02. Februar 2018

Viel Freiraum auf kleiner Fläche im Tiny House

Monika und Thomas Vins reichen 20 Quadratmeter Wohnfläche – in einem sogenannten Tiny House. Der ehemalige Zirkuswagen Marke Eigenbau bietet zwar keinen Luxus, dafür viel Nähe und Lebensqualität für das Paar mit Hund und Baby.

Familie Vins vor ihrem Tiny House
Familie Vins und ihr kleines Glück: ein Tiny House auf einem Campingplatz eingangs des Surselvatals

Wenn man an dem moosgrünen Stoffvorhang zieht, hallt das Geräusch der Gleiter einen Moment lang nach. In dem Minihaus auf nicht mehr als 20 Quadratmetern, das früher mal ein Zirkuswagen war, gibt es genau einen Raum und eine Tür. Bei einem Streit in ein anderes Zimmer stapfen und die Tür hinter sich zuschlagen – das geht hier nicht.

Das Ehepaar Monika (37) und Thomas (30) Vins lebt seit eineinhalb Jahren mit Hund Barney auf einem Campingplatz am Eingang zum malerischen Surselvatal. Vergangenen Frühling ist Baby Romy dazu­gekommen. Ihr Zuhause ist ein sogenanntes Tiny House – ein winziges Haus – auf Rädern und mit ­kleiner Wohnfläche.

Regeln, wie gross ein solches winziges Haus sein darf, gibt es nicht; im Schnitt sind es bis zu 40 Quadratmeter. Verglichen mit konventionellen Immobilien, ermöglicht diese Wohnform ein mobileres, finanziell unabhängigeres, ökologischeres und minimalistischeres Leben.

Küche im Tiny House
In der Küche gibt es alles, was man braucht. Dahinter befindet sich das Bad.

Von 100 auf 20 Quadratmeter

Monika Vins sitzt auf dem Sofa, das zum Gästebett umfunktioniert werden kann. Sie erzählt, wie sie Thomas kennengelernt hat: «Das erste Mal haben wir uns auf dem Berg als Saisonniers getroffen.» Er, der schnittige Skilehrer, sie, die blonde Bardame. Am Tresen treffen sich ihre Blicke. Er besucht sie immer öfter nach dem Unterricht. «So fing alles an – der Klassiker halt», sagt sie und lacht. Das Suvrettatal wird zum gemein­samen Lebensmittelpunkt. Beide arbeiten, sie inzwischen als Primarlehrerin, er als Vermessungszeichner. Sie ziehen in eine 100 Quadratmeter grosse Wohnung, in die sie nach getaner Arbeit müde heimkehren.

Wohnzimmer im Tiny House
Im veränderbaren Wohnbereich empfangen die Vins auch gern Gäste.

Eines Tages schaut sich Thomas Vins genauer in der Wohnung um und beginnt die Tische zu zählen: Küchen-, Büro-, Esszimmer-, Balkon- und Gästezimmertisch. «Wozu brauche ich fünf Tische, wenn es mich nur ein Mal gibt?» Auf der Hochzeitsreise hat das Paar Zeit, sich solche Fragen zu stellen. Zwischen den rauen Klippen der Galapagosinseln und glitzerndem Wasser in Tahiti reift die Entscheidung: Beide wünschen sich ein Leben mit weniger Kram und Verpflichtungen, dafür mehr Freiheit und Mobilität.

In ihrem Tiny House gibt es keinen Wickeltisch und nur wenige Spielsachen. Weder Kinderwagen noch Kinderbettchen sind zu sehen. Wo schläft die Kleine? Romy ist ihren Eltern auch im Schlaf ganz nah: Neben deren Bett, das sich im Zwischenstock befindet sich eine herkömmliche Babymatratze mit Lattenrost. Zu ihrer Sicherheit kann der gesamte Bereich mit einem Netz bespannt werden. «Wenn sie schlafen will, sind wir einfach ein paar Minuten lang ruhig.» Ein Babyphone brauchen die Vins nicht. «Sie schreit sehr selten», sagt die Mutter.

Trenntoilette im Tiny House
Eine Trenntoilette muss sein, damit kein übler Geruch entsteht.

Gewickelt wird Romy dort, wo es gerade passt. Die Vins sind pragmatisch. Sie benutzen zum Wickeln ein dickeres, wasserdichtes Tuch, das sich zusammenfalten und überallhin mitnehmen lässt. «Zwei Stück davon reichen.» Romy ist im Tragetuch, wenn ihre Eltern im Wald spazieren gehen. «Ein Kinderwagen würde auf ungeteerten Wegen stecken bleiben.» Ausserdem geniesse sie es, ihre Tochter nah bei sich zu haben. «Und ich denke, ihr geht es genauso.»

Das Paar gönnt sich insgesamt rund ein Jahr Elternzeit. Beide wollen Romy aufwachsen sehen. Sie finanzieren sich die Auszeit nach dem Mutterschaftsurlaub mit Erspartem und Gelegenheitsjobs. Die Skisaison ist ja in vollem Gang.

Weniger Geld, mehr Zeit

Die Sonne sieht man im Winter auf dem Campingplatz nur kurz. Das ist schlecht für die zahlreichen Solarpanels, die auf dem Tiny House montiert sind. «Wir haben mit Solarenergie eigentlich kaum Stromkosten», sagt Thomas Vins. Fast alles, was im Haus Strom braucht, ist an das Solarsystem angeschlossen. Kühlschrank, Warmwasserspeicher und Licht. Die Bodenheizung funktioniert mit warmem Wasser, das durch die Solarthermie erhitzt wird. Der Herd ist gasbetrieben. Wenn Schnee liegt, wird mit Holz geheizt. Thomas Vins’ Fingernägel sind schmutzig. Er schraubt zurzeit am neuesten Projekt, an einem kleinen Oldtimerbus: Er soll einst Romys Kinderzimmer werden.

Das Tiny House der Familie Vins inklusive Oldtimerbus
Den Bus vor dem Haus baut Thomas Vins zurzeit um zu einem Kinderzimmer für Romy.

Beim Tiny House hat das Paar vom Grundgerüst bis zur Verkleidung alles selbst ausgetüftelt. Nur Letztere hat ein Wagenbauer umgesetzt. Auf ihrem Blog Ökilogisch.ch teilen sie ihr Tiny-House-Wissen mit Interessierten. Bedeutet mehr Zeit automatisch mehr Glück? «Wenn man mit seiner Zeit etwas anzufangen weiss, dann schon.»

Und das liebe Geld? Rund 1500 Franken pro Monat reichen der Familie. Das meiste gehe für Standmiete, Versicherungen und Essen drauf. Um die Zukunft machen sie sich keine Sorgen: «Wir planen nicht mehr als ein halbes Jahr im Voraus.» Seit neun Jahren sind Monika und Thomas Vins nun schon gemeinsam unterwegs. Und glücklich auf kleinem Raum.

Familie Vins vor ihrem Tiny Home
Kleines Glück ganz gross: Monika und Thomas Vins mit Klein-Romy.

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