26. Juli 2018

Voll im Leben

Ein Buch voller Tragik und Komik – eben voll aus dem Leben. Die Kritik zum Westküsten-Roman von John Fante

Buchcover: «Voll im Leben»
Lesezeit 3 Minuten

In «Voll im Leben» hat sich der junge Drehbuchautor John Fante im Hollywood der 1950-er Jahre einen Namen als Autor gemacht und erfüllt sich endlich seinen Traum vom eigenen Haus in LA. Seine Frau Joyce, die er abgöttisch liebt, erwartet ihr erstes Kind, das Glück scheint also perfekt. Doch mit der Schwangerschaft verändert sich alles: Die umwerfende Süsse ihrer Seidenslips weicht grossen, zweckmässigen Säcken, ihre flachen Schuhe eignen sich nur noch fürs Reisfeld, ihre Blusen ähneln plötzlich kleinen Hundehütten und ihr betörendes Parfüm «Farn in der Dämmerung» wird durch eine Art gesund riechendes Gayelord- Hauser-Kölnischwasser ersetzt.

Das alles setzt dem jungen Mann gewaltig zu. Da Ehegatten schwangerer Frauen für gewöhnlich fremdgehen, versucht auch John, die Sehnsucht nach fremden Früchten in sich zu entfachen. Aber es will ihm nicht gelingen. Der Gang in die Bar bringt hier einzige Abhilfe. «Das war Ehe, dieses Begrabensein, dieses scheussliche Gefängnis, wo ein Mann aus dem überwältigendem Bedürfnis, gut und anständig und normal zu sein, sich um drei Uhr morgens wie ein Schwachsinniger benimmt. Und Kinder sind der einzige Lohn, und auch die sind eine undankbare Brut.»

Und auch Joyce verliert während der Schwangerschaft zunehmend den Boden unter den Füssen. Und nicht nur im übertragenen Sinne, denn eines Tages gibt der Küchenfussboden unter ihr nach, und sie landet mitsamt der Kücheneinrichtung einen Stock tiefer. So, wie das Haus von Termiten zerfressen ist, zerfrisst die ganze Situation auch immer mehr den armen John. Seine Frau verweigert sich ihm sexuell und mutiert zudem von der Atheistin zur frommen Katholikin.

Fante Senior, den John zu sich holt, um das Haus zu reparieren, wird zur nächsten, fast unüberwindbaren Herausforderung: Denn Vater Nick ist nicht nur Maurer, sondern auch ein alter Dickschädel, verschroben, aufbrausend und furchtbar gefühlsduselig. Der traditionsbewusste Italoamerikaner raubt seinem Sohn den letzten Nerv. Am Ende entwickeln sich die Dinge komplett anders als geplant. Als das Kind endlich da ist, klafft noch immer ein Loch in der Küche, dafür steht im Wohnzimmer ein neuer Kamin.

John Fante, im deutschsprachigen Raum vor allem bekannt für sein meisterhaftes Werk «Ask the dusk» – deutsch «Ich – Arturo Bandini» – das sogar «Züri West» zu einem Album inspirierte –, ist noch immer ein Geheimtipp und wurde selbst in den USA lange verkannt. Erst im fortgeschrittenen Alter, blind und beinamputiert, wurde er zu den grossen West-Coast-Schriftstellern wie Mailer, Fitzgerald und Chandler gezählt. Nicht zuletzt hat er das Charles Bukowski zu verdanken, der ihn zu seinem «Gott» erklärte.

Fantes Storys strotzen vor überwältigender Schlichtheit und einer perfekten Mischung aus Humor und Schmerz. Sie sind universell gültig, auch in der heutigen Zeit. Bis auf die Tatsache, dass die Protagonisten im Buch noch überall rauchen dürfen, selbst im Krankenhaus vorm Kreissaal. Fantes versteht es, zwischen Tragik und Komik immer genau die Balance zu halten. Seine Sprache zeichnet sich durch Klarheit und durch ihre Nähe zur Umgangssprache aus.

Zu seinen Lebzeiten war «Full of Life» sein einziges Werk, dass ein Bestseller wurde. Fantes Drehbuch dazu wurde schliesslich auch mehrfach verfilmt und für einen Oscar nominiert. «Voll im Leben», die erste deutsche Ausgabe des Buches, wunderbar übersetzt von Doris Engelke, gehört unbedingt in jede gut ausgestattete Hausbibliothek. «Dein Vater, ..., hat sich abgerackert für deine gute katholische Erziehung. Aber du liest jetzt Bücher und nicht nur das, du SCHREIBST Bücher. Was hast du gegen uns, Fante?», fragt im Buch Pater John. Ein Glück für uns, dass er sich davon nicht hat abhalten lassen.

Bei Ex Libris: Voll im Leben
Autor: John Fante
Verlag: Maro Verlag

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