da habe ich mein ganzes Leben in der DDR verbracht, und kaum reise ich einmal für ein paar Tage weg, passiert so etwas.» Er wollte so rasch wie möglich zurück, um zu erleben, was in Berlin nun alles abging.

Ganz anders war dieser historische Abend für Jacqueline Vinzelberg. Die 21-Jährige wohnte damals mit ihrem Vater in Malterdingen, nördlich von Freiburg (D), nachdem die beiden ein Jahr zuvor nach einem offiziell genehmigten Besuch bei ihrer Oma in Westdeutschland einfach nicht mehr in die DDR zurückgekehrt waren. Mutter und Schwester jedoch sassen dort noch immer fest. «Mein Vater schaute gerade die ‹Tagesschau› und rief: ‹Komm, komm, das gibts ja nicht, das kann doch nicht sein›.» Jahrzehntelang hatte die Familie versucht, aus der DDR zu flüchten, hatte sich sogar getrennt, und nun plötzlich das? Einfach so?

«Wir waren völlig überfordert, weil da etwas passierte, das gerade eben noch unmöglich schien.» Sie hatten eher befürchtet, dass die Unruhen zu einem militärischen Einsatz führen würde wie in China wenige Monate zuvor. «Mein Vater griff zum Telefon und versuchte, meine Mutter zu erreichen, was wie üblich ein Geduldsspiel war.» Als es endlich gelang, war sie bereits am Packen. «Am nächsten Tag stand sie mit meiner Schwester und ihrem vollgestopften Lada bei uns vor der Tür. Hätte ja sein können, dass die Mauer genauso plötzlich wieder zu ist.»

Familie Vinzelberg in den 80er-Jahren
Jacqueline Vinzelberg (2. von rechts) mit ihrer Familie
Jacqueline Vinzelberg (2. von rechts) mit ihrer Familie – heute und Mitte der 1980er-Jahre in Thüringen (ganz oben).

Jacqueline Vinzelberg ist in Thüringen aufgewachsen, ihr Vater war Fernsehmechaniker, ihre Mutter kaufmännische Angestellte bei einer Sozialversicherung. «Uns ging es für DDR-Verhältnisse gut», erzählt sie. Dafür gab es zwei Gründe: Ihr Vater ermöglichte es seinen Kunden, das eigentlich verbotene Westfernsehen zu schauen – und hatte deswegen auch gute Beziehungen, bis hin zur Stasi. Ausserdem schickte die Oma aus Westdeutschland regelmässig Lebensmittel und D-Mark, mit der in der DDR alles viel leichter und schneller zu haben war.

Trotzdem wollte die Familie weg. «Wir taten uns schwer mit der pausenlosen Gehirnwäsche und der fehlenden Freiheit. Wir haben ja jeden Tag erlebt, dass die sozialistischen Parolen von der Gleichheit der Menschen leeres Gerede war.» Von ihren Eltern lernte Jacqueline Vinzelberg, wie man dennoch in der DDR durchkam: «Sag das Gegenteil von dem, was du denkst, das funktioniert immer.»

Olaf Hille erinnert sich gerne an seine Jugend in der DDR. «Ich wuchs gut behütet in einer Mittelstandsfamilie in Magdeburg auf, mein Vater war Abteilungsleiter in einem Kombinat, meine Mutter kümmerte sich um uns drei Kinder, unser Leben war ganz okay.» Die Familie folgte den Regeln, die Eltern förderten jedoch Offenheit und eigenes Denken. Mithilfe einer Lehrerin, die er mit einem Aufsatz über den Sozialismus beeindruckt hatte, schaffte er es, einen der begehrten Studienplätze an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin zu ergattern, wo er Germanistik studierte und sich eine akademische Karriere erhoffte. Ein aktiver Regimegegner war Hille nicht, aber er bewegte sich in der rebellischen Jugendszene der Hauptstadt. «Und ich war mir sicher, dass ich mein Leben nicht in der DDR verbringen werde, ich wusste, irgendwie komme ich da schon raus.»

Keinerlei Fluchtpläne hingegen hegte Olga Shakhovskaya. Sie stammt aus einer relativ gut situierten sowjetischen Familie, der Vater war Atomphysiker, die Mutter Empfangschefin des Moskauer Luxushotels Metropol. «Wir hatten eine Wohnung, ein Auto und eine Datscha ausserhalb der Stadt; unseren Sommerurlaub verbrachten wir in den schönen Kurorten am schwarzen Meer.» Ihre Vorfahren allerdings waren noch viel wohlhabender gewesen. Das alte Adelsgeschlecht hatte jedoch fast alles während der russischen Revolution von 1917 verloren. «Meine Grosseltern kamen gerade so mit dem Leben davon.»

Für Sowjetbürger war der Westen noch tabu

Es ging der jungen Russin also relativ gut, doch etwas fehlte ihr: Freiheit. «Mein Traum war, als Simultandolmetscherin bei der Uno zu arbeiten und die Welt zu bereisen.» Einen grossen Schritt in diese Richtung machte sie, als sie einen Studienplatz an der Linguistischen Universität Maurice Thorez in Moskau ergatterte – diese ermöglichte ihr auch das Austauschjahr in Leipzig.

Doch dann beging sie einen folgenschweren Fehler. Weil sie es am Wochenende des Mauerfalls nicht geschafft hatte, einen Ausflug nach West-Berlin zu machen, holte sie dies mit einer Studienkollegin am 20. Januar 1990 nach. Ihr sowjetischer Pass wurde am Checkpoint Charlie problemlos gestempelt. «Und dann kamen wir aus dem Staunen nicht mehr raus: Das Lichtermeer, die Neonwerbung, die Läden – alles wie aus einem Märchen. Hinzu kam die herzliche Reaktion der Menschen.»

Die jungen Frauen verbrachten den ganzen Tag im Westen und fuhren schliesslich wegen heftigen Regens per Anhalter zurück zum Checkpoint Charlie. Gestoppt hatte ein Auto mit Schweizer Kennzeichen. «Ein freundlicher Mann hat uns bis zur Grenze gebracht und gefragt, ob er uns in Leipzig mal besuchen dürfte. Klar, fanden wir.»

Olga Shakhovskaya im Jahr des Mauerfalls an der Karl-Marx-Universität in Leipzig
Olga Shakhovskaya im Jahr des Mauerfalls an der Karl-Marx-Universität in Leipzig.

Zurück an der Uni wurden sie jedoch sofort zum Kurator der sowjetischen Studentengruppe zitiert, der bereits alles über ihren verbotenen Ausflug in den Westen wusste. «Bis heute frage ich mich, woher genau.» Nach sowjetischem Strafrecht drohten bei einem unautorisierten Besuch im Westen mehrere Jahre Gefängnis. Der Kurator nahm ihr den Pass weg und sagte, sie müsse umgehend nach Moskau zurück. «All meine Zukunftsträume waren auf einen Schlag zusammengebrochen. Mir war sofort klar, dass ich nur noch eine Chance hatte: die Flucht.»

Viele Fluchtversuche über viele Jahre

Doch so leicht war es nicht, aus der DDR zu flüchten. Davon zeugen Hunderte von Menschen, die in all den Jahren bei solchen Versuchen ums Leben kamen. Familie Vinzelberg war sich dessen wohl bewusst, dennoch versuchte sie es mehrmals. Schon 1965, ein Jahr vor Jacqueline Vinzelbergs Geburt, kroch ihr Vater nach monatelangem Auskundschaften mit einem Freund in den WC-Abzugsschacht eines Zugs, der in den Westen fuhr. Doch sie wurden erwischt und landeten ein Jahr im Gefängnis.

Der nächste Anlauf scheiterte 1975 auf einem Campingtrip nach Bulgarien, die Kinder waren zehn und sieben Jahre alt. Sie fanden einen abgelegenen Grenzposten im Hochgebirge zwischen Bulgarien und Griechenland. «Da war eigentlich Nichts, nur ein Feldweg, Felsen und schliesslich zwei Schlagbäume.» Die Eltern stellten sich naiv, versuchten zu verhandeln, die Grenzer waren unsicher, berieten sich. «Mein Vater spielte mit dem Gedanken, einfach Gas zu geben und durch die beiden Schlagbäume zu fahren.» Am Ende jedoch war ihm das zu riskant. Sie gaben auf, machten den geplanten Urlaub, kehrten heim. Und versuchten es in den folgenden drei Jahren erneut auf anderen Reisen, immer ohne Erfolg.

Schliesslich resignierten die Eltern und beschlossen, sich vorerst mal in der DDR einzurichten. Bis die Grossmutter das Land verlassen durfte, weil sie Rentnerin geworden war. Also beantragte der Vater, sie 1987 zu ihrem 75. Geburtstag in Bielefeld zu besuchen – und erhielt zur allgemeinen Überraschung eine Genehmigung. Er ging und kehrte nach zwei Wochen zurück.

1988 stellte er erneut einen Besuchsantrag, diesmal für sich und seine ältere Tochter Jacqueline. «Mit der Überlegung, dass dann immerhin die Hälfte der Familie in Freiheit wäre.» Erneut erhielten sie eine Genehmigung. «Als ich meinen Reisepass in der Hand hielt, fühlte sich das so an, als hätte ich im Lotto zehn Millionen gewonnen.» So reisten sie Mitte Juli 1988 aus – und kehrten nicht wieder zurück.

Briefmarke zum 25-Jahr-Jubiläum der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED)
Briefmarke zum 25-Jahr-Jubiläum der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) aus dem Jahr 1971.

Olaf Hille sah seine Chance gekommen, als er sich im Sommer 1989 in eine Schweizerin verliebte, die an seiner Universität einen Kurs besuchte. «Wer als DDR-Bürger eine nicht-deutsche Ausländerin heiratete und einen Ausreiseantrag stellte, um in ihrer Heimat zu leben, bekam den in der Regel gewährt.» Seine Freundin war einverstanden mit dem Plan, und sie stellten die entsprechenden Anträge in der DDR und der Schweiz.

Die Bürokratie jedoch liess sich Zeit, und so beschloss Hille, seine Freundin zu überraschen und sie zu ihrem Geburtstag am 7. November in Zürich zu besuchen. Legal ging das natürlich nicht. Aber Hille wusste: Wenn er es bis nach Ungarn schaffte, würde er von dort problemlos über Österreich in den Westen kommen. Er beantragte ein Visum für Ungarn und bekam es zu seiner Überraschung.

So flog er ganz offiziell nach Budapest und trampte dann mit einem österreichischen Autofahrer nach Wien. «Der war total nett und hat pausenlos auf mich eingeredet, aber ich habe fast kein Wort verstanden. Und der Grenzer wollte meinen Ausweis nicht mal sehen.» Dann ging es weiter nach München, denn um in die Schweiz einreisen zu können, brauchte er ein offizielles westdeutsches Passdokument, was er auch problemlos erhielt. So kam er wenige Tage vor dem Mauerfall nach Zürich, wo seine Freundin aus allen Wolken fiel.

Doch trotz der Grenzöffnung beschloss er, zurück nach Hause zu gehen – diesmal direkt per Zug durch Deutschland. In Ost-Berlin feierte er ein paar Tage mit seinen Freunden, dann wurden die Anträge genehmigt. Mitte Januar fand dann die Hochzeit statt, Ende Januar wanderte Hille in die Schweiz aus. «Aber ich war 1990 häufig in Berlin und habe die anarchische Stimmung genossen. Die DDR war schon so gut wie untergegangen und der Westen noch nicht angekommen, das war eine wilde, grossartige Zeit, in der alles möglich schien.»

Flucht im Kofferraum eines Schweizers

Olga Shakhovskaya hingegen sass im Januar 1990 ohne Pass in Leipzig und fürchtete eine düstere Zukunft. Doch dann tauchte vor dem Studentenheim das Auto des Schweizers auf, der sie wenige Tage zuvor in Berlin mitgenommen hatte. Thomas Lemann war damals 30 und auf Geschäftsreise. Der Besuch in Leipzig war ebenso spontan wie sein Angebot zu helfen, als er von der schwierigen Situation der Stu­dentin erfuhr. «Er sprach von sich aus die Flucht an und fragte, ob ich vielleicht mit ihm in die Schweiz kommen und dort bei seinen Eltern leben möchte.» Eine wahnwitzige Idee, findet sie heute. «Und auch ziemlich gefährlich. Aber mit 19 hinterfragt man nicht, man handelt.»

Einen Tag später fuhren die beiden los, sie ohne Pass, ohne Wertsachen, nur mit einer Kiste voller Bücher – damals ihr wertvollster Besitz. «Vor dem Grenzübergang nach Westdeutschland und später der Schweiz habe ich mich im Kofferraum versteckt – für die jeweils längsten zehn Minuten meines Lebens. Mein Herz klopfte so laut, dass ich dachte, es würde zerspringen.» Das Auto wurde an beiden Grenzen angehalten, aber nicht durchsucht. Am frühen Morgen des 26. Januar 1990 erreichten sie Lemanns Elternhaus im Emmental. «Und diese sonst so konservativen Menschen haben keine Sekunde gezögert, mich aufzunehmen. Mit der Zeit wurden sie zu meinen Adoptiveltern und ich zu ihrem sechsten Kind.»

Bühnenreife Show für die Stasi

Schwieriger war die Situation für Jacqueline Vinzelbergs Mutter und Schwester, die 1988 in der DDR festsassen, während sie und ihr Vater in der Region Freiburg Fuss fassten, wo ein Onkel lebte, der ihnen bei der Wohnungs- und Jobsuche half. «In der DDR galt Sippenhaft. Wer flüchtete, nahm in Kauf, dass die zurückbleibende Familie darunter leiden wird», sagt Vinzelberg. «Deshalb erfolgte unsere Flucht völlig unabgesprochen.» Nicht mal mit ihrem Vater redete sie darüber. «Wir wussten, dass wir bespitzelt wurden und wollten nichts riskieren. Ausserdem war eh allen in der Familie klar, dass wir es versuchen würden.»

Genauso klar war, dass es eine Hausdurchsuchung und Verhöre geben würde. «Meine Mutter hat dann eine bühnenreife Inszenierung hingelegt und so getan, als käme die Flucht für sie aus heiterem Himmel: ‹Ah, dieses Schwein, jetzt lässt der mich hier sitzen!› Sie zog erst eine Riesenshow ab und tat dann so, als sei sie depressiv, liess sich vom Arzt sogar Medikamente verschreiben, die sie natürlich nicht nahm.» Auch ihre Schwester spielte der Stasi und ihrem Umfeld einen psychischen Zusammenbruch vor.

So gelang es, die Folgen der Sippenhaft zu dämpfen, während Mutter und Schwester nach Wegen suchten, ebenfalls zu flüchten. Doch schliesslich kam ihnen der Mauerfall zuvor. «Hätte ich 1988 gewusst, dass die Mauer so bald fällt, wäre ich nicht geflüchtet. Thüringen ist wunderschön, ich hatte dort viele Freunde. Mir fehlte nur die Freiheit.» Vinzelberg versuchte zwei Jahre später sogar zurückzukehren und neu zu starten. «Doch das ging nicht, ich war innerlich doch schon zu weit weg.»

Jacqueline Vinzelberg
«Diese DDR-Zeit gehört zu mir, aber hätte ich das alles nicht selbst erlebt, würde ich wohl nicht glauben, dass es sowas mal gegeben hat», sagt Jacqueline Vinzelberg.

Stattdessen landete sie in der Schweiz. Zunächst jedoch arbeitete sie ein paar Jahre bei einer Versicherung in Freiburg, machte einen Abschluss als Versicherungsfachwirt und studierte dann Betriebswirtschaft. Eine Freundin, die damals in Zermatt arbeitete, lud sie dann ein, in den Semesterferien vorbeizukommen. Am 1. August 1997 begann sie als Kellnerin im Grampi's in Zermatt.

Sie fühlte sich wohl, kam gut an – und kehrte in den nächsten Semesterferien zurück. Im Sommer 1998 lernte sie dort ihren späteren Partner kennen, mit dem sie nach Zürich zog. Heute lebt die 52-Jährige als Journalistin und Fotografin in Volketswil ZH. «Irgendwie bin ich damals in Freiburg nie wirklich angekommen.» Es gab auch immer wieder abfällige Bemerkungen, weil sie aus dem Osten kam. «Ich bin in Deutschland letztlich immer Ausländerin geblieben. In der Schweiz war ich das zwar auch, aber man ist hier irgendwie ausländerfreundlicher.»

Aus der DDR vermisst sie die selbstverständliche Gleichberechtigung von Frau und Mann, mit der man sich im Westen immer noch schwer tue. Ansonsten staunt sie heute manchmal, wenn sie zurückdenkt. «Diese DDR-Zeit gehört zu mir, das ist auch okay, aber hätte ich das alles nicht selbst erlebt, würde ich wohl nicht glauben, dass es sowas mal gegeben hat.»

Trotz Trennung in der Schweiz geblieben

Auch Olaf Hille lebte sich in der Schweiz gut ein. Er setzte sein in Ost-Berlin abgebrochenes Studium an der Universität Zürich fort, jobbte nebenbei an verschiedenen Orten, lebte in einer WG und fühlte sich bald sehr wohl. «Ich hatte schon zuvor ein realistisches Bild vom Leben im Westen gehabt, so dass mir enttäuschte Erwartungen erspart blieben.» Als seine Beziehung Mitte 1991 in die Brüche ging, beschloss er zu bleiben. «Es fiel mir leicht, in der Schweiz Fuss zu fassen, und ich bin heute sehr froh, dass ich damals entschieden habe, es zu wagen.»

Heute ist der 53-Jährige der Leiter der Bildredaktion von Tamedia, lebt in Zürich und ist Vater von Zwillingstöchtern. Er schaut ohne Zorn auf seine Zeit in die DDR zurück, aber er vermisst auch nichts. «Ich bin froh, dass es diesen Staat nicht mehr gibt.»

Olga Roh
«Ich bin sehr privilegiert, mein Herz gehört gleich zwei grossartigen Ländern», sagt die russisch-schweizerische Doppelbürgerin Olga Roh.

Für Olga Shakhovskaya waren die Monate unmittelbar nach der Flucht nicht leicht: «Ich durfte hier mit meinem Status weder studieren noch arbeiten.» Doch mit Hilfe ihrer Gastmutter gelang es ihr, den damaligen Rektor der Universität Bern davon zu überzeugen, sie für ein Studium zuzulassen, vorausgesetzt es gelang ihr, die Schweizer Matura zu bestehen, was sie schaffte. Mit 26 machte sie ihren Doktor an der Philosophisch-Historischen Fakultät. Und während des Studiums begann sie zu modeln – der Start ihrer späteren Karriere als international bekannte Modedesignerin Olga Roh.

1992 heiratete sie ihren Schweizer Fluchthelfer, doch nach sieben Jahren zerbrach die Ehe. Heute lebt die 49-Jährige mit ihrem zweiten Mann und ihren drei Kindern in Zürich, hat einen russischen und einen Schweizer Pass und ist Kreativdirektorin ihres Modelabels Rohmir. «Ich bin sehr privilegiert, mein Herz gehört gleich zwei grossartigen Ländern.» Es sei jedoch die Schweiz, wo sich ihre Familie sicher fühle, wo sie Zuhause sei. «Grundsätzlich aber fühle ich mich fast überall wohl. Wichtig sind nicht die Orte, sondern die Menschen, die Begegnungen, die Erinnerungen.»

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