03. März 2014

Verschollen im ewigen Eis

Vor zwei Jahren machte sich der Aargauer Cedric Hählen auf, das Karakorumgebirge in Pakistan zu erobern. Mit zwei Kollegen wollte er auf einer neuen Route den Gasherbrum I, den elfthöchsten Berg der Welt, besteigen. Von dort ist er nie zurückgekehrt.

Bergsteiger Cedric Hählen in der Felswand mit Kletterseil und Ausrüstung
Cedric Hählen stieg in der fast senkrecht ansteigenden Felswand, der Headwall, voraus. Unter ihm folgten Nissar Hussein und Gerfried Göschl.

Strahlend blaue Augen, Eiszapfen in den Barthaaren. Und hinter ihm Berge, deren felsig weisse Wände in die Höhe ragen. Der Bergsteiger auf dem Foto ist Cedric Hählen. Es zeigt ihn dort, wo er am liebsten war – mitten in den Bergen.

Cedric Hählen, Nissar Hussein und Gerfried Göschl (von links) vor der geplanten Erstbesteigung im Winter.
Cedric Hählen, Nissar Hussein und Gerfried Göschl (von links) vor der geplanten Erstbesteigung im Winter. (Bild: zVg. Familie Hählen)

Seine Mutter Ursula (67) und sein Vater Charles (65) Hählen blättern im Fotoalbum. Sie sitzen in ihrem Haus in Zweisimmen BE, das Cedric für sie umgebaut hatte, bevor er nach Pakistan zum Gasherbrum I aufbrach. «Das sind die Bilder seiner letzten Expedition», sagt die Mutter. Vor zwei Jahren ist ihr Sohn von dort nicht mehr zurückgekehrt.

Cedric wollte mit dem Österreicher Gerfried Göschl und dem Pakistani Nissar Hussain den Gasherbrum I oder «Hidden Peak» auf einer neuen Route besteigen. 8080 Meter, der elfthöchste Berg der Welt, Erstbesteigung im Winter. Cedric, in Rütihof AG aufgewachsen, liebte die Kälte, die vereisten Felsen, die Herausforderung.

Ursula und Charles Hählen hatten nie Angst gehabt, dass ihr Sohn von einer seiner Touren nicht mehr zurückkommen würde. «Wir hatten grosses Vertrauen in ihn und sein Können. Wir wussten, dass er umkehren kann, wenn das Bauchgefühl nicht stimmt. Auch wenn er kurz vor dem Gipfel stand», sagen beide. Wenn die Mutter doch mal ein ungutes Gefühl gehabt hatte, dann «zündete ich eine Kerze an. Das hat mich beruhigt und hat meine Angst in etwas Warmes verwandelt.»

Jeep-Karawane auf einem Bergpfad mitten in Schnee und Geröll.
Beschwerliche Anreise zum Gasherbrum I: Mit Jeeps gings auf 3000 m ü. M. (Bild: zVg. Familie Hählen)
Cedric Hählen in den Bergen in Bergsteiger-Ausrüstung und mit Eiszapfen am Bart.
Cedric liebte die Kälte. Auf dem Berg war es bis zu 40 Grad unter Null. (Bild: zVg. Familie Hählen)

Im Januar 2012 hatten Cedric und seine Kollegen das Basislager auf dem Gletscher am Fuss des Gasherbrum I erreicht. Sie bereiteten ihren Aufstieg vor. Das erste Stück: eine extrem steile Wand aus Fels, Schnee und Eis, über 1000 Meter hoch. Sie sichern die Wand mit Fixseilen, schleppen Material hoch, um das Lager 1 zu errichten. Die Temperaturen: am Berg bis zu minus 40 Grad, im Basislager minus 30 Grad. Sechs Wochen dauerten die Vorbereitungen. Am 6. März 2012 ein Gutwetterfenster, endlich – nach zwei Tagen Sturmwetter mit Windgeschwindigkeiten von über 120 Kilometer pro Stunde. Sie zogen los, die eisige Wand hoch, übernachteten auf 6200 Metern. Überstiegen anderntags den Grat auf 6800 Metern und gingen weiter über ein Firn-und Eis-Plateau. Satellitentelefon, Funk- und GPS-Geräte – die Seilschaft war technisch top ausgerüstet. Die Eltern und die Schwester erhielten fast täglich Nachrichten.

Bergsteiger und Träger beim Aufstieg.
Mit 64 Trägern ging es in sechs Tagen bis ins Basislager am Gasherbrum I. (Bild: zVg. Familie Hählen)
Eine Gruppe sitzt in der Kälte um ein Feuer.
Träger, Helfer und Köche wärmen sich am Feuer. (Bild: zVg. Familie Hählen)

Am 9. März 2012 waren sie in etwa 7800 Meter Höhe. Gerfried Göschl funkte ins Basislager: «Alles ist gut, es ist anstrengend, und wir kommen nur langsam vorwärts, weil unsere Rucksäcke so schwer sind.» Dies war ihr letztes Lebenszeichen. Dann kam nichts mehr. Die schlimme Zeit des Wartens begann.

«Die Ungewissheit ist das Schlimmste», sagt Charles Hählen. «Das macht dich kaputt.» Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute warteten sie auf ein Lebenszeichen ihres damals 30-jährigen Sohnes, hofften, dass sie erfahren würden, wo er steckte, wo sie ihn retten könnten. Erst sechs Tage später konnte der Rettungshelikopter zum ersten Suchflug abheben. Er flog auf etwa 7000 Meter hinauf. Höher geht nicht. Die Luft ist zu dünn. Zwei Stunden war er unterwegs. Von den drei Bergsteigern keine Spur.

Konserven liegen in einem Gefäss mit heissem Wasser.
Auftauen der Konserven mit heissem Wasser. (Bild: zVg. Familie Hählen)
Pakistanischer Koch hinter dem Feuer.
Der pakistanische Koch sorgte fürs leibliche Wohl. (Bild: zVg. Familie Hählen)

Ursula und Charles Hählen wussten aber auch, ihr Cedric ist stark. Sie gaben nicht auf. Cedric, der sich als Siebenjähriger zum Geburtstag eine Bergtour gewünscht hatte, war einer der besten Hochgebirgskletterer der Schweiz und der jüngste Europäer, als er 2004 auf dem K2 stand. Kein anderer kletterte so flink steile Eiswände hoch. Die neue Route am Gasherbrum I wäre ohne ihn nicht denkbar gewesen.

Die Angehörigen versuchten herauszufinden, was am 9. März am Berg passiert war, waren in Kontakt mit den Bergsteigern im Basislager, mit der Familie von Göschl. Sie tauschten alles aus, was sie wussten. Ohne Erfolg.

Jeden Tag warteten sie darauf, dass der zweite Suchflug starten konnte. In Cedrics Blog schrieben sie: «Auch wenn unser Gefühl und unser Verstand ab und zu etwas anderes sagen wollten – ­unsere Hoffnung war stets grösser.»

Am 31. März, 22 Tage nach Cedrics Verschwinden, hob der zweite Helikopter endlich zum Suchflug ab. Nichts. Charles Hählen vergrösserte am Computer die Fotos, die beim Suchflug entstanden waren, in der Hoffnung, auf eine Spur zu stossen. Er fand nichts. Gewissheit hatten Hählens nun trotzdem. «Er liegt dort in seinen geliebten Bergen», sagt Charles Hählen.

Pickel, Seile, Schrauben im Schnee.
Cedrics Ausrüstung: Pickel, Seile, Schrauben. (Bild: zVg. Familie Hählen)

Der zweite Helikopterflug war für die Familie ein symbolischer Endpunkt. «Das letzte Stück Hoffnung, das wir noch hatten, mussten wir aufgeben», sagt Cedrics Schwester.

Drei Wochen später fand in Zweisimmen der Gedenkgottesdienst statt. «Um einen Abschluss zu machen und weitergehen zu können», sagt die Mutter. Im Juli 2012 reisten die Eltern nach Pakistan. «Wir wollten an den Ort hingehen, wo unser Sohn Cedric geblieben ist. Wir wollten verstehen, warum er das Land so geliebt hatte.» Sie stiegen über den 60 Kilometer langen Baltorogletscher zum Basislager des Gasherbrum I hoch. Immer wieder trafen sie Leute, die Cedric gekannt und die von ihren Erlebnissen mit ihm erzählt hatten. Bei den Pakistani war er bekannt als Bergsteiger, der nie Handschuhe trug. Und wildfremde Leute nahmen sie in die Arme, um sie zu trösten. «Wir konnten viel reden und uns mit so vielen Menschen austauschen, die Cedric gekannt hatten», erinnern sich die Eltern.

Und sofort schiessen ihnen wieder die Tränen in die Augen. Die Stimme von Ursula Hählen wird brüchig: «Das war die schwierigste Zeit, diese vier Tage im Basislager des Gasherbrum I. Und sein Gepäck auszupacken und die zahlreichen Fotos auf den Speicherkarten seiner Kamera zu sichten, das war brutal.»

Cedrics Lebensmotto war: «Ganz oder gar nicht»

In der Nähe des Basislagers vom K2, auf dem Gilkey-Memorial-Platz, setzten sie eine Tafel im Gedenken an die drei verschollenen Bergsteiger. «Ohne diese Reise nach Pakistan wären wir heute nicht so weit», sagen sie. So weit sein, heisst für sie: Sie können das Schicksal akzeptieren, trotz Schmerz, trotz Trauer. «Man hat einen Lebensplan», sagt Charles Hählen. «Der ist vorgegeben. Es gibt mehr als nur das irdische Leben. Das hilft uns, darüber hinwegzukommen.» Ursula Hählen meint: «Cedric möchte nicht, dass wir in der Trauer versinken. Wenn ich ganz traurig bin, raffe ich mich irgendwann immer wieder auf.»

Die Eltern von Cedric Hählen sitzen auf der Bank, die sie in Gedenken für ihren Sohn aufstellen liessen.
Für ihren Sohn haben die Hählens diese Bank aufgestellt. (Bild: Daniel Rihs)

Einfach ist das nicht. Die Trauer kommt meist aus dem Nichts. Beim Skifahren, an einem bestimmten Berg, ein bestimmtes Essen, ein Gegenstand, der sie an Cedric erinnert. «In diesen Momenten drückt es dir das Herz ab», sagt der Vater. «Es hilft mir, wenn ich alles umkremple und versuche, das Schöne zu sehen: Wir haben 30 Jahre mit Cedric gelebt, er hatte ein intensives Leben.»

Sein Leben war tatsächlich dicht: Er war auf zahllosen Bergtouren unterwegs, hatte sechs Expeditionen zu Achttausendern unternommen, schaffte es dabei, 3 der 14 Achttausender zu besteigen. Er war gelernter Landschaftsgärtner, war mitten in der Ausbildung zum Bergführer. Vor vier Jahren hat das Migros-Magazin den talentierten Alpinisten porträtiert. Als Lebensmotto gab er an: «Ganz oder gar nicht.»

Das Migros-Magazin porträtierte Cedric Hählen am 6. April 2010.

Zeit für seine Nächsten fand er trotz vollgepackten Programms immer. Um seinen Göttibub, den älteren Sohn seiner Schwester Sandra Wetzel-Hählen (35), kümmerte er sich, selbst wenn das Bergwetter rief. Der Zusammenhalt in der Familie war gross: Gemeinsame Bergtouren waren keine Seltenheit.

Etwas lässt Sandra nicht los: dass ihr Bruder nicht gefunden wurde. «Wir können ihn nicht beerdigen. Am Anfang dachte ich, dass mir das egal sei. Nun habe ich gemerkt, dass ich daran zu beissen habe. Auch die Ungewissheit, was genau passiert ist, ist belastend. Aber an diesem Warum herumzudenken, bringt nichts.»

Viele Leute wagen nicht, sie auf den Tod ihres Bruders anzusprechen. Sie fragen nicht, wie es ihr geht, obwohl es ihnen vielleicht auf der Zunge liegt. Sie wäre froh, wenn die Leute fragen würden. «Reden ist die beste Medizin», sagt Sandra. Mit ihrem Mann Thomas Wetzel (43) kann sie aber immer über Cedric sprechen. Auch Thomas geht der Tod sehr nahe. Wie alle aus der Familie ist auch er ein Bergsteiger. Zudem arbeitet er als Landschaftsgärtner, so wie einst sein Schwager Cedric.

«Auch wenn es Katzen hagelte, sagte Cedric jeweils: Ich wünsche euch einen sonnigen Tag. Das war sein Motto, er war immer voller Lebensfreude», sagt Ursula Hählen. Diese Lebensfreude steckt auch in den Eltern selbst. Und wenn es noch so schwer für sie ist, die positive Lebenseinstellung ist immer noch da. Das hätte auch Cedric so gewollt, sind sich die Eltern sicher.

Verschollen am Berg

Giovanni Goltz
Giovanni Goltz starb an Erschöpfung. (Bild: zVg.)

Mount Everest 2008: Giovanni Goltz

Der Tessiner Giovanni Goltz (44) stirbt 2008 während der Dreharbeiten zum Schweizer Dokumentarfilm «Sherpas – die wahren Helden am Everest» beim Abstieg auf 8200 Meter Höhe an Erschöpfung. 2010 wird der Leichnam geborgen.

Die Berner Oberländer Alpinisten Claudine Zbinden (34) und Hanspeter Frutiger (28)
Die Berner Oberländer Alpinisten Claudine Zbinden (34) und Hanspeter Frutiger (28). (Bild: zVg.)

Montblanc-Lawine 2008: Claudine Zbinden (Bild), Hanspeter Frutiger (Bild), Toni Kehrli

Beim Lawinenunglück am Mont Blanc sterben 2008 die drei Berner Oberländer Alpinisten Claudine Zbinden (34), Hanspeter Frutiger (28) und Toni Kehrli (32). Letzterer war Hüttenwart der Gaulihütte. 2012 gibt der Gletscher den Leichnam von Claudine Zbinden frei.

Titlis 1985: Daniel Hirt

1985 stürzt der 19-jährige Bergsteiger Daniel Hirt am Titlis mit seinem Freund Daniel Suter ab. Sein Vater Peter macht sich danach 138 Mal auf den Firnalpeli-Gletscher auf die Suche nach den Überresten des Sohns. Er findet immer wieder Teile der Ausrüstung der beiden Freunde, 2003 stösst er auf den Leichnam von Daniel Suter. 2005 stossen Wanderer auf dem Gletscher auf die sterblichen Überreste von Daniel Hirt.

Fidelis Ebener. (Bild: zVg.)

Lötschental 1926: Ebener Brüder

Am 4. März 1926 brechen die Brüder Johann (30), Cletus (29) und Fidelis (23, Bild) Ebener zusammen mit Max Rieder in Kippel im Lötschental zu einer Bergtour im Aletschgebiet auf. Danach fehlt von ihnen jede Spur. Es ist das grösste Bergsteigerunglück des Tals. 86 Jahre nach ihrem Verschwinden gibt der Grosse Aletschgletscher 2012 die Überreste der Ebener-Brüder frei.

Jungfrau, Mönch 2013:

Seit dem 27. Juli werden zwei Zürcher Alpinisten im Alter von 32 und 35 Jahren vermisst. Frühmorgens sind sie mit der Jungfrabahn zum Jungfraujoch hinaufgefahren. Die beiden wollen den Mönch besteigen und in der Mönchsjochhütte übernachten, doch dort kommen sie nie an. Eine grosse Suchaktion bleibt erfolglos.

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