04. Oktober 2018

Verlieben, trennen, verlieben

Ein Paar geht auseinander und kommt wieder zusammen. Kann das gut gehen? Zwei Paare erzählen vom Bruch und vom wiedergefundenen Glück.

Lesezeit 4 Minuten

Regula Götsch (55), Kloten, Wirtin im Riiterstübli Waldhof, Winkel ZH, und Daniel Neukom (55), Kloten, selbständig erwerbender Grafiker und Webdesigner

Regula Götsch und Daniel Neukom im Riiterstübli Waldhof, Winkel ZH

Zwanzig Jahre lebten sie zusammen mit ihren zwei Buben, die heute 26 und 23 Jahre alt sind. Dann war die Luft draussen. Regula Götsch, damals Geschäftsführerin eines grossen Vereins, arbeitete während eines unbezahlten Urlaubs vier Monate lang in einem Hotel im Bündnerland und verbrachte dort eine Nacht mit einem anderen Mann.

Die SMS, die sie danach ihrer Freundin schicken wollte, landete versehentlich bei ihrem Ehemann. «Da hat es mir abgelöscht», sagt Daniel Neukom, «ich verlor das Interesse an unserer Beziehung.» Auf einer Party trat eine neue Frau in sein Leben. Trotzdem wohnte das Ehepaar Götsch/Neukom noch ein ganzes Jahr lang zusammen, dann zog Daniel Neukom aus.

Da hat es mir abgelöscht. Ich verlor das Interesse an unserer Beziehung.

Daniel Neukom

Heute wohnt er, eine Viertelstunde mit dem Velo entfernt von der einstigen Familienwohnung, allein mit seinen Kanarienvögeln in einer Zweizimmerwohnung. Regula Götsch aber wollte die Familie zusammenhalten. Und so trafen sie sich weiterhin regelmässig am Sonntagabend bei ihr zum Familienessen. Die Jungs besuchten jeden Donnerstagabend ihren Vater zum gemütlichen «Herrenabend».

Ein Paar, zwei Wohnungen

Die neue Partnerin von Daniel Neukom verlangte, er solle sich zu ihr bekennen, sich scheiden lassen. Je mehr Druck sie aufsetzte, desto mehr Konflikte entstanden, bis er nach zwei Jahren einen Schlussstrich zog. Regula Götsch, die derweil ihre ersten Ferien auf Sardinien genoss, seit Langem ganz allein, war im Einklang mit sich und der Welt.

Als die beiden je für sich allein gut im Leben standen, näherten sie sich wieder an. «Eigentlich finden wir es immer noch lässig miteinander», hätten sie gemerkt, so Regula Götsch. Seit vier Jahren sind sie wieder offiziell ein Paar. Trotzdem war für beide klar, dass sie ihre getrennten Wohnungen behalten möchten. Sie schätzen den Freiraum und müssen sich nicht mehr ärgern über Kleinkram im alltäglichen Zusammenleben.

Den Eklat habe es gebraucht, sind sie sich einig. «Wir sind beide eigenständiger geworden», sagt Regula Götsch, «wir wissen unterdessen beide, dass wir auch gut allein leben können und keinen Partner brauchen, um glücklich zu sein und ein gutes Leben zu führen.»

Andrea Zoller (43), Radioelektrikerin und Technische Kauffrau, und Kay Zoller (47), Leiter IT, Abteilung im Personalamt des Kantons Thurgau, Nussbaumen TG

Andrea Zoller und Kay Zoller in ihrer Hängematte

In der Pfadfinderzeit, sie beide waren Pfadfinderleiter, sie 18, er 22, waren sie ein Herz und eine Seele. «Kay war bildhübsch!», schwärmt Andrea Zoller. Und Kay Zoller sagt: «Als sie mir im Leiterkurs auf den Knien sass, durchströmten mich Glückshormone.» 

Ein gutes Jahr lang genossen sie ihre junge Liebe. Doch als er ihr im Sommer einen Verlobungsantrag machte, brach sie aus: «Ich hielt das erst für einen Scherz», sagt sie, «mit knapp 20 war es für mich viel zu früh zum Heiraten. Ich wollte das Leben geniessen.» Ihre Wege trennten sich. «Du brachst mir das Herz», sagt er. 1994 begegneten sie sich noch einmal. Dann verloren sie sich aus den Augen.

Ein gutes Jahrzehnt später heiratete Kay Zoller eine andere Frau, er war 33, sie 22. Er steckte viel Energie in den Sport, lief Marathon, Triathlon, den Ironman und einmal quer durch die Schweiz, von Norden nach Süden. Drei Jahre später war die Beziehung am Boden, seine Frau und er liessen sich scheiden.

15 Jahre später war er wieder da

Andrea Koller, damals noch Nägeli, hatte unterdessen zwei längere Beziehungen gehabt und mehrere kürzere Geschichten. «Zählen One-Night-Stands auch?», fragt sie augenzwinkernd.

15 Jahre nach ihrer Trennung, im Mai 2009, kreuzten sich die Wege von Andrea und Kay Zoller wieder. Berufshalber. Als sie in einer E-Mail seinen Namen las, war ihr sofort klar: Es gibt keinen zweiten Kay Zoller im Thurgau. Sie nahmen Kontakt auf und sassen beim Wiedersehen bis ein oder zwei Uhr nachts im Gartenrestaurant, das Personal war schon längst nach Hause gegangen.

«Dann ging es ratzfatz. Es hat einfach gleich gepasst», erinnert sie sich. Sie, damals 34, zog zu ihm, 37, in sein neues Häuschen. «Wir wussten, dass wir noch Familie wollten, und zwar jetzt.» Heute sind sie stolze Eltern von drei Söhnen, Marlon (8), Robin (6) und Simon (4).

Ich hielt seinen Verlobungsantrag für einen Scherz. Mit knapp 20 war es für mich viel zu früh zum Heiraten.

Andrea Zoller

«Dass wir wieder zusammengekommen sind, ist das Beste, was mir je passiert ist», sagt er freudestrahlend. «Wir streiten zwar auch, aber das gehört wohl dazu.» «Vor allem wenn man drei Kinder hat», ergänzt sie und lacht. «Wahrscheinlich ist es uns dann mal sterbenslangweilig, wenn sie ausgezogen sind.»

Die Trennung und damit verbunden die Erfahrungen, die sie gesammelt hätten, seien wohl nötig gewesen, meint er rückblickend. «Ich kann mich heute Diskussionen besser stellen.» «Und du rennst nicht mehr so viel», sagt sie schmunzelnd.

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Paartherapeut Wolfgang Krüger

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