24. Juli 2017

Vierzig Pässe in zehn Tagen

Oliver Zimmerli und Nima Hashemi wollen in anderthalb Wochen rund 1070 Kilometer und 31 630 Höhenmeter bewältigen – mit dem Rennvelo über 40 Passstrassen.

Oliver Zimmerli und Nima Hashemi auf dem Klausenpass
Oliver Zimmerli und Nima Hashemi beim Trainieren auf dem Klausenpass.
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Kuhglocken bimmeln, Nebelschwaden steigen, die Strasse dampft. Eben hat es über dem Glarnerland noch geregnet. Nun schwappt ein sattes Blau aus der Innerschweiz über den Klausenpass. Zwei Rennradfahrer winden sich die Serpentinen bis zur Passhöhe hoch. Sie sind in zügigem Tempo unterwegs und sehen noch erstaunlich frisch aus, obwohl sie bereits rund 1300 Höhenmeter in den Beinen haben.

Bergfloh Oliver Zimmerli: «Ich habe eine Herausforderung gesucht, etwas, das noch nie jemand gemacht hat.»

Der Klausen ist für Oliver Zimmerli (36) und Nima Hashemi (30)eine lockere Trainingsfahrt. Sie haben viel Grösseres vor: Das Projekt «10/40». Anfang August wollen die beiden Amateure in zehn Tagen über 40 Pässe fahren. Insgesamt 1070 Kilometer und 31 630 Höhenmeter. Dagegen scheint die Tour de Suisse eine Plauschfahrt: Die Tourprofis legten dort in diesem Jahr in neun Tagen zwar ähnlich viele Kilometer zurück, aber mit bloss 17 490 Meter beinahe halb so viele Höhenmeter.

Das Mentale wird entscheiden

Warum tut man sich so was an? «Ich habe eine Herausforderung gesucht. Etwas, das noch nie jemand versucht hat. Und 10 und 40 sind schön runde Zahlen», sagt Oliver Zimmerli, ein gross gewachsener Blondschopf mit keinem Gramm zu viel auf den Rippen. Er habe dann via eine Rennrad-WhatsApp-Gruppe mit rund 150 Mitgliedern einen Sparringpartner gesucht. «Und ich war der einzige Depp, der sich gemeldet hat», fällt ihm Nima Hashemi ins Wort und lacht. Er ist der muskulösere der beiden, dafür schleppt er mehr Gewicht den Berg hoch. Während Sportskanone Hashemi in der Fläche der stärkere ist, zieht ihm Bergfloh Zimmerli in den Anstiegen davon.

Sportsfreund Nima Hashemi: «Die Schweiz ist ein Paradies für Radfahrer. Klein und kulturell doch so vielfältig.»

Der Knackpunkt wird das Mentale sein: «Wir werden garantiert die eine oder andere Krise durchmachen», meint Oliver Zimmerli. «Dann ist es wichtig, dass der eine den anderen unterstützt.» Darum würden sie versuchen, trotz ihrer unterschiedlichen Stärken stets gemeinsam zu fahren. Auch von Regen wollen sie sich nicht bremsen lassen, einzig bei den Abfahrten werden sie bei schlechten Verhältnissen auf den Teambus umsteigen, der von Zimmerlis Vater und Schwiegervater gesteuert wird. Auch ein befreundeter Mechaniker sowie ein Physiotherapeut gehören zur Crew – und ein Arzt und eine Krankenschwester stehen auf Abruf bereit.

Zwei grundverschiedene Typen

Seit vergangenem Herbst haben die beiden unzählige Stunden an der Organisation gefeilt, keinen Schluck Alkohol mehr getrunken und je rund 7000 Kilometer abgestrampelt. Während Nima Hashemi eher nach Lust und Laune trainiert, hält sich Oliver Zimmerli strikt an einen Plan.

Das kommt nicht von ungefähr: Der Aargauer ist Fitnessinstruktor im Migros-Fitnesspark Stockerhof in Zürich und damit sozusagen Experte in Sachen Training. So hat er im Studio gezielt seine Ermüdungsresistenz erhöht: Mit jeweils 30 bis 35 Beinpressen bis zum Anschlag und anschliessendem 45-minütigem Indoor-Cycling bei einem Puls von 169 bis 189. Ein Programm, das garantiert für brennende Muskeln und müde Beine sorgt.

Der Klausenpass ist für Oliver Zimmerli und Nima Hashemi eine lockere Trainingsfahrt.

«Nur wenn man regelmässig an seine Grenzen geht, den Körper bis ans Limit bringt, macht man wirklich Fortschritte», erklärt Oliver Zimmerli. Diese Einstellung wurde ihm bereits in die Wiege gelegt: «Meine Eltern sagten mir immer, wer wirklich etwas erreichen wolle, müsse halt manchmal auch auf die Zähne beissen.» Sport war stets ein wichtiger Teil des Familienalltags – und der Grossvater als passionierter Radfahrer ein Vorbild.

Der gebürtige Iraner Nima Hashemi, der eben ein Studium im Bereich Banking & Finance abgeschlossen hat, hat einen ganz anderen Hintergrund: «In meiner Familie sind alle eher gemütlich unterwegs.» Zum Rennrad hat er vor sechs Jahren über eine Knieverletzung gefunden. Radfahren war gut für die Regeneration des Gelenks. Das Knie hat sich inzwischen vollständig erholt, geblieben ist die Freude am Velofahren.

Die Schweiz ist ein Paradies für Radfahrer

«Die Schweiz ist ein Paradies für Radfahrer. Klein und kulturell doch so vielfältig», schwärmt Hashemi. Als Beispiel nennt er die Runde Oberalp– Lukmanier–Gotthard: «Ein Tag, drei Pässe und drei komplett andere Regionen. Wo sonst auf der Welt gibt es so was!»

Genau diese Runde wird die letzte Etappe der beiden Hobbysportler sein. 156 Kilometer und 3210 Höhenmeter, von Hospental bis Hospental – und das, nachdem sie bereits beinahe zwei Wochen ohne Erholungstag im Sattel sitzen.

Wie überwindet man solche Strapazen? «Eine gewisse Freude am Leiden muss man wahrscheinlichschon mitbringen», meinen die beiden einstimmig und grinsen. Aber die Qual am Berg werde eben auch belohnt: durch den Ausblick auf der Passhöhe, die Abkühlung in der Abfahrt – oder mit der unbändigen Freude auf einen Teller Pasta.

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