19. Juni 2017

Via Vaterschaftsurlaub zur Gleichstellung

Väter sollen nach der Geburt eines Kindes 20 Tage lang Zeit für die Familie haben: Diesen Sommer wird die Initiative «Für einen vernünftigen Vaterschaftsurlaub» eingereicht. Laut einer Studie ist das Anliegen in der Bevölkerung breit abgestützt.

Als Vater für das Kind da sein können
Als Vater unmittelbar nach der Geburt für das Kind da sein können: Dieses Elternzeitmodell rückt in greifbare Nähe. (Bild: Getty Images)
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Mehr als 30 Vorstösse zu Vaterschafts- oder ­Elternurlaub hat das Parlament in den vergangenen zehn Jahren vom Tisch gefegt. Nun hat eine Allianz aus über 140 Organisationen 120' 000 Unterschriften für das Anliegen ­gesammelt. Federführend waren der Dachverband der Arbeitnehmenden (Travail Suisse), der Familien (Pro Familia), der Frauen (Alliance F) und der Männer- und Väterorganisationen (Männer.ch).

Diesen Sommer wird die Initiative «Für einen vernünftigen Vaterschaftsurlaub» eingereicht. Das Modell sieht 20 Tage Vaterschaftsurlaub vor, flexibel beziehbar. Die Kosten belaufen sich auf 300 bis 400 Millionen Franken, würden alle Väter den Urlaub in Anspruch nehmen. Wie der Mutterschaftsurlaub soll er über die Erwerbsersatzordnung finanziert werden.

Die Chancen stehen gut. Laut dem «MenCare Report» des Schweizerischen Instituts für Männer- und Geschlechterfragen fordern acht von zehn Personen in der Schweiz einen Vaterschaftsurlaub. Weder zwischen den Geschlechtern noch zwischen den Generationen oder städtischen und ländlichen Gebieten gebe es grosse Unterschiede.

Für Nicolas Zog g (35) von Männer.ch ist der Vaterschaftsurlaub ein zentrales Element der Gleichstellung. Er ermögliche es Vätern, von Anfang an Verantwortung für ihre Kinder zu übernehmen. «Vier Wochen Vaterschaftsurlaub sind sehr moderat», sagt er. Kathrin Bertschy (37) von Alliance F betrachtet den Vaterschaftsurlaub als einen ersten Schritt in Richtung einer längst fälligen Elternzeit.

«Mit dem derzeitigen Modell sind wir im letzten Jahrhundert stehengeblieben»

Kathrin Bertschy (37) ist GLP-Nationalrätin und Co- Präsidentin von Alliance F.
Kathrin Bertschy (37) ist GLP-Nationalrätin und Co- Präsidentin von Alliance F. Die Ökonomin lebt in Bern.

Mit dem Vaterschaftsurlaub könnten Väter gleich nach der Geburt fürs Kind da sein. Wie wichtig ist das?

Ein Kind hat zwei Elternteile. Ist nur die Mutter da, wenn es zur Welt kommt, ist die Botschaft klar: Die Verantwortung wird ihr übertragen. Das ist ein überholtes Denkmuster. Beide sind wichtig, nicht nur nach der Geburt, auch später.

Ändert ein Vaterschaftsurlaub etwas an den Rollenmustern?

Die heutige Situation mit einer Mutterschaftszeit von 14 Wochen, einem Vaterschaftstag und der fehlenden Möglichkeit, die Kinderbetreuung in dieser ersten Phase auf beide Elternteile zu übertragen, ist für Betroffene unbefriedigend. Das Modell, das der Staat unterstützt, teilt den Geschlechtern klare Rollen zu: Die Mutter ist zu Hause, der Vater am Arbeitsplatz. Damit spuren wir sehr früh traditionelle Rollen ein. Ein Vaterschaftsurlaub könnte die Weichen neu stellen.

Der Vaterschaftsurlaub geniesst viele Sympathien. Politisiert das Parlament am Volk vorbei?

In der Bevölkerung ist das Bedürfnis gross, Familie und Arbeit vereinbaren zu können und die Kinderbetreuung zu teilen. Diejenigen aber, die im Alltag damit konfrontiert sind, sind in der Politik untervertreten. Viele Parlamentarier leben eine traditionelle Rollenverteilung und können nur politisieren, weil ihre Frau den Haushalt schmeisst, die Kinder betreut und die Unterlagen für die Session bereitlegt. Sie sind wenig sensibilisiert und sagen sich vielleicht: «Ein Vaterschaftsurlaub kostet nur, früher ging das schliesslich auch ohne.»

Die Kosten für den Vaterschaftsurlaub werden viele abschrecken. Wie lassen sie sich rechtfertigen?

Unser heutiges Modell verursacht auch hohe volkswirtschaftliche Kosten. Zwölf Prozent der Frauen würden gern mehr arbeiten, können diesen berechtigten Wunsch aber nicht realisieren. Diese Frauen sind im Alter oder bei einer Scheidung häufig auf staatliche Unterstützung angewiesen. Die versteckten Kosten des heutigen Modells gehen gern vergessen.

Die versteckten Kosten des heutigen Modells gehen gern vergessen.

Wie profitiert die Volkswirtschaft, wenn Beruf und Familie sich besser vereinbaren lassen?

Können beide Eltern vermehrt und früher wieder einer Erwerbstätigkeit nachgehen, entschärft das auch den Fachkräftemangel. Die zusätzlichen Steuer- und Versicherungseinnahmen entlasten den Staat und tragen zur Amortisierung der Ausbildungskosten bei. Wenn Frauen mehr arbeiten, sind sie im Alter oder bei einer Trennung weniger angewiesen auf Ergänzungsleistungen und Sozialhilfe.

Die Unterstützungsleistungen für Familien betragen in der Schweiz 1,3 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Deutschland oder Dänemark geben mehr als drei Prozent aus. Warum werden Familien in der Schweiz weniger unterstützt?

Die Schweiz fördert versteckt über das Steuer- und Sozialversicherungssystem das traditionelle Familienmodell. Punkto Chancengleichheit der Frauen auf dem Arbeitsmarkt und Vereinbarkeit werden Familien aber allein gelassen. Mit dem derzeitigen Modell sind wir im letzten Jahrhundert stehengeblieben. Es ist bei uns noch kulturell verankert, dass Kinder Privatsache sind. Arbeiten aber gut ausgebildete Frauen nicht, obwohl sie das möchten, betrifft das den Staat – unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft – sehr wohl.

Sie gehen weiter als die Initianten des Vaterschaftsurlaubs und fordern eine Elternzeit von je 14 Wochen für erwerbstätige Eltern.

Eine ausreichend lange Elternzeit für diejenigen, die Erwerb und Kinder­betreuung aufteilen, stellt Väter und Mütter im Arbeitsmarkt und bei der Kinderbetreuung gleich – eine grosse Chance. Der Vaterschaftsurlaub ist ein wichtiger erster Schritt in Richtung längst fälliger Elternzeit.

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