18. Dezember 2017

Verträumtes Land

Bänz Friedli spürt bei Schnee das Kind im Manne. Hier kannst du dich mit anderen Lesern austauschen und die vom Autor gelesene Hörkolumne herunterladen.

Schnee macht Landschaft und Menschen sanfter
Schnee macht Landschaft und Menschen sanfter ...
Lesezeit 2 Minuten

Früher nannte man sie Bummler, aber an diesem kalten Tag habe ich mich für den Bummelzug entschieden, weil der angeblich schnellere Intercity neunzehn Minuten Verspätung gehabt hätte. Besser drinnen sitzen, als auf dem eisigen Perron dem Biswind ausgesetzt zu sein. Also ruckeln wir im warmen Waggon vorbei an Weilern und Wäldern, vor dem Fenster wirbeln dicke Schneeflocken wie aus dem Bilderbuch, «nächster Halt: Herzogenbuchsee».
Das Land hat etwas Verwunschenes und gleichzeitig Behagliches, an einem solchen Wintertag. Man stellt sich vor, eine der ­Flocken mit der Zunge aufzufangen, wie man es als Kind getan hat – auf dass sie darauf ­zergehe. Die Formen werden weicher, bald ist alles nur noch weiss, verwischt, verhüllt.

Was tut der Schnee? Er dämpft den Lärm, macht die Welt wohliger. Und überdeckt mit seiner Weissheit gleichsam alles Bangen. Schnee macht die Welt klein, die Menschen freundlich. Verwandelt er unsere asphaltierte Einöde über Nacht in eine Traumlandschaft voller skurriler Formen, dann erzeugt er Verbundenheit unter Wildfremden.
Ich erinnere mich an einen Morgen im Winter 1999, als plötzlich viel mehr Schnee lag als im Flachland üblich, und in der garstigen Vorstadt, wo ich wohnte, wurden die Menschen zutraulich. Man grüsste, wo man das doch sonst nie tat. Man lächelte, wo man doch sonst stets griesgrämig ins Leere blickte. Und mir wurde geholfen, den Kinderwagen über einen riesigen Schneewalm zu hieven, den die Strassenräumpflüge zwischen der Fahrbahn und dem Trottoir aufgeworfen hatten. Hier ein gutes Wort, da eine lustige Bemerkung. Die Welt wie verzaubert.

Der erste Schnee. Heuer fiel er an einem Abend, und ich schaute zu meinem Fenster hinaus in den unversehens hellen Garten, sah Kinder tollen, die doch eigentlich keine Kinder mehr sind. Gegen Mitternacht gings, und auch ich empfand sie: die kindliche Freude.
Es gibt nicht viele dieser magischen Momente, die das Kind im 52-jährigen Mann wecken. Doch es gibt sie. Wir sehen erste Schneeflocken und verdrängen unsere Sorge ums Klima. Wir erblicken nach längerer Zeit wieder das Meer, verdrängen die Verschmutzung, die Überfischung, das Elend der ertrunkenen Flüchtlinge – und sind einfach nur hingerissen. Wir sehen an Weihnachten Lichterglitzern und Kerzenschein – und verdrängen die ­gnadenlose Vermarktung der Tage davor.

Versuchen werd ichs, an Weihnachten: für Augenblicke Kind zu sein. Versuchen? Nein, ich weiss, dass es mir gelingen wird. Und sollte es sogar leise zu schneien beginnen, werde ich meine Liebsten fragen, ob sie mit nach draussen kommen. Schneeflocken auffangen, mit der Zunge. 

Die Hörkolumne (MP3)

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Kaffeetasse mit der Aufschrift "Begin"

Zitate starker Frauen

Bänz Friedli (Bild: V. Hartmann)

... und zweitens, als man denkt

Globus mit Schriftzug «Stadt, Land, Stutz»

Cristiano und die Schulklasse

Informationen zum Author

Take Away Kaffee

So ein Kafi!