21. Februar 2019

Vom Abseits in die Zukunft

Es ist zwar schön in den Bergen, aber es gibt kaum berufliche Perspektiven: Zwei junge Menschen aus Bergregionen erzählen von den Hürden auf dem Weg zur Karriere.

Reto Michael
Name: Reto Michael; Jahrgang: 1990; Herkunft: Valchava GR, Val Müstair; Wohnort: Stadt Zürich; Ausbildung: Primarschule in Valchava und Santa Maria, Sekundarstufe in Santa Maria, Lehre als Schreiner in S-chanf, Engadin, Technische BMS in Chur, Passerelle in St. Gallen, Studium MSc Maschineningenieurwissenschaften, ETH Zürich; Beruf: Data Analyst bei PwC in Zürich

Gerade mal einer von 20 Mitschülern ist geblieben. Der Jahrgang 1990 ist ausgeflogen aus dem Val Müstair, diesem schwach besiedelten Bündner Tal zwischen Ofenpass und Südtirol. Zu denen, die ihr Glück anderswo gesucht haben, zählt auch Reto Michael aus dem 200-Seelen-Dorf Valchava.

Zuerst sah es bei ihm noch so aus, als würde er in der Nähe der Heimat bleiben: Nach der Sekundarschule absolviert er die Lehre als Zimmermann in S-chanf im Engadin. Der Beruf gefällt ihm. Doch mit 19 denkt er sich: Das kann es jetzt nicht gewesen sein. Der Bündner holt die Berufsmittelschule in Chur nach und schliesst danach erfolgreich die Passerelle in St. Gallen ab.

Einmal das Ticket zu den Hochschulen in der Tasche, will er es auch nutzen und entscheidet sich für ein Studium der Maschineningenieurwissenschaften an der ETH Zürich. «In den ersten Wochen war ich komplett überfordert. All die klugen Köpfe schüchterten mich ein», sagt Michael. Er habe das Gefühl gehabt, ständig hinterherzuhinken. «Vor allem die Mitstudenten, die das mathematisch-naturwissenschaftliche Gymnasium besucht hatten, glänzten mit viel mehr Vorwissen. Er glaubt, die erste Prüfung total verhauen zu haben. Als er dann doch eine 5,5 erzielt, schöpft er neuen Mut. Er besteht die Zwischenprüfungen und schliesst im Sommer 2018 den Master mit Fokus auf Datenwissenschaften ab.

Das Geld war lange Zeit knapp

Als grobe Benachteiligung hat Reto Michael es nie empfunden, am äussersten Zipfel der Schweiz aufgewachsen zu sein. Auch wenn einige Voraussetzungen optimaler sein könnten: Michael musste schon früh in WG-Zimmern leben und mit 2300 Franken pro Monat auskommen. «Über lange Zeit so auf das Geld achten zu müssen, ist hart», sagt er. Die finanziellen Engpässe konnte er dank Stipendien der Pestalozzi-Stiftung überbrücken.

Seit September arbeitet Reto Michael nun als Data Analyst beim Beratungskonzern PwC in Zürich. Ein Job, der ihm sehr gefällt – in einer Stadt, in der er sich ein Leben vorstellen kann. Zurück ins Val Müstair will Michael nicht mehr. Dennoch hat er sich die Verbundenheit zu den Bergen und seiner Heimat bewahrt und sich für den Aufnahmetest zum Bergführer angemeldet.

Bettina Willi
Name: Bettina Willi; Jahrgang: 1991; Herkunft:Hasliberg Wasserwendi BE; Wohnort: St. Erhard LU; Ausbildung: Primarschule in Hasliberg, Sekundarstufe in Meiringen, Lehre als Hochbauzeichnerin in Meiringen (Berufsschule in Thun), Technische BMS berufsbegleitend in Bern, Studium BSc in Wirtschaftsinformatik, Hochschule Luzern; Beruf: Entwicklungsprojektleiterin bei Softwareanbieter Bison Schweiz AG in Sursee LU

Schon für den Weg zum Kindergarten musste sich Bettina Willi in den Bus setzen, um von Hasliberg Wasserwendi BE ins Nachbardorf zu gelangen. Die Sekundarschule besuchte sie im Tal in Meiringen, für die Lehre als Hochbauzeichnerin ging es nach Thun.

Ein Studium war stets ihr Traum. Die Berner Oberländerin holte die Berufsmittelschule nach, entschied sich für ein Informatikstudium, wechselte später ins Fach Wirtschaftsinformatik. Die Fahrt zur Hochschule in Rotkreuz ZG dauerte mit öffentlichen Verkehrsmitteln knapp drei Stunden – Bettina pendelte, um die Kosten für eine Wohnung zu sparen.

Da ihr Vater vor zehn Jahren verstarb, erhielt die junge Frau eine Waisenrente, bis sie 25 war. Danach wurde es finanziell schwieriger: mit zwei Geschwistern in Ausbildung und einer Mutter, die nicht alles ermöglichen konnte. So begann sie, an den Wochenenden in der Landi an der Kasse zu arbeiten. Ihr Hobby, das Reiten, gab sie auf. «Ich war entweder am Studieren oder am Arbeiten. Ich hatte fast keine Freizeit mehr.» Und dennoch kam sie kaum über die Runden. Also begann sie, sich um Stipendien zu bemühen, und stiess im Internet auf die Pestalozzi-Stiftung. «Ich wurde glücklicherweise angenommen.» Die jährlichen Förderbeiträge reichten, um die Ausgaben für Schule und Verkehrsmittel zu decken. «Das hat mich sehr entlastet.»

Schulfreunde leben heute alle im ganzen Land verstreut

Im vergangenen Sommer hat Bettina Willi ihr Bachelorstudium abgeschlossen. Im Juli hat sie ihren Job bei einem Software-Entwickler in Sursee LU angetreten, im September ist sie in die Zentralschweiz gezogen. Sie mag ihre Arbeit sehr, hätte sich aber auch vorstellen können, in ihrer Heimat zu bleiben. «Das wäre aber aussichtslos gewesen. Die Bau- und die Tourismusbranche boomen, ansonsten gibt es kaum Optionen.Besonders im IT-Bereich wäre es im Oberland schwierig geworden.»

Die Schulfreunde leben verstreut in der Schweiz, nur die wenigsten sind geblieben. «Das ist bitter.» Dies und der erschwerte Zugang zu einer höheren Ausbildung empfindet Bettina Willi als Nachteile, wenn man aus einer abgelegenen Bergregion stammt. Trotzdem würde sie mit keinem tauschen wollen: «Es ist auch ein Privileg, so naturnah in den Bergen aufzuwachsen.» Beim Blick aus dem Fenster ihrer neuen Wohnung fehlt ihr denn auch etwas: die steile Felswand.

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