Leser-Beitrag
07. November 2017

Viel Rauch

Die Lesergeschichte zum Thema Rücksichtsname und «Mitenand».

Wo Rauch ist ...

Die Dunkelheit bricht schleichend herein. Die Sonne, nordwestlich vom hohen Horizont geschluckt, tiefhängende, dunkle Wolken, rötlich brennend eingefärbt, zeichnen ein Weltuntergangsszenario am Himmel.

Jose's Hände krallen sich in das Balkongeländer. Die Fingernägel bohren sich in den grauen Lack, Venen zeichnen sich deutlich auf der Haut ab. Der Leib zittert.

«Durchatmen.»

Der Senior erinnert sich an das Jogaseminar, welches er vor Jahren während eines berufsbegleitenden Kursus belegt hat.

«Tief durchatmen.»

Der angespannte Körper lässt los, eine innere Ruhe breitet sich im Geist aus.

Seid der letzten Abstimmung, «Rauchen in privaten und öffentlichen Gebäuden verboten», hat sich seine körperliche Verfassung verbessert. Unter Druck konnte er endlich der lästigen Sucht Herr werden. An seinem psychischen Befinden muss er noch arbeiten.
Der Vermieter verbaute einige Rauchmelder in der Wohnung. Das heimliche Zigarettenziehen auf dem Balkon wird aber mit nachbarschaftlichem Beobachten und Anzeigen beim Hauseigentümer geahndet. Unangenehm. Die geblümten Gardinen vis-à-vis, den ganzen Tag geschlossen. Doch am Bund sind immer wieder Bewegungen, manchmal Augen und Nase, zu sehen. Dasselbe Szenario oben und unter ihm. Einziger Unterschied sind die verschiedenen Farben und Muster der Vorhänge. Gespenstig.
Im Haus gegenüber geschlossene Rollos. Am Tag, wenn die Sonne scheint, blitzen manchmal Gläser von Objektiven, welche in den Lamellen eingeklemmt sind, in den Strahlen. Überwachung pur, wie in den «kalten Zeiten». Durch das Konsumieren dieses kleinen Glimmstängels wird man zum Staatsfeind.

Jose war schon immer ein Rebell. Er muss lachen, wenn er zurückdenkt. Sein Mittun an Demonstrationen für das Frauenstimmrecht, seine unendlichen Leserbriefe an nationale Rechte um die Interessen der Jugend.
Die Zigarette zündet er in diesem Moment aus lauter Gewohnheit an, zieht den Rauch tief in die Lungen. Mit einem Glas Rotwein sitzt er auf der Terrasse. Die Sonne, geschluckt von der Nacht, als er das Bersten von Holz hört. Brachiale Gewalt. Militärische Stimmen.

«Gut! Leer! Gut!»

«Hier!»

Bevor er sich aus dem bequemen Lehnstuhl erheben kann, fühlt er einen kalten Metallauf im Nacken, die Arme werden ihm ruckartig auf den Rücken gedreht, mit Plastikbindern fixiert.

«Ruhig jetzt, sie haben geraucht, sie sind verhaftet. Hans, lies ihm das Gesetz vor.»

Der Polizist packt die halb abgebrannte Kippe in einen Beutel, Andere bugsieren Jose aus der Wohnung. Aus den halb aufgesperrten Türen der Nachbarn im Treppenhaus sind höhnische Augenpaare zu sehen. Ein uniformierter Beamte schubst ihn unten vor dem Wohnungseingang in den gepanzerten Bus, schließt die Autotüre, zündet sich eine Zigarette an.

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