Leser-Beitrag
11. August 2017

Vom Kleinkind bis zur Pubertät

Meine Gedanken zum Thema Loslassen, Zutrauen und Vertrauen aus der Perspektive von treusorgenden Eltern.

Wir lernen am meisten aus unseren Niederlagen, schmerzvollen Erfahrungen und an Prüfungen, die das Leben an uns stellt. Als treusorgende Eltern möchten wir unsere Kinder vor Schmerz bewahren und Sie vor negativen Erfahrungen schützen. Genau diese stärken uns jedoch als Menschen, da sind wir als Wegbegleiter gefragt. Begleiten heisst nicht, Ihnen alles abzunehmen, denn gerade aus diesen Situationen bilden sie ihre Charakterstärken – mit dem Wissen, dass Eltern hinter ihnen stehen, wenn es mal nicht geschmeidig läuft.

Nach der Geburt ist das Durchtrennen der Nabelschnur die erste Ablösung des Kindes zur Mutter. Dieses neugeborene Menschlein, welche Faszination! Welche Freude und Erleichterung, wenn das Kind gesund ist und alle Gliedmassen vorhanden sind. Der Elterninstinkt ist erwacht, alles für das Menschlein zu tun, das Beste ist gerade gut genug, der Beschützerinstinkt erwacht. Fremde Menschen möchten unser Kind halten, streicheln, hüten. Wir tun uns schwer, das Kind abzugeben, denn wir wissen nicht, ob das Kind die genau gleich gute Betreuung erhält wie von uns?
Die Betreuung wird gut sein, aber anders.

Eine wertvolle Erfahrung für das Kind und eine Horizonterweiterung. Das Kind beginnt zu kriechen, aufzustehen, macht die ersten Schritte. Es will die Welt entdecken. Manche Eltern werden kreativ und machen Tischecken rund, kleben Schubladen zu, versorgen alles, was für das Kind vermeintlich gefährlich ist und machen die Wohnung, das Haus kindersicher. Besucher sind erstaunt, weil alles um- oder weggeräumt wurde.

In der Spielgruppe oder Kinderkrippe wird das Kind das erste Mal fremdbetreut. Das braucht viel Vertrauen der Eltern in die Erziehungspersonen, Zutrauen: Mein Kind schafft es schon, knapp drei Stunden ohne mich auszukommen, und wird auch keinen Schaden davon tragen.
Durch den Kontakt mit anderen Eltern werden auch Vergleiche gezogen, unser Kind kann dies und das schon ... und deines? Dadurch steigt der eigenen Druck, dem Kind alles zu ermöglichen und ja nichts zu verpassen. Mit dem grossen Schritt in den Kindergarten gerät das Kind in das Schulsystem, worauf wir Eltern keinen grossen Einfluss mehr haben. Es muss sich im Kindergarten und danach in der Schule behaupten. Auf dem Pausenplatz und dem Schulweg geraten die Kinder in erste Konflikte.

Wir können und müssen diese nicht für unsere Kinder lösen. Zuhören, begleiten, beobachten, nachfragen, das Kind stärken mit Rollenspielen, Vertrauen schenken, Fehler machen lassen, sich ausprobieren lassen. Wie weit kann ich gehen, bis der Lehrer, die Lehrerin reagiert.
Wichtig ist hinschauen, die Kinder auf Folgen aufmerksam machen. Und das wird immer schwieriger, je älter die Kinder werden.

Verantwortung abgeben ist bequem
Wenn ich dem Kind jeden Tag den Schulthek kontrolliere, braucht es nicht zu überlegen: Habe ich alles? Es wird ihm ja abgenommen und braucht nicht selber dafür zu sorgen. Die Kinder sind clever, zudem ist es bequemer, Verantwortung abzugeben, als sie zu übernehmen.
Streitereien auf dem Pausenplatz sind alltägliche Situationen. Pöbeleien, Beleidigungen, ausgeschlossen werden aus Gruppen, ausgelacht werden wegen Übergewicht, weil das Kind eine Brille trägt oder vielleicht nicht so sportlich ist wie andere.

Unter den Gruppen von (Beinahe-)Gleichaltrigen oder von Gleichgestellten wählen die Kinder aus, zu welchen sie gehören wollen: Die Coolen, die Intellektuellen, die Schönen, die Wichtigen, die Rebellen etc.
Diese Gruppen haben grossen Einfluss auf unsere Kinder/Jugendlichen – soviel sogar, dass wir uns als Eltern hilflos fühlen und spüren, dass der Einfluss auf unsere Kinder abnimmt. Das kann Angst machen, jedoch lähmt die Angst und sie ist kein guter Berater oder Wegbegleiter.

Hin- und nicht Wegschauen ist gefragt. Sich für die Kinder interessieren und mit ihnen im Gespräch bleiben. Das ist oft eine grosse Herausforderung und stellt unsere Nerven auf die Probe. Wenn sie noch keine grauen Haare haben, werden Ihnen spätestens dann welche wachsen.
Wie soll ich mich in schwierigen Situation verhalten? Bei Streitereien unter Freunden oder Hänseleien auf dem Pausenplatz? Nicht alle Kinder beschweren sich zu Hause lautstark über die Ungerechtigkeit, welche sie empfinden. Es gibt verschiedene Arten, dies mit sich auszumachen, je nach Charakter und Alter des Kindes oder wie angespannt die familiäre Situation zu Hause ist. Es gibt Kinder, die sind traurig, essen wenig, ziehen sich zurück, verbringen mehr Zeit zu Hause als mit Freunden.

Die Peer-Group
In der Pubertät, wenn der Jugendliche sowieso auf der Suche nach sich selbst ist, zieht er sich eher zurück in die eigenen vier Wände und blockt ab. In allen Situationen ist es wichtig, hinzuschauen und Dinge anzusprechen: Mir fällt auf, dass du in letzter Zeit ..., bedrückt dich was?
Zentral bleibt, Verständnis und Mitgefühl zu zeigen: Ich kann verstehen, dass diese Situation belastend für dich ist. Was gedenkst Du zu tun, zu ändern?

So geben wir dem Kind/Jugendlichen das Gefühl, wahr- und ernstgenommen zu werden. In Gesprächen können wir Situationen herbeiholen, diese gemeinsam analysieren. Als hilfreich erweist sich in Pausenplatz-Konflikten auch, die Situationen durchzusprechen, durchzuspielen, Rollenspiele und Auswege zu erarbeiten. Was könntest du sagen, wie könntest du reagieren, was gibt es für Möglichkeiten?

Auch hier ist es wichtig, das Kind aussprechen und überlegen zu lassen. Eigene Ideen und Handlungsweisen zu erarbeiten und auszusprechen, helfen ihm, dem Gegenüber eine klarere Botschaft zu zeigen. Durch das Gespräch und die möglichen Lösungen fühlt sich das Kind/der Jugendliche bereits durch uns gestärkt.

Wir helfen und stärken unser Kind nur, indem wir Ruhe bewahren und uns nötigenfalls externe Hilfe und Beratung holen.

Zutrauen, nicht aus Mitleid übernehmen, mitleben!
Wie sollen wir damit umgehen und reagieren, wenn unser Kind in der Pubertät anfängt zu rauchen, zu kiffen, Alkohol zu trinken? Und sich ausprobiert in Sachen Kleidung: punkig, rockig, Schlampenlook, Gothic, Hipster etc. ? Wir werden an allen Fronten getestet, unsere Reaktion wird argwöhnisch beäugt und wir werden geprüft.

Reagieren wir geschockt, besorgt, belustigt? Alles wird genau wahrgenommen und gedeutet. Konflikte werden heraufbeschworen und unser Umgang damit genau gedeutet und beobachtet.
Missachtung der Handynutzungsregeln, Computerzeiten und Ausgangszeiten sowie das Nichterledigen der Hausaufgaben stellen unsere Nerven und Geduld auf eine harte Probe.

Die Null-Bock-Einstellung der Teenager ist für uns unverständlich und bringt uns an den Rand der Verzweiflung. Wie bereits gesagt ist es wichtig, mit dem Teenager im Gespräch zu bleiben. Unsere Meinung kundtun zu ihrem Verhalten. Stellung beziehen zum Thema Drogen, unsere Werte aufzählen und bei unserem Standpunkt bleiben.

Aufzeigen: Wir sehen Du hast gekifft, geraucht, getrunken... Schade, Du kennst unsere Einstellung dazu. Wir schauen hin, beobachten dich und sagen dir auf den Kopf zu, was wir sehen. Es liegt in deiner Entscheidung, wie du deine Gesundheit strapazieren willst. Es ist traurig, aber wir akzeptieren deine Entscheidung. Du wirst erwachsen und bist für dein Leben selber verantwortlich. Wir haben dir unsere Grundwerte mitgegeben, du entscheidest nun selber, welche du leben möchtest. Auflagen sind z.B.: In der Wohnung/auf dem Balkon wird nicht geraucht. Was du auf öffentlichen Strassen tust, da haben wir keinen Einfluss.

Regeln aufstellen und benennen in den eigenen vier Wänden.

Die Zauberformel: im Gespräch bleiben

Herzliche Grüsse, Daniela Schlegel

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