06. Mai 2019

Vom Gartenbeet auf den Tisch

Vor dieser Frau ist kein Gewächs sicher: Die Ostschweizerin Pascale Treichler fertigt aus ihren Kräutern, Blumen und Wurzeln alle möglichen Gaumen- und Hautschmeichler. Ein Genuss ist ihr Garten aber auch einfach so, fürs Auge und für die Seele.

Pascale Treichler vor ihren Hochbeeten. Hier gedeiht ein Cassis-Strauch bestens.
Pascale Treichler vor ihren Hochbeeten. Hier gedeiht ein Cassis-Strauch bestens.

In der einen Hand die Teetasse, in der anderen eine Rebschere, in der Hosen­tasche das Handy: So schreitet die 47-jährige Pascale Treichler durch ihren Garten im sanktgallischen Eichberg. Schnuppert an Blüten, schnipselt an Zweigen herum, fotografiert mit Morgentau benetzte Blumen. So beginnt für sie im Frühling und Sommer fast jeder Tag. Und meist endet er damit, dass sie neben ihrem Mann auf der selber gebauten Schaukel den Blick in den Garten geniesst.

zu Pascale Treichlers Grundstück gehört auch eine riesige Wiese
Zu Pascale Treichlers Grundstück gehört auch eine riesige Wiese. Diese hat sie verpachtet, aber sie liebäugelt damit, noch ein paar Laufmeter davon ihrem Garten zuzuschlagen.

Dazwischen liegen Arbeitsstunden im Sekretariat eines Spitals, Haushalt, Einkäufe und – wenn sie Glück hat – ein paar Stunden im Garten. «Eigentlich zu wenige», sagt die Hobbygärtnerin. Sie würde gerne mehr Zeit zwischen Büschen, Bäumen und Blüten verbringen, da gibt es ja auch reichlich zu tun. Zurzeit sei zum Beispiel Jäten angesagt, sagt Treichler, «und jäten und jäten». Heute kommt die Ernte der Bärlauchknospen und -blüten hinzu. «Die Blätter habe ich verpasst», sagt sie achselzuckend. Nun pflückt sie vorsichtig die weissen Knöpfe und Büschel, wäscht sie gründlich und schichtet sie in ­Gläser, gibt ein gutes Öl dazu und fertig ist
das feine, gesunde Würzöl.

Blüten und Knospen des Bärlauchs
Mit den Blüten und Knospen des Bärlauchs setzt die Kräuterexpertin ein Öl an.

Produkte aus den Gewächsen ihres Gartens sind Pascale Treichlers Spezialität. Sie fertigt Gelee aus Waldmeister, Sirup aus Holunderblüten, Tee aus Brennnesseln oder Glace aus Veilchen. Kein Kraut ist vor ihr sicher; sie schafft es, selbst ausgemachten Gartenfieslingen wie dem Ackerschachtelhalm etwas Positives abzugewinnen: Sie verarbeitet ihn zu einem hautpflegenden Balsam. Seit sie eine Kräuterakademie mit Bravour abgeschlossen hat, verbringt Treichler unzählige Stunden mit lustvollem Schnetzeln, Sieden und Vermengen. Gerne gibt sie ihr umfassendes Wissen auch weiter, in Kursen und Workshops, aber auch auf ihrer Homepage, die gerade bei der Verleihung des Deutschen Gartenbuchpreises in der Kategorie Blogs den dritten Platz errang.

Ein Plätzchen namens Mojito


Das Material für ihre Naturprodukte bezieht die Hobbygärtnerin natürlich aus dem eigenen, 600 Quadratmeter grossen Garten. Dieser schmiegt sich mit eleganten Windungen an das 200 Jahre alte Schindelhaus, das einst ihrer Urgrossmutter gehörte. Vor 20 Jahren übernahmen Treichler und ihr Gatte die ­Liegenschaft. Sie zogen aus Spreitenbach AG hierher, erzählt sie bei einem Tee auf dem kiesbedeckten Sonnenbödeli, «und das war ein Kulturschock». Nur alle paar Stunden fuhr ein Bus an ihrer neuen Adresse. Ein Jahr lang würden sie es versuchen, beschloss das junge Paar.

harmonischer Garten mit Biotop
In jahrelanger Arbeit haben Pascale Treichler und ihr Mann einen harmonischen Garten mit Biotop geschaffen.

Dann kam eine neue Küche, und es kamen Ideen für die Verschönerung der Umgebung. Treichlers Vater hatte sich schon liebevoll um einen Gemüsegarten gekümmert, diesen bauten die neuen Hausherren nun sorgfältig und stetig aus. Sie legten einen Teich inklusive Regenwassertank an und mehrere Terrassen, denn das Grundstück liegt am Hang. Sie bauten Trockenmauern und einen überdachten Sitzplatz. Erstellten Hochbeete und ein Gewächshaus. Sie säten, pflanzten, setzten und ernteten. Gleichzeitig renovierten sie das Wohnhaus. Nach zwei Jahren wollten sie nicht mehr wegziehen.

Vor ein paar Jahren funktionierte die Familie einen alten Stall um, heute sind darin Zimmer und ein Bad. Draussen wurde ein Grillplatz geschaffen. Er wurde der bevorzugte Outdoorplatz des Nachwuchses und erhielt den Namen Plaza Mojito – wegen der vielen verschiedenen Pfefferminzen, die hier wachsen.

Idee liegt auf der Kaffeemaschine

Die Gestaltung des Gartens geht weiter. Das läuft meist so, dass Pascale Treichler zu ihrem Mann sagt: «Schatz, ich hab eine Idee.» Arthur Treichler verdreht die ­Augen. Er weiss, dass es für ihn in Arbeit ausartet. Völlig unbeeindruckt malt sie ihre Idee auf ein Blatt und legt es auf die Kaffeemaschine – weil er sich da zuverlässig immer wieder aufhält. Nach vielen Diskussionen nimmt er das Projekt in Angriff. «Handwerklich ist immer alles perfekt», sagt Pascale Treichler, «aber optisch habe ich so meine Ansprüche.» Also kann es sein, dass er baut und sie kaschiert – gerne mit rankenden Pflanzen.

selber gebaute Schaukel
Auf der selber gebauten Schaukel verbringt das Ehepaar Treichler mit Vorliebe laue Abendstunden.

Zusammenarbeit ist auch gefragt, wenn Pascale Pflanz- oder Saatgut in Grossistenmengen bestellt hat. «Fünf Zierlauchsetzlinge aus Holland, das lohnt sich einfach nicht», sagt sie. Also bestellt sie 50. Und die müssen möglichst zeitnah in den Boden, was mit vier Händen einfach schneller geht als mit zwei. Pascale Treichler ist über die Jahre zur veritablen Selfmade-Frau geworden. «Es gibt alles Mögliche auf Youtube», sagt sie. Dort hat sie gelernt, dass sich das Kabel einer Heckenschere, das man aus Versehen zerhackt hat, immer wieder zusammensetzen lässt. «Irgendwann war das Kabel aber zu kurz», gesteht sie. Ihr Sohn, von Beruf Elektroinstallateur, sorgte dafür, dass Pascale Treichler heute mit einer kabellosen Akkuschere arbeitet.

Rhabarber deckt Pascale Treichler mit einem Topf ab
Den Rhabarber deckt Pascale Treichler mit einem Topf ab (oben). Dadurch sind die Stangen früher erntereif.

Die Hobbygärtnerin schätzt die Unterstützung ihrer Männer sehr. Dafür verzeiht sie ihnen allfällige Kollateralschäden. Dass ihr Mann die Magnolie in der Wiese ummähte, schmerzte sie schon. Sie hatte sie extra mit einem Stecken markiert. Pascale Treichler päppelte das Bäumchen wieder auf und brachte es in Sicherheit – in ein Beet neben dem Sonnenplätzchen.

Ebenda sitzt sie jetzt, guckt über ihren Garten, den Hang hinauf zur Wiese, die ebenfalls ihr gehört, die sie aber verpachtet hat. Einen Streifen davon würde sie gerne noch ihrem Garten hinzufügen, nur einen Meter breit. Dazu müsste man allerdings den Zaun versetzen. Vielleicht liegt bald wieder eine Zeichnung auf der Kaffeemaschine.

Zu Pascale Treichlers Blog: pascaletreichler.com

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